Main Offender (30th Anniversary Edition)

Nach fast drei Dekaden mit seiner Stammband, brachte Keith Richards zwischen 1988 und 1992 zwei Solo-Alben raus. Zunächst nur aus Frust und Langeweile, weil Kollege Jagger eine Konzertreise mit den Rolling Stones verweigerte, dann aus purer Freude über die Arbeit mit der energiegeladenen Neben-Truppe „The X-Pensive Winos“. Eine Gruppe besetzt mit alten Rock-Haudegen wie Waddy Wachtel, Ivan Neville oder Steve Jordan (der Letztgenannte hat 2021 übrigens den Drum-Hocker vom leider verstorbenen Charlie Watts übernommen – so schließt sich der Kreis). Das zweite Werk „Main Offender“ feiert in diesen Tagen seinen 30. Geburtstag und wird nun in einer erweiterten Neuauflage veröffentlicht.

Klassische Keef-Riffs und ein dröhnendes Schlagzeug eröffnen „999“, im Hintergrund läuft eine Kakophonie aus kaum verständlichen Stimmen. Ein wenig wirkt die Nummer wie ein gewollt ungebügelter Stones-Song. Weiter geht es mit „Wicked As It Seems“, auch hier geht es soundtechnisch ähnlich weiter, bevor sich mit „Eileen“ eine rockige Liebeserklärung anschließt. Der Musiker macht mit seiner unnachahmlich krächzigen Stimme seiner Angebeteten klar, „This Is No Life Living Here Without You, This Is No Way For Me To Get Alone, Now That I Know I’m No Good Without You“. In den 70-ern lebte Richards zeitweise auf Jamaica und freundete sich mit Reggae-Ikone Jimmy Cliff an. Diese Zeit hat musikalisch in „Words Of Wonder“ ihren Eindruck hinterlassen. Ein Lied, das sich auch bei Cliff oder Bob Marley auf ein Album hätte schummeln können. In der Folge wechseln sich schnellere und langsamere Titel ab, stets bleibt – wie nicht anders zu erwarten – die Gitarre Dreh- und Angelpunkt der Arrangements. Nach fast 50 Minuten geht es mit der Ballade „Demon“ auf die Zielgerade.

Die Bonus-CD enthält einen Konzertmitschnitt aus der dazugehörigen Tour. Der Großteil der Setlist besteht aus seinen beiden damals veröffentlichten Solo-Platten und werden durch drei Stones-Klassiker („Happy“, „Before They Make Me Run“ und das düstere „Gimme Shelter“) ergänzt.

Sein Entdecker und Förderer Alex Korner sagte einmal über Keith Richards, er sei „der Gitarrist, bei dem die Schere zwischen Können und Popularität am weitesten auseinanderklafft“. Er selbst meinte lakonisch über seine Art des Spielens einmal, dass „ein guter Maler auch nicht die ganze Leinwand vollmale“ und auch „zwischen den Tönen Musik“ sei. Mit diesem Werk bestätigt Mr. Richards die Aussagen und macht klar, dass für gute Musik nicht zwingend grandios handwerkliche Fähigkeiten notwendig sind, sondern viel mehr Herzblut und Spaß an der Sache. Genau das haben die Winos mit ihrem Chef auf „Main Offender“ bewiesen.

Wie immer bei einem Re-Release stellt sich die Frage, ob sich die Anschaffung lohnt. Alleine die Bonus-CD rechtfertigt den Kauf allemal, und wer als geneigter Stones-Anhänger damals nicht zugeschlagen hat, sollte die Lücke im Plattenregal spätestens jetzt schließen.

Note: 1

 

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Wollo

Altenpfleger mit didaktischer Weiterbildung. Hört Rockmusik aus verschiedenen Genres und bis zu einem gewissen Härtegrad aus allen Jahrzehnten, hin und wieder auch eher ruhigere Singer/Songwriter. Geht oft auf Konzerte, aber leider nur noch selten auf Festivals. 

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