LAZULI – Fliegen mit Dieter Böhm

Progressive Musik, die berührt, uns auf eine Reise mitnimmt. Starke Emotionen auf der Bühne und davor. Klänge, die anders sind als bei jeder sonstigen Band. Lazuli aus Südfrankreich nehmen im Prog-Genre eine Sonderstellung ein. Eine Tour ist für April geplant, auch wenn derzeit leider noch niemand sicher sein kann, ob die Daten gehalten werden können. Wir haben im Interview nachgefragt, was die Fans erwartet.

Bereits vier Gigs haben die französischen Progger von Lazuli auf dem weltberühmten Night Of The Prog Festival an der Loreley gespielt. Im Februar erschien das neunte Studioalbum „Le Fantastique Envol de Dieter Böhm“  , das eine „versteckte Allegorie an alle Fans“ der Band darstellen soll. Das Album handelt von einem  Musiker, der allein auf einer einsamen Insel siitzt  und eine einzelne Note spielt, aus der eine Melodie wird, die sich zu einem ganzen Lied entwickelt. Diese Melodie übergibt er den Wellen, und sie wird von ihnen von Küste zu Küste getragen. Es handelt aber auch von der Rezeption der Musik durch die Zuhörer und den Gefühlen,die Lazuli dabei auf und vor der Bühne auslösen.

Lazuli wurden bereits 1998 von den Brüdern Claude und Dominque Leonetti gegründet. Das Quintett habt sich mit seiner Mischung aus Rock, Prog, Weltmusik, Ethno und französischem Chanson von so ziemlich allen anderen Bands ab. Gitarre und Keyboards treffen auf Horn und Marimba, und ganz besonders die Léode sorgt für einen unverwechselbaren Sound. Dieses optisch an einen Chapman-Stick erinnernden Instrument wurde von Claude Leonetti selbst erfunden, nachdem dieser aufgrund deines Unfalls seinen linken Arm nicht mehr benutzen kann. Der Klang verschwimmt irgendwo zwischen Geige, Gitarre und Synthesizer.

Gesungen wird bei Lazuli immer noch in der französischen Sprache. Im April möchten die fünf Franzosen auf Tour kommen, um das neue Album live vorzustellen. Leider ist es aufgrund der derzeitigen Situation in Europa unwahrscheinlich, dass die Tour tatsächlich wie geplant stattfinden kann. Aber verschoben ist bekanntlich nicht aufgehoben! Wir haben uns im Februar mit dem Sänger und Gitarristen Dominique Leonetti über Lazuli, die Tour und Dieter Böhm gesprochen.

Whiskey-Soda (W-S): Vielen Dank, dass Du Dir etwas Zeit nimmst für eines der ältesten deutschen Online-Musikmagazine.

Dominique Leonetti (D. L.): Ich habe zu danken. Gerne beantworte ich die Fragen. Ich habe gerade Erdeersirup getruken und hoffe, der ist nicht inkompatibel mit dem Whiskey-Soda.

W-S: Herzlichen Glückwunsch zum neuen Album, das uns sehr gut gefallen und entsprechend auch eine sehr gute Rezension erhalten hat.  Seid Ihr selbst auch zufrieden mit der neuen Platte?

D. L.: Es ist immer schwierig für uns, ganz zufrieden mit uns selbst zu sein. Zweifel sind Teil der Schöpfung. Aber ich kann sagen, dass wir unser Bestes gegeben haben, und damit sind wir dann doch zufrieden. Ich bin nicht zufrieden mit dem Ergebnis meiner Arbeit, aber ich bin zufrieden damit, wie das Album ankommt. Ich bin zufrieden mit  Eurer guten Rezension. Dankeschön dafür!

W-S: Gerne! Es ist sehr schwierig, die Musik von Lazuli zu beschreiben, weil sie meiner Meinung nach wirklich einzigartig und unverwechselbar klingt. Wie würdet Ihr jemandem eure Musik erklären?

D. L.: Es fällt mir auch schwer, es zu erklären, so wie es schwierig ist, den eigenen Charakter oder Körperbau zu erklären. Lazulis Musik ist bodenständig, wird aber vom Himmel angezogen. Wir möchten mit unserer Musik Bilder evozieren. Sie ist wie das Leben, mal quälend und mal beruhigend. Ich hatte den Wunsch, Musik zu machen, als ich zum ersten Mal den Beatles-Song ‚A Day In The Life‘ gehört habe. Ich habe das Bedürfnis, nach Musik zu suchen, die mich trägt. Progressiver Rock, Weltmusik, Elektro, Folklore. Unsere Musik ist ein bisschen eine Mischung ohne Vorsatz. Unser Songwriting beginnt immer mit dem Schreiben des Textes. Wir versuchen, unsere Gefühle auszudrücken und mit unseren Hörern zu teilen. Es gibt nichts Demonstratives in unserer Arbeit.

W-S: Mit Eurem ganz eigenen Stil habt Ihr euch eine treue Fangemeinde erobert, und die Geschichte des neuen Albums ist ja eine Allegorie auf die Band und ihre Fans. Kannst Du das näher erläutern? Wer ist Dieter Böhm?

D. L.: Diese Frage wird uns immer wieder gestellt. Dieter Böhm hätte ein imaginärer Charakter sein können, aber tatsächlich existiert er wirklich. Dieter ist ein deutscher Lazuli-Fan, den wir vor ein paar Jahren entdeckt haben, weil er bei fast jedem unserer Konzerte dabei war. Wir bemerkten ihn 2014 in der Mitte der Menge. Wenn ich mich richtig erinnere, hatte er die Augen geschlossen und schien von der Musik mitgerissen zu werden. Als wir die Bühne verließen, haben wir uns backstage unterhalten. ‚Hast du den Kerl in der Mitte gesehen? Ich habe gesehen, wie seine Füße vom Boden abhoben!‘ Dieser Satz blieb mir lange Zeit im Kopf und war wohl der Auslöser für dieses Album. Die Geschichte beginnt mit einem Musiker, der auf einer einsamen Insel eine Note pflanzt. Diese Note wird zu einem Lied, das er wie eine Flasche im Meer aufs Wasser legt…

W-S: Auf dem neuen Album vermisst man ein wenig das Marimba und das Waldhorn. Warum sind diese Instrumente in den Hintergrund getreten?

D. L.: Es gibt keinen wirklichen Grund dafür, außer dass Vincent und Romain (Vincent Barnavol – Schlagzeug und Marimba sowie Romain Thorel – Keyboards und Waldhorn, Anmerkung der Redaktion) Klone haben sollten, weil sie für zu viele Posten auf einmal unverzichtbar sind. Wir hatten es diesmal schwer ohne Schlagzeug und Keyboards. Wir wollen unsere Aufnahmen nicht mit Dingen überfrachten, die wir auf der Bühne nicht richtig live umsetzen könnten. Auf dem Song ‚Baume‘ spielt Vincent die elektronische Marimba mit einem Metallophone-Sound. Das wird auch auf der Bühne so der Fall sein. Romain spielt hin und wieder das Horn an ein paar Stellen, aber es ist dieses Mal eigentlich nie im Vordergrund.

W. S.: Ihr veröffentlicht Eure Musik immer noch als Eigenproduktion und  habt mit „L’Abeille Rôde“ ein eigenes Studio und Label. Ist es wichtig für Euch, immer noch eigenständig zu sein und keinen Produzenten und keine Plattenfirma zu haben, die Euch Vorschriften machen würde?

D. L.: Ja, wir wollen frei in unseren künstlerischen Entscheidungen bleiben. Wir sind Handwerker, wie ein Familienunternehmen, es ist eine Menge Arbeit, alles zu tun und alles zu verwalten, aber es ist die beste Lösung, um ehrlich zu sein und im Detail auszudrücken, wie wir unsere Musik sehen. Wenn wir diese Arbeit jemals aufteilen, müssten wir es mit Menschen zu tun haben, die dieselbe Lebensphilosophie wie wir haben und unsere Werte teilen.

W-S: Die französiche Prog-Szene ist eher klein, aber wir kennen einige spannende französische Bands aus dem Genre, neben Ange und Gens De La Lune zum Beispiel auch Franck Carducci. Welche anderen französischen Prog Bands könnt Ihr uns empfehlen?

D. L.: Wir kennen nur sehr wenige französische Bands, weil wir eigentlich selten in Kontakt mit anderen Gruppen kommen. Es gibt bei uns nur sehr wenige Festivals, die dem Genre gewidmet sind. Die wichtigsten hast Du eben schon angesprochen. Ich kann noch JPL, Windows und Tokamak hinzufügen … Sorry für die, die ich vergessen habe! 

W-S: Ist es schwierig, in Frankreich als Prog-Band Erfolg zu haben?

D. L.: Sehr schwierig. Die Veranstalter bei uns wollen keine Prog-Gruppen buchen, und die großen Medien schreiben keine einzige Zeile. Es gibt viel musikalischen Snobismus in Frankreich. Alles, was nicht ‚in Mode‘ ist, existiert praktisch nicht. Dennoch gibt es zum Glück ein Publium für diese Musik, und einige Enthusiasten kämpfen, um zu verhindern, dass die Flamme ausgeht.

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W-S: Bereits vier Mal wart Ihr auf dem Night Of The Prog Festival an der Loreley zu sehen. Letztes Jahr gab es eine schöne Geschichte, als Ihr auf dem Marimba eine Verson von „Money“ gespielt habt und Nick Mason an der Bühne stand und sehr interessiert gelauscht habt. Wie habt Ihr diese Situation erlebt, und hat euch Nick Mason verraten, wie ihm die Version gefallen hat?

D. L.: Es gibt magische Momente im Leben. Das war so einer! Wer von uns hätte sich je vorstellen können, dass der große Nick Mason aus seiner Garderobe kommt, um uns zuzuhören und uns zu applaudieren? Er kam nach seinem eigenen Auftritt zu uns und gratulierte uns. Wir haben gestrahlt wie kleine Kinder unter dem Weihnachtsbaum! Wir haben Glück, weil wir in den letzten Jahren so viele unserer Idole kennengelernt haben; Fish, Steve Hackett, Michael Sadler, Tony Levin und viele andere.

W-S: Bald startet (hoffentlich) die FANTASTIC Tour, die Euch auch wieder nach Deutschland bringen wird. Was erwartet die Fans auf den Konzerten?

D. L.: Wir werden den ganzen ‚Fantastischen Flug des Dieter Böhm‘ in voller Länge spielen, aber natürlich auch alte Songs. Wir werden auch einige visuelle Überraschungen dabei haben, aber ich will nicht alles verraten.

W-S: Vielen Dank noch einmal für dieses Interview und eure Zeit. Gibt es noch etwas, dass Ihr den deutschen Fans und den Lesern unseres Magazins unbedingt mitteilen mchtet?

D. L.: Liebe Freunde von Lazuli, Ihr seid diejenigen, die dieses Album inspiriert haben!  Wir sind unglaublich glücklich, dass die Lieder, die wir aufs Meer werfen, von Euch aufgesammelt werden. Wir wollten durch Dieter Böhm Euch allen Tribut zollen. Ohne Euch würde es unsere Musik nicht geben.

„The Fantastic–Tour 2020“ mit den derzeit geplanten Terminen:

17.04.2020 Aschaffenburg, Colos Saal
18.04.2020 Paderborn, Forum Berfuskolleg Schloß Neuhaus
20.04.2020 Hamburg, Markthalle
22.04.2020 Bonn, Harmonie
23.04.2020 Oberhausen, Zentrum Altenberg
24.04.2020 Jena, KuBa
25.04.2020 Worpswede, Music Hall
28.04.2020 CH – Pratteln,Z7
29.04.2020 München,Backstage
30.04.2020 Gasthof Obermindeltal, Willoffs
02.05.2020 Alzey, Oberhaus Alzey

Leider muss man davon ausgehen, dass diese Termine wie schon einige frühere Konzerte der Franzosen aufgrund der aktuellen Situtation verschoben werden müssen. Achtet daher insbesondere auf alle Ankündigungen und bleibt gesund!

Interview und Fotos (Night Of The Prog 2019): Michael Buch

Lazuli Bandhomepage

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Michael

Michael kam über die Konzertfotografie zu Whiskey-Soda und verbindet das Bildermachen gerne mit Konzertberichten und CD-Rezensionen. Als Chefredakteur für den Bereich Bluesrock mag er aber auch viele aus dem Blues entsprungene Genres wie diverse Metal-Spielarten. Daneben landen gerne Progressive- und Classic Rock und Americana auf seinem Drehteller, bevorzugt auf klassischem Vinyl. Wenn dann noch Zeit bleibt, findet ihr Michael bevorzugt im (Heim)Kino oder natürlich irgendwo da draußen zum Fotografieren. 

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