Rolling Stones

Sticky Fingers Live At The Fonda Theatre

  • Artist: Rolling Stones
  • Album: Sticky Fingers Live At The Fonda Theatre
  • Label: Universal
  • Release: 2017-09-29
  • Medium:
  • Bewertung:2

Die Rolling Stones im Stadion sind ein Classic Rock-Hitfeuerwerk, das sich seit Jahrzehnten nicht mehr groß verändert hat. Die Rolling Stones in der Halle, im Theater oder im Club – je kleiner, desto besser – sind hingegen ein Beweis, daß sie, so sie denn wollen, immer noch die komplette Konkurrenz zum Trocknen aufhängen können. Nach der „Totally Stripped“-Box und dem „Shine A Light“-Soundtrack hier nun mit „Sticky Fingers Live At The Fonda Theatre“ das aktuellste Zeugnis dieser These.

Wie der Titel schon klarmacht, steht hier das „Sticky Fingers“-Album von 1971 im Mittelpunkt. Die kompletten zehn Songs der Scheibe wurden an diesem Abend, wenn auch nicht in ihrer originalen Abfolge, gespielt und in bester Ton- und Bildqualität für die Nachwelt festgehalten. Das Feine daran ist neben der relativ intimen Atmosphäre eben auch das Songmaterial an sich. Denn „Sticky Fingers“ mag eines der erfolgreichsten Alben der Band sein, die bisweilen reichlich düstere und morbide Atmosphäre des Albums sorgt dafür,daß abgesehen vom Megahit ‚Brown Sugar‘ gewöhnlich nicht allzu viel von „Sticky Fingers“ in einer regulären Stadion-Setlist auftaucht. Hier wimmelt es von harten Drogen, gefühlsfreiem Sex, menschenfeindlichem Nihilismus und natürlich dem allgegenwärtigen Tod, der uns alle ständig über die Schulter lugt: die Stones hatten damals das Altamont-Drama, den Tod von Brian Jones und ihren eigenen Hedonismus, der vom Spass zum Höllischen eskaliert war zu verarbeiten. Die Notgeilheit von ‚Can’t You Hear Me Knocking‘, das präsuizidale Junkie-Selbstmitleid von ‚Dead Flowers‘, die Ode ans Heroin in ‚Bitch‘, die Verlorenheit von ‚Moonlight Mile‘, der Hilfeschrei ‚Sway‘ und natürlich der Entzugs-Horror von ‚Sister Morphine‘ – alles in klaren, deutlichen und ungeschönten Worten, im Gegensatz zu den poetischen Verklausulierungen des thematisch ähnlich agierenden Jim Morrison. Und natürlich musikalisch gestützt von einigern der großartigsten Songs aller Zeiten, vom Blues über Country und Soul zu hartem Rock. Ja, „Trainspotting“ und alle seine Epigonen starten hier.

Die wildesten Zeiten sind bei den Stones aber eben schon seit Jahren vorbei, selbst ein Keith Richards reißt sich heuer für die Musik zusammen. Da darf man natürlich nicht erwarten, daß diese Abgründe bei der, mit Verlaub, Rentner-Kombo heuer noch so viel Verzweiflung und Dringlichkeit hervorrufen. Die Songs aber sind, wie die Musiker, immer noch ganz große Klasse und wirken auch ohne Selbstzerstörungs-Agenda immer noch verdammt mitreißend. Wo im Original das „wie sollen wir das durchstehen“ im Vordergrund stand, kommt jetzt eher das „weißt du, wie knapp wir das überlebt haben“ durch. Natürlich fehlt Blues-Genie Mick Taylor, der das Album nicht wenig geprägt hatte, schon ein wenig, doch der ewig unterschätzte Ronnie Wood liefert weniger bluesige, aber ebenso beseelte Slideparts und Soli, die perfekt zum entspannteren Vortrag der Restband passen. Dennoch, wenn die Stones zu poltern beginnen, macht das Ganze immer noch jede Menge Spaß – und Lärm. Die ‚Can’t You Hear Me Knocking‘-Jam groovt wie Hölle, und ‚I Got The Blues‘ geht so tief runter, daß man gleich nochmal zurückskippen will.

Leider hat die Band aber beschlossen, nicht wie bei den anderen Ausgaben der „From The Vault“-Serie das komplette Konzert ungefiltert auf den Datenträger zu pressen, sondern zwischen den Songs Interviews und Kommentare einzublenden. Das ist zwar durchaus interessant, eine durchgehende Performance (wie auf der CD-Version) und Interviews im Bonusteil hätten aber definitiv besser gepasst. So wird man leider immer wieder aus der Performance herausgerissen, und sobald ein interessantes Thema angeschnitten wird, geht’s gleich wieder zur Musik. Noch dazu wurden drei Songs der Show – ‚All Down The Line‘, ‚When The Whip Comes Down‘ und Otis Reddings ‚I Can’t Turn You Loose‘ (für Kinofans: die Erkennungsmelodie der Blues Brothers) – ins Bonusmaterial verbannt. Das mag Erbsenzählerei sein, verhindert aber leider die Höchstwertung für ein eigentlich exzellentes und dennoch für Stones-Fans fraglos empfehlenswertes Teil.

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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