THE ROLLING STONES – What Can A Poor Boy Do?

„Ach, ohne Charlie war es das!“, so die ersten Gedanken der meisten Stones-Fans im Sommer 2021, als Drummer Watts nach kurzer Krankheit völlig unerwartet verstarb. Dass die drei Restmitglieder dennoch weitermachten und sogar eine Europa-Tournee zum 60. Bandgeburtstag ankündigten, war vielen zunächst suspekt. Doch wenn Jagger und Co in Deiner Nähe sind, dann muss man hin! So ähnlich dachten auch knapp 60.000 Menschen und pilgerten an diesem warmen Juli-Abend in die Schalke-Arena nach Gelsenkirchen.

Den Abend eröffnet Zucchero. Ein toller Sänger mit grandioser Begleitband, aber das Gros der Zuschauer ist sich einig: diese Kombination geht heute nicht wirklich auf, die musikalischen Schnittmengen mit der Hauptattraktion sind zu gering.

Um 20.50 Uhr flackert eine Hommage an den verstorbenen Ex-Schlagzeuger über die Videoleinwände und die magische Ansage „Ladys and Gentleman: THE ROLLING STONES“ lassen unmittelbar im Anschluss das markante Riff zu „Street Fighting Man“ erklingen. Nun, Mick ist alles, aber kein „Poor Boy“ mehr, aber auch mit 79 Jahren (er hatte am Vortag Geburtstag, was das Publikum im Laufe der Show noch zu einem Ständchen verleiten lässt) bleibt ihm nicht viel anderes übrig als „To Sing For A Rock´n´Roll Band“ – und wie! Keine Sekunde steht der Mann still, jeder Zentimeter der Bühne wird betanzt, das Publikum animiert und ein paar Ansagen in deutscher Sprache mit Lokalkolorit („Glück auf!“, oder „Ronnie Wood, der Rembrandt der Ruhr“) lassen alle freudig die Arme nach oben reißen und klatschen. Ob er wirklich weiß, was er da sagt? Das spielt keine Rolle, die Leute lieben ihn.

Erstes Highlight ist das seit der Veröffentlichung Mitte der 60er nie live gespielte „Out Of Time“, unmittelbar gefolgt von der herzzerreißenden Ballade „Wild Horses“, die Jagger angeblich am Krankenbett für seine beinahe an einem Suizidversuch verstorbene damalige Freundin Marianne Faithfull geschrieben hat. Zur Halbzeit gönnt der Frontmann sich wie üblich eine kleine Auszeit und Keef übernimmt das Mikro. Mehr gekrächzt als gesungen und in seiner sympathisch lakonischen Ansage-Art, die immer ein wenig an Inspektor Columbo erinnern lässt, gibt er „Slipping Away“ und seine allererste Gesangsnummer „Connection“.

Jetzt geht es Schlag auf Schlag, es folgen die in Fankreisen genannten „Warhorses“: „Miss You“ (inklusive ausführlichem Bass-Solo von Darryl Jones), „Start Me Up“ und natürlich „Gimme Shelter“. Wem die von Background-Sängerin Sasha Allen wütend geschrienen Zeilen „Rape, Murder, It´s Just A Shot Away!“ gelten, wird beim Einblenden der ukrainischen Flagge auf den Leinwänden klar. In der 13-minütigen Blues-Oper „Midnight Rambler“ duellieren sich Keith und Ronnie mit ihren Gitarren, während Mick seine Mundharmonika einstreut und sich alle drei auf der vorgelagerten Mittelbühne einfinden, um ein Bad in der Menge zu nehmen.

„Jumpin´Jack Flash“ beendet den offiziellen Teil, doch das gesamte Stadion weiß, was jetzt kommt: Die „Who-Who“-Chören leiten „Sympathy For The Devil“ ein. Wie immer ist die Bühne in diabolisches Rot gehalten und durchgehend singen die 60.000 den vielleicht berühmtesten Background der Musikgeschichte gemeinsam.

Logisch, kein Abend endet ohne „Satisfaction“, das an diesem Abend kein einfacher Rocksong, sondern eine Hymne ist, die noch einmal Jede*n in der Arena zum Tanzen bringt. Eine letzte Verbeugung, und nach etwas mehr als zwei Stunden sind Mick, Keith, Ronnie und der Rest der Truppe weg.

Sollte diese Tour tatsächlich die letzte sein (wie oft haben wir das schon gedacht?), gehen die Zuschauer*innen in Gelsenkirchen mit dem guten Gefühl nach Hause, eine der größten Rockbands aller Zeiten noch einmal mit einem mehr als überzeugenden Konzert erlebt zu haben, von dem sich viele Jungspunde noch eine Scheibe abschneiden können.

 

SETLIST

  1. Street Fighting Man
  2. Let’s Spend The Night Together
  3. Tumbling Dice
  4. Out Of Time
  5. Wild Horses
  6. You Can’t Always Get What You Want
  7. Ghost Town
  8. Honky Tonk Women
    Band introductions
  9. Slipping Away (Keith)
  10. Connection (Keith)
  11. Miss You
  12. Midnight Rambler
  13. Paint It Black
  14. Start Me Up
  15. Gimme Shelter
  16. Jumpin´ Jack Flash
    Zugabe
  17. Sympathy For The Devil
  18. Satisfaction

 

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Fotos: Wollo@Whiskey-Soda

Wollo

Altenpfleger mit didaktischer Weiterbildung. Hört Rockmusik aus verschiedenen Genres und bis zu einem gewissen Härtegrad aus allen Jahrzehnten, hin und wieder auch eher ruhigere Singer/Songwriter. Geht oft auf Konzerte, aber leider nur noch selten auf Festivals. 

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