Spectra*paris

Retromachine Betty

  • Artist: Spectra*paris
  • Album: Retromachine Betty
  • Label: Alive / Dependent
  • Release: 2017-05-12
  • Medium:
  • Bewertung:1-

Nun, man kann Spectra*paris mit Sicherheit nicht vorwerfen, immer das Gleiche zu machen. Nachdem das Debütalbum des Projektes um Kirlian Camera-Sängerin Elena Alice Fossi eher entspannten Synthiepop bot, folgte mit dem Zweitwerk „License To Kill“ ein gitarreninfiziertes, schräges Electropop-meets-Glamrock-meets-Bond-Soundtrack-Gemisch und die winterlich-atmosphärische EP „Christmas Ghouls“. Nun liegt also mit „Retromachine Betty“ das dritte vollständige Werk vor – und klingt wieder komplett anders als die Vorgänger. Von der Besetzung des Vorgängers ist außer Elena selbst niemand übriggeblieben (leider auch nicht die tolle Gitarristin Marianna Alfieri), und mit Depeche Mode-Producer John Fryer und Kirlian Camera-Kollege Angelo Bergamini sind diesmal erstmals zwei Männer als Kollaborationspartner in Spectra*paris involviert. Aber auch musikalisch geht „Retromachine Betty“ einen komplett anderen Weg als die Vorgänger.

Wie vorab angekündigt, soll „Retromachine Betty“ den naiven, jugendlichen Geist der frühen Synthie-Pop-Ära einfangen, eine Zeitreise in die Jugendherberge und erste Discobesuche. Nun, wenn man sich im Opener ‚Star Bubbles‘ tatsächlich an Früh-Achtziger-Discosounds Marke Trans-X (‚Living On Video‘) versucht und dabei Mike Oldfields ‚Moonlight Shadow‘ zitiert, funktioniert das auch tatsächlich sogar beim Rezensenten – obwohl der damals eher auf Metalpartys das Rübeschütteln lernte. Klar, ultracheesy, aber wie bei den besseren Songs von, sagen wir, Kylie Minogue eben auch ein absoluter Ohrwurm – ob man’s nun mag oder nicht. Das ist aber nur eine Seite des Albums. Denn, soviel man von den größtenteils eher gehauchten und mehrfach gelayerten Lyrics ausmachen kann, scheint es sich bei „Retromachine Betty“ um ein Konzeptalbum zu handeln, und gerade in der zweiten Hälfte des Albums schlägt die Stimmung dann in eine deutlich kühlere, bisweilen sogar an Kirlian Camera erinnernde Richtung um. Freilich ohne deren experimentelle Seite, die ja aber schon auf ihren letzten Alben kaum mehr Relevanz hatte. Wie oben erwähnt, hat Angelo Bergamini diesmal mit Elena an „Retromachine Betty“ gearbeitet – und die Kollaboration der beiden muss vermutlich unweigerlich das Kirlian Camera-Gen tragen, ob sie es wollen oder nicht. Gerade ‚Lux Industries‘ und ‚Metrolynx‘ hätten im Prinzip auch auf „Black Summer Souvenir“ gut ins Bild gepasst. So wird das Album von Song zu Song ein Stück kälter, die unschuldige Wärme der ersten paar Songs weicht einer melancholisch geprägten Kälte, die an Cyberpunk-Klassiker wie William Gibsons „Necromancer“, Katsuhiro Otomos „Akira“ oder auch die Atmosphäre von Ridley Scotts „Blade Runner“ erinnert. Da passt auch die fast psychotische (und dennoch ziemlich sexy klingende) Umdeutung des The Kinks-Klassikers ‚You Really Got Me‘ in ein mit Industrial-Effekten gespicktes Stück düsteren Synthiepops perfekt ins Bild. Gegen Ende macht sich dann immer mehr Aussichtslosigkeit und maschinelle Kälte breit. Dies gipfelt im Kraftwerk-mäßigen ‚Metrolynx‘, dem minimalistischen ‚E-Girl Song‘ und dem abschließenden Instrumental ‚E-Kitsch Souvenir Of Italy‘, welches das Album wie ein Requiem oder Lament beschließt.

Man muss „Retromachine Betty“ also idealerweise als Gesamtwerk betrachten, um den vollständigen Reiz des Albums zu erfassen – auch trotz der unerwarteten und höchst eingängigen Eröffnung mit gleich vier potenziellen Radiosingles. Am Besten sollte man der Scheibe ein paar komplette Durchläufe gönnen und während der 44 Minuten Musik eigene Bilder im Kopf entstehen lassen, dann wird man auch mit dem neuestem Album der alterslosen Elena Alice Fossi definitiv jede Menge Freude haben.

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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