(K)Ein Sommermärchen: ROCKHARZ 2018

Die deutsche Nationalelf ist unlängst aus der WM in Russland ausgeschieden, die Übertragungen parallel zum Liveprogramm also obsolet, wenn das eigentliche Highlight parallel zur WM stattfindet: Das 25. Rockharz Open Air! Wie weltmeisterlich schlägt sich das beschauliche Festival am nördlichen Harzrand zum Jubiläum? Das Rockharz 2018 ist immerhin als heißer Favorit in die Festivalsaison gestartet – und die Favoriten bei der WM sind alle Heim gefahren...

Schon im Vorfeld zum Rockharz zeichnen sich dramatische Bilder, nachdem das Festival im Frühjahr verkündet: SOLD OUT. Ein gutes Zeichen, zeigt es doch, dass die vergangenen 24 Jahre sehr viel richtig gemacht wurde. Aber schnell finden sich Parallelen zu einem anderen bekannten Festival. Es breitet sich fast schon eine Panik unter denen aus, die noch kein Ticket haben. Woher nehmen? Die wenigen Tickets, die über die semi-offizielle Facebook-Gruppe zur Verfügung stehen, sind innerhalb von Sekunden verkauft. Zu humanen Preisen wohlgemerkt, mal 10€ Aufschlag auf den regulären Preis sind völlig im Rahmen. Die wenigen Querschläger, die 200€ und mehr als Preis aufrufen wollen, werden gnadenlos von der Community angegangen. Chapeau an die Gemeinschaft, das war großartig. Parallel gibt es bei eBay-Kleinanzeigen und ähnlichen Plattformen allerdings einen zweiten Markt, auf dem Schurken geradezu ungehindert handeln und Preise jenseits der 200€ keine Seltenheit sind. Liebe Fans, bitte lasst die Finger von solchen Angeboten. Ihr füttert damit einen Markt, der kein Recht darauf hat, euch zu bestehlen. Gerade erfahrene Festivalfans können und sollten hier als Vorbilder fungieren. Wer mehrere Festivalsaisons erlebt hat weiß, dass nach einem Sold Out die Ticketpreise im Customer2Customer, also von Festivalbesucher zu Festivalbesucher, erst einmal steigen. Die Sache liegt auf der Hand: Es gibt mehr Nachfrage als Angebot. Dennoch sollte man hier fair bleiben oder als Käufer die Finger von entsprechenden Angeboten lassen. Kurz vor dem Festival fallen die Preise wieder auf ein reguläres Niveau oder sogar darunter. Ab jetzt können viele absehen, dass sie es nicht auf das Festival schaffen und mehr Tickets am Markt sorgen wieder für faire Preise. Wir hoffen einfach mal auf die Innovationskraft des Rockharz Open Air und darauf, dass uns personalisierte Tickets erspart bleiben.

Nachdem die Ticketfrage also geklärt, das Dosenbier gekauft, die Schnapsflaschen mühsam umgefüllt und das Auto bis unter das Dach gepackt ist, kann es losgehen. Ob von der B6 kommend oder aus Richtung Harz, jeder der die letzten Jahre dabei war, hat unweigerlich die Bilder des Mega-Staus vor sich. Vorteil: Wer damals noch im Auto vor einem stand ist heute vielleicht ein Freund und sitzt sogar im selben Fahrzeug. Auf solch einen Stau hat aber niemand wirklich nochmal Lust. Wie wird es also am Einlass aussehen? Kommt man schnell an seinen Zeltplatz? Wie sieht eigentlich das Gelände aus? Hat jemand einen Geländeplan? Fragen über Fragen, die lange ohne Antwort bleiben. Die Ergebnisse zur Umfrage zu den Anreisezeiten kommen erst recht spät. Die Fahrpläne sind definitiv schon fix. Der Geländeplan bleibt ebenso ein Mysterium und fehlt bis zum Montag vor dem Festival. Soziale Medien helfen auch nicht weiter, da es zwar immer wieder Fotos vom Gelände gibt, aber bis auf Dixiklos und eine silberne Transall mitten auf dem Campingground ist nicht viel zu erkennen.

Wie sich später herausstellt, ist die Transall der „neue“ Ein- und Ausgangsbereich zum Festivalgelände. Die Größe des Ungetüms erfüllt dabei noch den wichtigen Zweck, Schatten zu spenden, der bei der vorherrschenden Gluthitze absolut notwendig ist. Leider ist die Transall dabei nur das Ergebnis der Improvisationskunst der Organisatoren. Die Maschine sollte unlängst demontiert und im Luftfahrtmuseum Wernigerode wieder aufgebaut sein. Einer Verzögerung verdanken wir also diesen wunderschönen Eingang zu den Bühnen. Passender könnte auf diesem Festival niemals ein Eingang gestaltet sein, ist der Flugplatz doch seit Jahren für gestrandete Transall-Maschinen bekannt. Was würde es wohl kosten, die grüne Transall jährlich ein paar hundert Meter zu bewegen? Bei Ticketpreisen, die erstmalig dreistellig sind, ist da doch sicher etwas möglich?

Kommen wir aber nochmals auf die Anreise zu sprechen. Im ersten Moment möchte man sagen, dass sie sehr gut funktioniert hat. Die Rückstaus auf den Straßen wurden minimal gehalten, die einweisenden Kräfte waren herausragend organisiert und sehr freundlich. Auf den zweiten Blick aber möchte man sich die Haare raufen, spätestens an den Einlasskontrollen. Die Kollegen von Metal.de führen kurz vor dem Festival ein Interview mit einem der Veranstalter und dabei wird auch ausführlich über Sicherheit auf Festivals gesprochen. Wer heutzutage Zeitung liest, kommt um das Thema Terrorismus nicht mehr herum. So haben die Baumstämme vor dem Eingang eine Berechtigung als Fahrzeugabwehr und sind gleichzeitig doch die schönsten Sitz- und Sammelplätze für Besuchergruppen. Gleichzeitig sind Fahrzeuge über 3,5 Tonnen nicht mehr zugelassen, obwohl gerade deren Inhaber auf dem Campingground in der Regel ein Garant für gute Stimmung und Orientierung sind. „Bis zu dem Ural-LKW mit der Rockharz und Baden-Württemberg-Flagge und dann Richtung Zaun“ sind also Wegbeschreibungen, die der Vergangenheit angehören. Gleichzeitig aber gibt es Fahrzeug- und Glaskontrollen, die so überflüssig sind wie 5 Tage Dauerregen während des Festivals. Diese beschränken sich auf „Habt Ihr Glas dabei“, der üblichen Antwort „Nein“ oder „Jup, die Scheibe hier vom Auto“. Es folgt wie in den Vorjahren das bekannte: „Ich müsste trotzdem mal reinschauen“, gefolgt von folgender Situation: Es werden alle Türen, kurz die Schlafsäcke und Rücksäcke gestreichelt und schon sind wir fertig. Wir machen uns nach dieser Kontrolle also weniger Gedanken über Amok fahrende Fahrzeuge über 3,5 Tonnen Gesamtzulassung, die eher etwas Beruhigendes haben, als über Glassplitter, Handgranaten und Handfeuerwaffen. Wer Kontrollen propagiert, sollte diese ernst nehmen oder sein lassen. Wer an die Vernunft des regulären Besuchers appelliert, gewinnt am Ende mehr als jemand, der darauf vertraut, dass schlechte Menschen sich von einem Zaun stoppen lassen. Dass wir in diesem Jahr nach dem Entladen des Fahrzeuges noch eine Gruppe Freunde vom Bahnhof abholen und unser Auto bei der erneuten Auffahrt auf das Gelände nicht einmal beachtet wird, lassen wir einfach mal im Raum stehen.

Menschen, die dann mit Hunden auf das Gelände gelassen werden und um die sich weder Security noch Polizei trotz mehrfacher Bitte kümmert oder mit ihren Babys vor den Bauch gebunden ohne adäquaten Gehörschutz vor den Bühnen rumlaufen sind da dann schon fast nur noch eine Randnotiz aus sieben Buchstaben: Idioten!
Schauen wir lieber nach vorne auf die schönen Seiten des Festivals und… Oh? Schon vorbei? Ja, das war’s schon mit dem Rockharz. Die schönste Zeit vergeht sprichwörtlich wie im Flug und das Rockharz 2018 ist so gut, dass in den Erinnerungen von Freunden, wie aber auch in unserer die gefühlte Dauer sich auf wenige Sekunden zwischen Ankunft und Abfahrt beschränkt. Und das liegt definitiv nicht am Alkohol, den man bei den Temperaturen ohnehin nur in den Abendstunden genießen konnte. Den Rest der Zeit müssen die Anwesenden derart viele Endorphine produziert haben, dass uns kein Superlativ einfällt, der dem gerecht würde.

Die Gründe sind vielfältig und doch an jeder Ecke zu finden. Das fängt schon auf dem Campinground an, wo eine grandiose Stimmung herrscht. Und wo man sich kennt. Trotz des Geländezuwachses und dem deutlichen Plus bei den Besucherzahlen kennt man sich. Die unmittelbaren Campnachbarn hat man schon damals hier getroffen. Der zweite Securitymann, der einen beim Einweisen herüberwinkt, den hat man auch schon mal gesehen, nur wo? Bei der ersten Band fällt es einem dann wieder ein: Der gute Mann ist „Grabenschlampe“, also einer von den herzlich Bekloppten, die für fast jeden Spaß zu haben sind, aber gut und sicher zufassen, wenn mal ein Crowdsurfer kommt. Dasselbe Spiel bei der Bändchenausgabe. Auch hier fasst der Chef seit Jahren selber mit an und schließt die Metallverschlüsse am heiß ersehnten, wenn auch etwas hässlichen, Besucherbändchen in Silber. Ein paar Schritte weiter werden direkt die Toiletten- und Duschmarken gekauft, da man ja sowieso schon in der Nähe ist. Auch hier: Verkauft werden diese wieder von denselben Bekannten, wie in den Vorjahren. Auf welchem anderen Festival bitte pilgern die Leute nachts zuhauf zu dem Container für die Marken, weil die Leute da „geil drauf“ sind, wie die Anwesenden immer wieder betonen. Später am Merch-Stand dann das bekannte Drama, zu viele Käufer, zu wenig T-Shirts und leider ein wenig Gedränge, aber das kennt man ja.

Und endlich steht man im Mittelpunkt der nächsten Tage: an den Hauptbühnen. Das Konzept hat sich bewährt. Zwei Bühnen, keine Überschneidung von Bands. Es bedarf keiner Running-Order-Tools, bei denen man nach Lieblingsbands und Wegzeit zwischen den Bühnen priorisieren muss. Wer mag, und es gibt Menschen die mögen das (liebe Grüße an euch beide), kann also den ganzen Tag vor der Bühne stehen und jede Band sehen. Jede Bühne mehr wäre ganz klar Eine zu viel. Dafür gibt es in diesem Jahr eine deutliche Verbesserung der Bühnentechnik, gerade was den Sound betrifft. Nach Jahren, in denen das Rockharz für seinen Bühnensound kritisiert wurde, hat es in diesem Jahr überwiegend gut geklungen. Egal, ob brachiale Tiefen wie bei Eisregen oder aber auch Höhen wie bei Hammerfall oder Alestorm, der Sound ist im direkten Vergleich zu den Vorjahren top.

Inzwischen wird seit einigen Jahren auch der Mittwoch bespielt. In diesem Jahr sind es sechs Bands, die die Rockstage am Vorabend zum eigentlichen Festivalbeginn zum Beben bringen. Wie schon in den Jahren davor auch immer mit Bands, für die sich eine frühere Anreise maßgeblich rechnet. Zum 25. Jubiläum allerdings wird nochmal eine Schippe obendrauf gelegt und mit Kreator als Headliner begonnen. Aber auch schon davor stehen keine Unbekannten auf der Liste. Wenn Monument beginnen und der Bühnenchef mit Drone seinen Arbeitsplatz für die nächsten Tage direkt einmal selber testet kann man sagen: Wer noch nicht da war, hat etwas verpasst. Dafür bliebe einem allerdings auch unter Umständen Bannkreis erspart. Mit „Pleasure to Kill“ werden dann jedenfalls die ersten Feierwütigen in die erste bzw. zweite Nacht dem Campground entlassen und nur vereinzelt dröhnten Generatoren und erklingen noch lautstark die Lieder des Festivals. Die Sonne hat schon am ersten Tag die Leute früh in die Zelte geschickt.

Selbiger Feuerball, kaum untergegangen, lässt schon gegen halb vier in der Früh den Himmel am Horizont aufhellen und ist ein deutliches Zeichen: Um spätestens 8 Uhr ist die Nacht vorbei, wenn man nicht gerade in einem isolierten Zelt oder geräumigen Wohnwagen schläft. Das macht aber nichts, weil Blind Channel und Cellar Darling durchaus ein Grund sind, mittags schon vor den Bühnen zu stehen. Anschließend folgt mit Nothgard ein kleines Highlight. Musikalisch durchaus hörenswert finden sich gefühlt durchaus mehr Frauen im Publikum. Ja, Dom Crey ist schon heiß, gar keine Frage. (Anm. d. Red.: Oh ja!!) Um das googlen zu ersparen: Dom ist der Gitarrist bei Equilibrium, der damals (2014) zusammen mit Jen Majura für Sandra und Andreas Völkl eingestiegen ist. Den Nachmittag über gibt sich quasi das Who-is-Who der jüngeren Bandgeneration die Klinke in die Hand. Skálmöld aus Island folgen auf Nothgard. Die gut gelaunten Isländer mit erstaunlich viel Publikum werden von Diablo Blvd. abgelöst, auf die Grailknights folgen. Nach erneutem Sieg im Kampf um den heiligen Gral (epische 45 Minuten brutalsten Kampfes) wird das Zepter an einen geheimen Top Act weitergereicht: God Dethroned. Geheim ist er nicht, steht ja in der Running Order, aber eben verdammt gut. Und das steht vorab nicht im Programmheft! Es folgt ein musikalischer Umbruch mit der Letzten Instanz, die an dieser Stelle etwas aus dem Genre fallen, da es statt kuscheliger zu werden mit Primal Fear weitergeht. Dann sammeln sich wieder die Frauen, denn Dom kehrt auf die Bühne zurück. Diesmal mit Robse am Gesang: Equilibrium. Ja, das ist nett. Und nett ist der kleine Bruder von was anderem. Es werden erstmalig in diesem Jahr die Pyros getestet und scheinbar hat auch der Praktikant mal das Mischpult testen dürfen. Kaum eine andere Band hat einen so unerträglichen Sound wie Equilibrium. Der Auftritt selber ist hingegen genial. Es folgen noch Sodom und Amorphis, ehe es bei Schandmaul wieder etwas gemütlicher wird. Der Sound wird bei beiden Bands wieder besser und ist bei Schandmaul , die übrigens Ally Storch von Subway to Sally als Gastgeigerin dabei haben, dann fast optimal. Der Auftritt selber ist eine Setlist aus alten, ganz alten und neuen Stücken. Natürlich darf dann auf einem Festival, das sich seit 25 Jahren gegen Rechtsextremismus positioniert, auch der Song „Bunt statt Braun“ nicht fehlen. Im besten Fall ist man heute schon den ganzen Tag vor der Bühne. Nicht nur, weil alle Bands lohnenswert sind, jetzt wird auch noch der Platz rar!

Faltet die Hände zum Gebet, Hohepriester Attila Dorn ruft zur heiligen Heavy Metal Messe mit Powerwolf. Definitiv sind Powerwolf die wohl fetteste Produktion an diesem Tag. Jeder Handgriff sitzt, jeder Flammenwerferstoß ist 100%ig getimed, hier sind echte Profis am Werk. Es gibt einige neue Songs aus dem kommenden Album zu hören, die zwar, dank Singleauskopplung vorab, schon bekannt sind, aber Bock auf mehr machen. Zum Tagesabschluss geht es dann nochmal karibisch entspannt zu. Wer noch Energie hat, darf die vier Geschwister Mr. Hurley und den Pulveraffen aus dem karibischen Osnabrück abfeiern und abtanzen. Den Fotografen der Musikmagazine jedenfalls ist eher nach einem gemütlichen Rum-Cola auf Strandliegen. Näheres bleibt an dieser Stelle unkommentiert, nur so viel sei in dem Zusammenhang gesagt: Mit den Grabenschlampen hat das Rockharz Open Air neben dem Summer Breeze die wohl beste Security im Graben, die sich ein Festival wünschen kann. Überwiegend aus dem beschaulichen Aalen kommend, schaffen die Jungs so effektiv und zuverlässig wie ein Mercedes Benz (Anm.: der Autor des Textes mag nur die Nutzfahrzeuge, erkennt aber die technische Leistung insgesamt an). Wenn Alestorm spielen und von der Bühne nur ein Meer aus Crowdsurfern zu sehen sein dürfte, erwarten euch die Grabenschlampen und packen sicher und zuverlässig zu. Wenn aber die Pulveraffen spielen feiern und tanzen die Jungs zu der Musik genauso wie das Publikum und trotz aller Späße arbeiten die Jungs über alle Maßen professionell.

Ein Fingerschnipsen später steht schon wieder die Sonne am Himmel und macht ab Mittag erst einmal Pause. Dunkle Wolken ziehen auf und bleiben doch zahm. Nicht ein Regentropfen fällt vom Himmel. Deutlich kühler, aber maßgeblich angenehmer geht es durch den Tag, den I’ll be Damed auf der Rock-Stage beginnen. Aeverium übernehmen und geben ohne Aufhebens an Nanowar of Steel weiter. Ziemlich albern, aber mit Humor. In etwa so als würde man auf dem Weg von Knorkator zu J.B.O falsch abbiegen und doch am Ziel ankommen. Trotz dessen geht der frühe Vormittag völlig reibungslos über die Bühne. Zu reibungslos könnte man sagen, als müsste es irgendwo einen Haken an der Sache geben – und zwar keinen Enterhaken oder eine Piratenhand, wie wir sie bei Alestorm erwarten würden. Crematory spielen einen epischen Gig, nachdem sie sich noch letzten Winter in den sozialen Medien ein wenig ins Abseits gestellt haben. Bei Amaranthe gibt es dann erste Gerüchte und vor Battle Beast ist es Gewissheit: Es kann organisatorisch keinen perfekten Tag auf dem Rockharz geben. Ensiferum tauschen mit einer Band namens „Bierpause“. Bierpause, bisher nicht im Programm geführt, müssen sich wohl irgendwo zwischen Versengold und Eisregen versteckt haben. Was ist passiert? Sänger Petri Lindroos steht am Flughafen in Wien vor einer Anzeigetafel auf der steht: „Cancelled“. Ohne Flug kein Sänger, ohne Sänger kein Auftritt, ohne Auftritt: „Cancelled“. Nicht aber mit dem Rockharz Open Air. Schon in der Vergangenheit wurden die Flugzeuge des Flugplatzes genutzt, um Just-In-Time Bandmitglieder einzufliegen. Da dieses Jahr aber die Landebahn aufgrund der Erweiterung des Campgrounds gesperrt ist, ist das keine Option. Zudem ist die Strecke Wien-Rockharz nicht mal eben wie damals Berlin „um die Ecke“. Also spielen Finntroll und Alestorm zur Freude der Fans einfach etwas länger, der Slot der Bierpause ist damit etwas kleiner und Eisregen verschieben ihren Auftritt ganz unkompliziert einfach etwas nach hinten. Auch an dieser Stelle: Chapeau allen Beteiligten! Soviel Vorweg: Ensiferum fetzen dann richtig!

Aber erstmal sind Battle Beast dran. Seit Jahren spielt die Band eine absolut konstante Show. Keine Schnitzer, keine Aufreger und ausschließlich gute Laune, auch wenn das Album „Bringer of Pain“ aus 2017 irgendwie etwas untergeht, was eigentlich Schade ist. Finntroll nutzen die gewonnene Zeit, um mal so richtig die Sau rauszulassen und machen so richtig Spaß. Nicht nur das Publikum feiert unglaublich ab, auch die Band selber hat sichtlich Spaß an dem Auftritt.
Jetzt so beim Schreiben fällt es eigentlich erst auf, aber das mit der Bierpause war doch von langer Hand geplant? Der Zufall würde doch niemals auf die Idee kommen, einer Band wie Alestorm eine Bierpause zu vergönnen. Niemals! They are here „to drink our Beer“, während sie uns eine Pistole unter die Nase halten. Die Bierpause ist für die Fans, damit am Ende niemand leer ausgeht. Nur so kann es sein. Da bleibt uns nur „Drink!“ zu rufen und die Hoffnung, dass wir keinen „Hangover“ haben.

Wir bleiben auf See, denn nun heißt es Volle Kraft voraus auf und mit dem Eisbrecher. Die Show ist wie immer eine Wucht, wenn sie auch überwiegend vorhersehbar erscheint. Die Ansagen zwischen den Songs geben direkt Auskunft was Phase ist und es wird unter keinen Umständen Fahrt zurückgenommen. An dieser Stelle dann eine Bemerkung im Bezug auf die Diskussionen in den sozialen Medien bezüglich Musikern, die den ganzen Tag im Backstage ihr Sex, Drugs & Rock’n’Roll Leben genießen. Der Alex ist einer von vielen Musikern, die gerne mal im Publikum stehen und selber die Musik genießen.

„Harz on Fire“ wurde angekündigt und die „Hearts“ werden mit dem Auftritt sicherlich auch „on fire“ gesetzt, aber nüchtern betrachtet ist der Auftritt von Hammerfall gar nicht so speziell. Es gibt Feuer, sogar an einer ungewöhnlichen Stelle, nämlich jeweils an den FOH-Türmen, die mit je einem großen Flammenwerfer ausgestattet sind. Zwei weitere Flammenwerfer sind links und rechts der Bühne montiert und schon reicht es für den Zusatz: „Harz in Flammen“. Wenn man das aber einfach ignoriert und im Vorfeld nichts ultra-mega-spannendes erwartet, wird man nicht enttäuscht, auch wenn die Bühne beim letzten Gig der Schweden hier im Harz aufwändiger hergerichtet war.
Den ersten After-Headliner-Slot spielen, wie schon in einigen Vorjahren, Versengold. Leider ist die Show diesmal etwas lahmer als bei anderen Events, was dem ganzen aber kein Abbruch tut, sind Versengold doch generell eher zackig bei der Sache und gehen auch langsam gespielt noch gut ab. Aber die Jungs sind auch exzellent darin, aus jedem noch so müdem Tanzbein das letzte Stück Energie herauszuholen.

Endlich sind sie wirklich auf der Bühne: Ensiferum. Und Ensiferum liefern, wonach ein lange vor der Bühne gebliebenes Publikum lechzt. In der Regel wird es vor den Bühnen nach dem Headliner ja gerne wieder etwas leerer und die Besucher gehen eher in die Camps, um noch ein paar Hopfensmoothies zu trinken. Wenn Ensiferum dann aber vollzählig vor Ort sind, bleiben viele Besucher zu recht gerne ein wenig länger an den Bühnen.

Den Tag schließen dann Eisregen mit der wohl besten Festivalshow aus den letzten Jahren. Die Änderungen am Set sind bezeichnend. Statt Albencover oder martialisch düstere Backdrops zu nutzen, wird lediglich das Schlagzeug links und rechts von der Flagge des Landes Thüringen flankiert. Anstelle vom immer gleichen grünen Licht, in dem die Band lediglich als schwarze Schatten im Nebel zu erahnen sind, ist diesmal fast alles hell und weiß. Der Sound ist optimal und das Publikum ungewöhnlich laut am Mitsingen. Unter diesen Eindrücken legen wir uns ein letztes Mal für dieses Jahr auf dem Rockharz schlafen.

Wieder einmal zahlt es sich aus, für ein Zelt tiefer in die Tasche gegriffen zu haben. Der Samstag beginnt direkt wieder mit sengender Hitze. Wie zur Bestätigung, dass es viel zu heiß ist, steht kurz darauf unweit des Festivalgeländes ein Feld in Flammen. Dicke Rauchschwaden steigen in Sichtweite auf und selbst die Brandwache vor Ort wird zwischenzeitig vom Personal her reduziert, um mit mehr Schlagkraft gegen die Flammen vorzugehen. An dieser Stelle ein großes Dankeschön an die Feuerwehren und den Sanitätsdienst, ohne die kein Festival oder Konzert in Deutschland stattfinden dürfte. Verborgen im Hintergrund sorgen die Kameraden und Kameradinnen für ein Maximum an Sicherheit.

Unglaublich dankbar und zufrieden zeigen sich später auch die Jungs von Walking Dead on Broadway auf dem Infield. Dafür, dass sie den Tag eröffnen und noch nicht viele Leute den Weg zu den Bühnen gefunden haben, verbucht die junge Band einen vollen Erfolg. Erdling direkt im Anschluss müssen für viele Besucher ebenfalls ein kleines Highlight gewesen sein. Es war doch erstaunlich gut gefüllt vor der Bühne.

Über den Tag verteilt spielen dann Serenity, Skyclad, Trollfest, Avatarium, Gloryhammer und Goitzsche Front jeweils gute Sets vor vielen Besuchern. Die Auftritte sind dabei weitestgehend frei von Überraschungen und können als gute Auftritte mit passablem Bühnensound verbucht werden. Als O-Ton darf an dieser Stelle die Meinung von Paul Templing, Gitarrist bei Gloryhammer, direkt nach dem Auftritt erwähnt werden: „What a great crowd. Awesome to be back here.“ Die Jungs um Thomas Winkler (Sänger von Gloryhammer) stimmen dem mit strahlendem Lächeln zu. Vor der Bühne folgt nun ein musikalisch etwas härterer Block. Mit Exodus, Cannibal Corpse und den Apokalyptischen Reitern genießen die Fans der härteren Klänge drei Auftritte, die ein gutes Kontrastprogramm zu den eher fröhlich-spaßigen Bands am frühen Vormittag bieten. Trotz des Genrewechsels geht nur bei Cannibal Corpse der Sound in einem matschigem Brei aus Bässen unter.

Paradise Lost sind dann für einige schon der Hauptact des Tages. Wer mit den letzten drei Bands nicht mehr viel anfangen kann genießt ein letztes Mal die Atmosphäre vor der Bühne, ehe er das Bühnengelände bis zum nächsten Jahr verlässt. Paradise Lost sind dabei wenig überragend, der Sound nochmal so richtig basslastig und übersteuert und auch sonst dürfte es in der Vergangenheit schon viele bessere Auftritte gegeben haben.

Es folgt die geilste Band der Welt. Knorkator tun wieder einmal das, was sie am besten können. Selber Spaß haben und dabei die Mengen begeistern. Stumpen, selber für seine Sportlichkeit bekannt, lässt es sich wieder einmal nicht nehmen die Fotografen auf die Bühne zu bitten. Hier könne man viel schönere Bilder machen als von da unten. Bei einer Bühnenhöhe von knapp drei Metern eine sportliche Angelegenheit. An dieser Stelle ist Teamwork gefragt. Auf dem Rockharz gehört es allerdings zum guten Ton, dass die Fotografen sich gegenseitig unterstützen. Ein Arbeitsklima, das es in der Form nur hier gibt. Untereinander, wenn man dem anderen ein gutes Bild nicht versaut, weil man sich vor das Objektiv stellt sowie miteinander, wenn die Grabenschlampen mal kurz Hilfe brauchen, weil eine Welle an Crowdsurfern heranrollt. Dabei wird von beiden Parteien die Interaktion mit den Besuchern nie vergessen und so ist es nicht unüblich, dass am ersten Tag auch jeder dritte Fan, der sich in die erste Reihe vorgekämpft hat, freudig begrüßt wird. Man kennt sich.

„Verpisst euch wieder von meiner Bühne, haut ab“, ruft Stumpen nach dem Ende des Songs und alle Fotografen verlassen brav wieder die Bühne. Stumpen selber springt völlig lässig in den Bühnengraben und setzt sein musikalisches Meisterwerk fort.

Weit weniger kontaktfreudig geben sich dann In Flames. Es wird auch nicht das Rockharz, sondern lediglich „Deutschland“ begrüßt, ehe ein Highlight der Setlist das nächste jagt. Wortkarg und wenig motiviert spielen die Schweden dennoch ein absolut episches Konzert, das seines gleichen sucht. Der Sound stimmt, die Songs sind großartig und die Stimmung über alle Maßen ausgelassen. Die gute Laune erhält nur einen letzten Dämpfer: In Flames beenden Ihr Set 10 Minuten eher als es die Running Order vorgesehen hatte. Was da los ist? Wir können es nicht in Erfahrung bringen.

Auf zur letzten Schlacht. Mit Manntra (nicht zu verwechseln mit Mantar) spielt als letztes eine verhältnismäßig junge kroatische Band, die den Hörer völlig überraschend in den Bann zieht. Musikalisch dem industrial-Folkrock zuzuordnen gewinnen die Jungs nicht nur mit ihrem Können an den Instrumenten, sondern auch mit Ihrer absolut sympathischen Art neue Fans. Der Quell ihrer übermäßigen Euphorie liegt aber nicht nur darin, in Deutschland vor großem Publikum spielen zu können, sondern auch am erst wenige Stunden zurückliegenden Sieg Ihrer Nationalmannschaft gegen den WM-Ausrichter Russland. Wie lange Ihre Freude wohl andauern wird?

Nach dem Auftritt geht wie in den letzten Jahren alles ganz schnell. Das Infield muss geräumt werden, damit die Abbauarbeiten beginnen können. Den Besuchern wird auf dem Campground noch ein Aufschub bis zum kommenden Mittag gewährt, dann muss auch der Campingplatz geräumt und die Wiesen um den Flugplatz wieder für die reguläre Verwendung hergestellt sein. Zumindest für die Dauer von knapp einem Jahr.

Was also bleibt vom 25. Jubiläum des wohl besten Festivals Deutschlands mit weniger als 20.000 Besuchern? Die Meinungen sind in den Social-Media Gruppen eigentlich eindeutig und dürften mit „weniger ist mehr“ vollumfänglich zusammengefasst sein. Es gibt Diskussionen, ob es notwendig ist jeden Tag mehr als einen teuren Headliner zu buchen. Es wird überlegt ob das Rockharz noch wachsen kann oder ob nun endgültig das Maximale aus der Fläche heraus geholt ist. Und abschließend: Ist das Mutantenstadl nicht eher ein Hexenhaus?

Text: D. Stahlmann & L. Esch

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