Kolossale Gegenwart

Es gibt wohl keinen zweiten Künstler in Deutschland, der – zumindest in der allgemeinen Wahrnehmung – soweit unter dem Radar läuft und gleichzeitig so eine große Anhängerschaft hat, wie Funny van Dannen. Seine Fans feiern ihn für seine oftmals satirischen Texte, die immer Anlass zum Lachen oder Nachdenken geben. Wenn er nicht für sich selbst schreibt, liefert er Kollegen Vorlagen. Am bekanntesten ist dabei wohl seine Zusammenarbeit mit den Toten Hosen, die mit dem Hit „Bayern“ ihren Höhepunkt hatte. Wie fast immer hat van Dannen auch „Kolossale Gegenwart“ live bei vorangegangenen Konzerten aufgenommen, wobei nur in wenigen Augenblicken Applaus oder Gelächter des Publikums zu hören ist.

Eine schrummelige Gitarre und eine Mundharmonika lassen beim Titel-Track an die frühen Werke von Bob Dylan erinnern und gleich im Opener ist die vielleicht schönste Zeile enthalten: „Würde der Kapitalismus auch mit fröhlichen Menschen funktionieren?“

Während sich die Ärzte bei „Junge“ Sorgen um den eigenen Nachwuchs machen, bekommt der missratene Spross bei Funny ein klares „Fuck You“ an Kopf geknallt, weil er den Tisch nicht abräumen oder seine Vokabeln lernen will. Eltern kennen solche Situationen.

Meist wird die Klampfe in bester Lagerfeuer Manier wenig filigran eingesetzt, manchmal gibt es aber auch fein gezupfte Klänge als Begleitung, wie in „Wut“ oder „Sonnensong“, die in der Spielweise dann eher an Hannes Wader denken lassen. Thematisch gibt es keinen roten Faden und keinerlei Tabus. Der Musiker kümmert sich u.a. um die Überpräsenz von Gesundheitsminister „Lauterbach“, seine eigene „Westdeutsche Jugend“ oder den Sohn vom „Ziegenficker“. Wenn der Inhalt abgehandelt ist, wird das jeweilige Lied nicht unnötig in die Länge gezogen. Dabei ist es dem Künstler völlig egal, ob er dafür 30 Sekunden braucht, oder er sich wie im finalen von 20 Tracks drei Minuten mit dem Wort „Scheiße“ beschäftigt.

Zum Abschluss muss noch einmal ein Vergleich mit Dylan herhalten: Auch bei van Dannen wirken manche Textzeilen auf den ersten Blick so einfach und lässig („How Many Roads Must Man Have Walked Down, Before You Can Call Him A Man“ vs. „Die meisten wollen ihre Ruhe und den meisten geht es gut, das ist schlecht für einen Umsturz, denn dafür man braucht Elend und Wut“), wenn man sie ein wenig wirken lässt, entfaltet sich bei beiden erst der ganze (Hinter-) Sinn. „Kolossale Gegenwart“ ist keine Platte, die im Hintergrund laufen sollte. Auf van Dannens Homepage finden sich alle Texte (für Hobbygitarristen inklusive Akkorden!) und es lohnt sich, diese zusätzlich zum Hören einmal nach- bzw. mitzulesen.

Note: 1

 

 

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Wollo

Altenpfleger mit didaktischer Weiterbildung. Hört Rockmusik aus verschiedenen Genres und bis zu einem gewissen Härtegrad aus allen Jahrzehnten, hin und wieder auch eher ruhigere Singer/Songwriter. Geht oft auf Konzerte, aber leider nur noch selten auf Festivals. 

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