Die Toten Hosen

Entartete Musik: Willkommen in Deutschland

  • Artist: Die Toten Hosen
  • Album: Entartete Musik: Willkommen in Deutschland
  • Label: JKP / Warner
  • Release: 2015-10-30
  • Medium:
  • Bewertung:1

Als die Toten Hosen vor ziemlich genau zwei Jahren drei Abende zusammen mit dem Sinfonieorchester der Robert Schumann Hochschule unter dem Motto ‚Entartete Musik: Willkommen in Deutschland‘ gestalteten, war nicht abzusehen, wie erfolgreich diese Abende werden sollten. Nun werden diese Abende als Platte veröffentlicht. Für alle, die dabei waren, als Erinnerung, und für alle anderen als Blick. Als Blick auf etwas, das sich im ersten Moment sehr gut in die Reihe dieser Tage emporsprießender Rock-gegen-Rechts-Alben einreihen könnte. Oder als Konzeptalbum ‚Rockband meets Orchestra‘.

Und doch ist es irgendwie ziemlich anders. Es fehlt der erhobene Zeigefinger, der sich angesichts der aktuellen Flüchtlingsdebatte so einfach bemühen ließe, und auch einen Mantel der triefigen Betroffenheit sucht man auf diesem Mitschnitt vergebens. Denn auch wenn für all die Werke, sei es aus der Dreigroschenoper (‚Kanonensong‘, ‚Zuhälter-Ballade‘), in Musik gekleidete Gedichte von Erich Kästner und Hermann Hesse (‚Stimmen aus dem Massengrab‘, ‚Im Nebel‘) oder Songs von den Comedian Harmonists das Siegel ‚entartet‘ gilt, heißt das nicht, dass man so eine Platte nicht auch auflockern und sie mit Unterhaltsamen füttern dürfte. Denn auch im Jahr 1928 gab es Satire (‚Einen großen Nazi hat sie‘). Neben dem breiten musikalischen Spektrum, dsa das Sinfonieorchester bietet, entfacht Campino Gänsehautmomente. Er transportiert Stimmung und Gefühle, beißt, schreit und tobt sich durch ‚A Survivor From Warsaw Op. 46‘ oder gibt den Entertainer (‚Ich muss heute singen‘). Er, der sonst bei Konzerten auch gerne Texthänger hat oder den Einsatz verpasst, avanciert nun zum Vollblutprofi.

Eigentlich ist diese Platte in den üblichen Maßstäben kaum zu bewerten, da sie sich keinesfalls eignet, um im Auto oder auf der Zugfahrt mal nebenbei gehört zu werden. Wenn man dies jedoch als die Erinnerung an einen sehr besonderen musikalischen Abend nimmt oder als Geschichtsstunde, die nicht belehrend sein will, ist das ganz, ganz großes Kino.

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