Dark Circus Festival 2014 – Goth in der Manege

Selten im Jahr ist der zeitliche Verwertungsdrang ein drängenderer als an Adventssonntagen - den vermeintlichen Inseln der Ruhe inmitten des hektischen Konsum- und Vorbereitungstrubels. Vor allem 2014. Und vor allem am zweiten. Die zweite Kerze anzünden, Plätzchen backen, über den Weihnachtsmarkt flanieren - die üblichen Verdächtigen unter den Freizeitaktivitäten biedern sich an. Was käme Freigeistern da gelegener als ein Zirkusbesuch? Vorausgesetzt, man möchte der Besinnlichkeit ein Schnippchen schlagen und macht sich nicht allzu viel aus Sägespänen, brennenden Reifen, Seiltanz und Elefanten, denn die gab's im Leverkusener Gothic-Clubkleinod Shadow dann doch nicht. Dafür aber unvermindert erstaunliche Attraktionen sowie daneben auch den einen oder anderen Clown.

Fünf Bands, entsprechend viele Musiker und Crewmitglieder und ein Haufen Termine in einer handvoll Ländern. Wie geht das zusammen? Eigentlich gar nicht. Aber die Zirkusse (den Plural habe ich extra nachgeschlagen) bekommen es ja auch irgendwie hin. Demoncast, Kissin‘ Black, Substaat, Stoneman und Otto Dix sind die Artisten des vor nicht allzu langer Zeit ins Leben gerufenen und dieser Tage in die Tat umgesetzten Pilotprojekts „Dark Circus Festival“. Gemeinsam ziehen sie durch die Lande und bespielen dunkle Orte mit nicht durchgängig, aber doch über weite Strecken dunklen Klängen zwischen den Polen Gothic und Metal. Am Sonntag schlug der Treck in Leverkusen die Zelte auf; der lauschige Gothic-Club Shadow wollte bespielt werden und lockte immerhin ein paar dutzend Schau- und Showlustige unter die Erde.
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Noch vor 19.00 Uhr ging es los – trotz verspätetem Einlass. Schließlich waren ja fünf Einzelkonzerte durch den Abend zu schleusen. Nachdem zum Einstimmen Demoncast aus Tel Aviv mit im Wechsel weiblichem und männlichem Gesang des Frontduos Ptyl und Ariel Aviad (und dem Gitarristen im Publikum) sowohl grobe als auch feine Industrial-Momente nach Hausmacherart generiert und Kissin‘ Black, die italienisch marmorierten Eidgenossen um G. Mastrogiacomo, etwas zum Besten gegeben hatten, was man als akustischen Dark-Country-Blues-Rock hätte einstufen können und nicht nur verdächtig gute Laune machte, sondern sich daneben auch gefährlich im Gehör festkrallte, wurden die Slots länger. Zeit für Substaat: einfach nur zwei gepflegte norwegische Herren in Hemd und Krawatte, die ohne viel Aufhebens einfach nur guten, herkömmlichen Synthpop machen. Punktum.
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Die Headliner-Parklücken besetzen Stoneman und Otto Dix. Beziehungsweise Otto Dix und Stoneman. Wer die dunkelbunte Zirkustruppe nun anführen sollte, darüber fanden sich in Netz und Plakatierung unterschiedliche Angaben. Nicht weiter schlimm, meldete sich doch ohnehin bald ein Kandidat durch die schwächste Leistung des Abends ab: Stoneman. Und das trotz üppigstem Requisienfundus, fettestem Merch-Aufgebot und lautester Mucke. Eine Fassade der Härte, die unter Freiwerden heißer Dampfwölkchen schnell umkippt, ohne dass es viele der Gekommenen zu peilen scheinen.

Stoneman, Crew und Fans tragen Kutte. „Wer ficken will, muss freundlich sein“ steht hinten drauf. Ein alter, aber immer noch überaus dämlicher Spruch. Permanent von übereifrigen Roadies umsorgt befeuern Stoneman ihr Publikum von einer albernen Gitterrost-Anhöhe aus mit Texten, die der Kuttenbeflockung in wenig nachzustehen scheinen. Das Gute: Man versteht Sänger Mikki Chixx kaum. Die Darbietung der Schweizer Steinmänner ist tosend und verzerrt, grob und musikerübergreifend gestenreich, in erster Linie aber relativ schwach auf der Brust.
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Kaum ist der letzte Takt Geschichte, weicht das Live-Set Survivors ‚Eye Of The Tiger‘ und das schlechte Gewissen einer untrüglichen Gewissheit. Stoneman lassen es sich nicht nehmen, ihr treues Publikum zu feiern, so erweckt es den Anschein; in Wirklichkeit aber feiern sie sich selbst. Ob über Gebühr oder nicht: Soviel sei erlaubt, hat doch das Mini-Festival der diskutabel durchuniformierten Schweizer Band den Großteil seines Publikums zu verdanken.
Dass sich beim anschließenden Auftritt von Otto Dix weite Teile des Publikums in andere Richtungen drehen, in Gespräche verwickeln lassen oder anderweitig abwesend sind, hat die extra aus Russland angereiste Band nicht verdient. stoneman_4.jpg “ Marie Slip und Michael Draw hatten vor einiger Zeit ihr Live-Lineup um Schlagzeuger und Gitarrist erweitert, ließen sie aber für das Wanderfestival zu Hause und bestreiten die Tour als Duo, ohne dabei aber am Sound abgespeckt zu haben. Zu hören sind die Klassiker der mittlerweile zehnjährigen Bandgeschichte.

Draw hält ein Kristallglas voll roter Flüssigkeit in der Hand. Wein? Blut?? Er tunkt seinen Finger hinein, bemalt, nein: beschmiert sein Gesicht mit fahrigen Mustern und lädt nach und nach auch das Publikum zur Salbung. Es kleckert auf die blütenweißen, gerüschten Spitzenärmel. Zögerlich tritt man an die Bühnenkante wie damals zur Erstkommunion vor den Pfarrer. Gesichtsbemalung schweißte schon die alten Kelten vor dem Kampf zusammen. Mit den Klecksen der Zugehörigkeit im Antlitz verfallen einige Konzertgäst über die folgenden Stücke der Russen in selbstvergessene Ausdruckstänze, aus denen sie auch die bedrohliche Peitsche, die Countertenor Draw zu ‚Любимый немец‘ schwingt, oder die bei ‚Маленький Принц‘ verschickten Papierflieger nicht herausreißen können.
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‚Egal, was die Politiker da oben machen‘

, setzt der gespenstisch weiß geschminkte Sänger an,

‚Wir bleiben eure Freunde.‘

Ein spontaner wie simpler Beitrag zur Völkerverständigung aus der köchelnden Darkwave-Suppe heraus, ohne erhobenen Zeigefinger, ohne Meinungsmache, dafür mit Fingerspitzengefühl. So runde letzte Worte, dass Otto Dix von der Bühne verschwinden, das Licht angeht und nichts darauf schließen lässt, dass es mehr als diese 40 Minuten werden würden, die sie an diesem Abend auf der Bühne verbringen. Als sie dann trotzdem zurückkehren, scheint es, als hätten sie sich des nur mäßig interessierten Publikums entledigen wollen. Vor wenigen Gebliebenen spielen sie die zweite Hälfte ihres Sets, das sich mit dem von ihrem letzten Auftritt im Shadow Club 2011 in weiten Teilen deckt; von den letzten beiden Alben lassen sie mit ‚Страна Туманов‘ von der Kreuzritter-Konzeptplatte ‚Mortem‘ und ‚Крысолов‘, zu dem Draw pantomimisch querflötet wie der Rattenfänger von Hameln persönlich, jeweils nur ein Stück hören.
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Als kleines Adventsgeschenk singt der Frontmann zuletzt einen Ausschnitt aus ‚Прекрасное далеко‘, einem russischen Volkslied. Sein Gesang schraubt sich dafür bis an die Oberkante seines breiten Spektrums. Auch die letzten Unaufmerksamen bestaunen jetzt die Überwindung der Geschlechtergrenzen; andere probieren in Furcht vor dem Ausverkauf bereits verzückt Bandshirts an. Am Ende also doch noch ein Punktsieg für die Petersburger. Und auch für dieses kleine aber feine Dunkelfestival im Ganzen, welches so oder ähnlich einer nächsten Auflage durchaus hoffnungsvoll entgegen blicken darf, ginge es nach uns.

Text: Valentin Erning
Fotos: Nadine Segschneider

Weitere Bilder des Abends findet ihr hier in der Galerie – mit freundlicher Unterstützung von Fleur de Glace Photography.

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