Lifesigns

Cardington

John Young ist in Prog-Kreisen kein unbeschriebenes Blatt mehr. Als Keyboarder hat er bereits für John Wetton, Uli Jon Roth, Fish oder auch Strawbs gespielt, und mit seiner Band Lifesigns veröffentlicht er nun das zweite Studioalbum „Cardington“ – und, soviel vorweg, das sollte jeder Fan melodischer, entspannter Progmucke sofort auf den Einkaufszettel schreiben.

Dabei beeindruckt schon aufs Erste das schöne Artwork ebenso wie die plastische, erfeeulich warm klingende Produktion. Nun, kein Wunder, daß das alles hochprofessionell klingt: Lifesigns besehen außer Young nämlich noch aus Dave Bainbridge (gtr, Iona), Martin Beedle (dr, Cutting Crew – jawohl, die mit „du musst besoffen bestellen“), Robin Boult (gtr, Fish) und dem relativ unbeschriebenen Blatt Jon Poole, der den abgewanderten Nick Beggs am Bass ersetzt. Young selbst steuert die Keyboards (logisch) und die exzellenten Vocals bei und hat auch den Großteil der Songs geschrieben. Dabei liegen Lifesigns an der „Meinungen spaltenden“ Schwelle zwischen Prog, Rock und Pop – heißt, null Gefrickel, dafür viel Melodie, gerne höchst eingängig, viel Feeling, sich langsam entfaltende Soundscapes im Wechsel mit poppigen Songstrukturen – und eine schön warme, dynamische Akustik. Da das ganze Album sich mit der Luftfahrt beschäftigt, liegt über allem tatsächlich ein schwebendes, leicht abgehobenes Flair, das das komplette Album zum höchst angenehmen Hörgenuss macht. Ein wenig, als hätten Big Big Train mit Kansas und Steven Wilson zu „Stupid Dream“-Zeiten ein gemeinsames Projekt angeschoben – in der Tat klingt John Young bei Songs wie ‚Voice In My Head‘ oder ‚Chasing Rainbows‘ stimmlich verblüffend stark nach einer kräftigeren Ausgabe von Steven Wilson, und auch die Melodieführung orientiert sich hier durchaus am kommerzielleren Output des Progpapstes. Das könnte man natürlich nun bekritteln, aber solange das Ganze musikalisch so hochwertig ausgefallen ist, darf Young auch mal seine stimmliche Ähnlichkeit zu Wilson ausnutzen.

Ja, wer also Big Big Train, Steven Wilson und Kansas mag (also: 99% aller melodieverliebten Progger), findet in „Cardington“ einen definitiven Geheimtipp. Ja, gerne darf noch ein wenig mehr Eigenständigkeit hinzukommen, doch wenn das Songwriting, die Performance und der Sound so exzellent ausgefallen sind, bin ich durchaus gewillt, diesbezüglich noch ein Auge zuzudrücken. Sehr schöne Scheibe, die im Webshop von Just For Kicks auf Euren Heiratsantrag wartet.

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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