Stick Men

Roppongi

Es gibt ja eine ganze Menge King Crimson-Fans, die der aktuellen Ausrichtung der Band ein wenig kritisch gegenüberstehen. Durchaus verständlich, denn lange Jahre waren King Crimson eben die letzte Bastion im Prog, die statt Nostalgie immer noch die Zukunft im Auge hatte und mit nicht immer einfacher Musik bediente. Unter der kreativen (?) Führung von Gavin Harrison und Jakko M. Jakszyk hat der einstige Widerborst Robert Fripp sich nun aber in den letzten Jahren auch der Siebziger-Backkatalog-Verwaltung ergeben – was einerseits schön für Altfans ist, wer aber den schräg-experimentellen, zukunftsweisenden Ansatz der Band vermisst, muss sich heuer eher mit den Projekten der Ex-Mitglieder Adrian Belew und Trey Gunn oder eben den Stick Men trösten.

Besagte Stick Men sind Wunderbasser Tony Levin und Drummer Pat Mastelotto, die beide nach wie vor auch bei King Crimson aktiv sind, und Markus Reuter – bekanntlich der beste Ersatz-Fripp seit Reeves Gabrels. Wäre David Bowie noch am Leben, wäre der Job in der nächsten Tourband für Reuter wohl nur noch eine Formsache – man höre nur das Bowie-/Scott Walker-mäßige ‚Prog Noir‘. Für vorliegendes Live-Album haben sie sich mit Mel Collins (Gebläse) ein weiteres aktuelles King Crimson-Mitglied ins Boot geholt – und liefern hier über weite Strecken tatsächlich mehr Crimson-Flair als zusammen mit dem Rest der Band. Statt drei Drummern reicht her einer, Mastelotto tobt sich mit Hilfe diverser Loops, Geräusche und natürlich reichlich „echtem“ Drumming aus, und das Resultat erinnert mehr als einmal an die ProjeKcts-Phase. Sprich, eingängiges Songwriting gibt’s hier nicht, auch nicht bei den wenigen mit Gesang ausgestatteten Stücken. Dafür bieten Stick Men atemberaubende Improvisationen, bisweilen in atonal-lärmige Gefilde abtauchend, SciFi-mäßige Klangwelte, die auf jazzige Saxsoli treffen, fieses Industrial-Gebolze zu zarten Flötenklange, Horror-Soundscapes voller komische Geräusche und bisweilen durchaus tanzbarer Grooves – ja, genau das, was man eigentlich im Jahr 2017 von King Crimson mit Mel Collins erwarten würde. Und das sind nur die Eigenkompositionen der Stick Men – abgerundet wird das Ganze von einer Handvoll Crim-Covers, die sich perfekt in die beiden Sets einfügen und qualitativ offen gesagt gar nicht soooo weit aus dem Restmaterial herausragen.

Theoretisch könnte man nun freilich die Frage stellen, ob ein derart nahes Andocken an die Basisstation nicht prinzipiell gegen die Band spricht – aber dem ist keinesfalls so. Im Gegenteil, wer die mutigen und eigenwilligen Interpretationen von Crimson-Songs wie ‚Sartori In Tangier‘, ‚Sailor’s Tale‘ und ‚Level 5‘ hört und speziell die letzten beiden mit den aktuellen Crimson-Versionen vergleicht, wird sich fragen, warum das bei der Hauptband mittlerweile alles in respektvollem Nachspielen der Studioversionen versanden muss, wo doch zumindest drei der auf der Bühne stehenden Musiker so viel mehr aus dem Material herausholen könnten. Ist Markus Reuter also heuer nicht mehr der zweitbeste Fripp, sondern bereits der rechtmäßige Throninhaber? Wer weiß… aber Fakt ist, das „Roppongi“ sämtliche Livescheiben der aktuellen King Crimson in der Pfeife raucht und all denen, die der nach vorne blickenden, Wiederholung verachtenden und Erwartungen herausfordernden Seite der Band nachtrauern, ein echtes Fest sein wird. Zu beziehen im Webshop von Just For Kicks, wo Ihr auch die ebenso tolle letzte Studioscheibe „Prog Noir“ und „Midori“, die vorangegangene Stick Men-Live-Kollaboration mit Ex-King Crimson-Violine David Cross, abgreifen könnt und solltet. Long live the King… oder so…

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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