Harm Wülf

Hijrah

  • Artist: Harm Wülf
  • Album: Hijrah
  • Label: Deathwish Inc.
  • Release: 2016-08-26
  • Medium:
  • Bewertung:1-

Sommer, Sonne, gute Laune…all das wird man auf dem neuen Album von Harm Wülf, welches in diesen heißen Augusttagen erschien, garantiert nicht finden. Stattdessen grüßt der kalte November bereits vom Bild auf dem Cover her, das ein Flugzeugwrack in einer kargen Ödnis zeigt. Am ehesten mit der Hitze in Verbindung bringt man vermutlich noch den Titel: ‚Hijrah‘ beschreibt den Auszug des Propheten Mohammed nach Medina und seine Wanderung durch die arabische Wüste. Mit dem Islam hat Harm Wülfs Sophomore-Album allerdings nichts zu tun. Das Umherirren ist wohl eher metaphorisch zu verstehen. Wer den Sänger George Hirsch und dessen Hauptband Blacklisted kennt, wird unweigerlich verständnisvoll mit dem Kopf nicken. Die Pilgerfahrt geht hier eher durch die Abgründe der menschlichen Psyche und über ein Meer der Depression. Ungemein ehrlich und aufgrund dessen ziemlich erschütternd. So präsentiert sich Hijrah wie ein kurzer Abstecher in tausend Jahre Einsamkeit. Der Stil lässt sich kaum in eine Schublade stecken: Da sind die packenden Kontraste zwischen zerknirschender Selbtoffenbarungen in den Texten und den sie begleitenden, teils euphorischen Melodien wie sie bei Blacklisted spätestens seit ‚No One Deserves To Be Here More Than Me‘ zu finden sind. Da sind die teils repetitiven Textpassagen und dominierende Musik wie bei Self Defense Family und da ist die Anklänge von Dark-Ambient-Sound.

Der Einstieg in Hijrah ist etwas gewöhnungsbedürftig. Der erste Titel ‚Descent, I’ve Been Waiting‘ erstreckt sich zwar über sechs Minuten, erscheint dem Hörer aber eher wie ein in die Länge gezogenes Intro, das zu allem Überfluss auch noch recht unmelodisch daherkommt. Schwerfällig und distanziert klingen die schrägen Gitarreneffekte und schallenden Becken. Müde und heiser wirkt Hirschs Stimme, die mehr lamentiert als singt, während sie den baldigen Niedergang begrüßt. Kein Lied, eher eine Klangexperiment. Ab dem zweiten Titel, ‚Matryoshka‘ ändert sich dies jedoch. Der Ausdruck ‚an Fahrt aufnehmen‘ wäre hier zwar deplatziert, denn Tempo, Stimmung und Intonation verbleiben düster und schleppend. Dafür haben alle Titel individuelle Alleinstellungsmerkmale, die sich zuordnen lassen und im Ohr bleiben. Da ist ‚Put The Kettle Back On (They’ve All Gone Anyway)‘, mit seinen dumpfen Toms, das vollkommen ohne Schlagzeug auskommende ‚Survivor Guilt‘ oder ‚Welcome Home Our Sister‘ mit leichten Grunge-Anleihen. Natürlich dürfen auch die psychopathischen Kontraste nicht fehlen, die bezeichnend für Hirschs Stil sind. So besingt er in ‚Warm Snow‘, wie ihm seine Mutter stets einbläute, ihm liege die Schlechtigkeit im Blut und ihr zu entkommen würde an der Realität scheitern. Dies mündet dann in einem regelrecht lebhaften Mundharmonika-Solo, das an die Musik in einem Pariser Straßencafé erinnert, als wäre diese niederschmetternde Nachricht das normalste der Welt.

Harm Wülf ist bestimmt keine Band für jeden und so kontrovers wie das Buch, dessen Hauptcharakter Pate für den Bandnamen stand. Hijrah braucht, genau wie sein Vorgänger ‚There’s Honey In The Soil So We Wait For The Till‘, Zeit, um an einem zu wachsen. Deprimierende Texte und schwermütige Melodien vermischen sich beim Hören im Kopf zum Bild einer trostlosen Vulkanlandschaft auf der kein Leben gedeiht. Selten hat ein Cover-Motiv das Hörerlebnis so gut visualisiert wie hier und mit Deathwish hätte kein passenderes Label für dieses Album gefunden werden können. Die beste Musik, um an einem regnerischen Herbsttag aus dem Fenster zu schauen oder Zwiebeln zu schneiden. Leider zieht sich der Anfang etwas in die Länge, ohne dabei viel Eindruck zu hinterlassen, was ungeduldige Naturen vielleicht von einem intensiven Reinhören abhalten könnte. Auch Hirschs raue Stimme ist zunächst gewöhnungsbedürftig, passt am Ende aber in die Gesamtstimmung und geht in den dystopischen Melodien auf. Das Album nach dem ersten Anspielen aber gleich wieder zur Seite zu packen, wäre ein Fehler, denn es offenbart sich einem erst nach mehrmaligem hören. Für Freunde düsterer Instrumentalmusik mit langsamem Tempo und Menschen mit dunklen Flecken auf der Seele sehr zu empfehlen. Vielleicht bis zum Herbst liegen lassen…

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