Isildurs Bane

Colours Not Found In Nature

Welch ein wunderliche Zusammenarbeit, zumindest auf dem Papier. Vielleicht liegt es auch an Steve Hogarths eigentlichem Vornamen Ronald, daß er einer Band mit Tolkien-inspiriertem Namen einfach nicht widerstehen kann. Nun, es ist eigentlich egal, ob man beinharter Verehrer des Marillion– Frontmannes oder des schwedischen Kammer-Prog-Ensembles ist oder auch nicht. Man kommt nicht umhin, festzustellen, daß die Zusammenarbeit von Hogarth und Mats Johanssons Isildurs Bane eines der interessantesten und erwartungsgemäß eigenwilligsten Alben des bisherigen Progjahres hervorgebracht hat.

Das instrumentale Gerüst ist dabei – falls es sowas gibt – typisch Isildurs Bane. Und zwar quer durch alle Phasen. Sprich, der synthie-getriebene symphonische Prog der frühen Jahre findet hier ebenso seine Repräsentation wie die jazzigen Bläser, die Zappaesken Breaks, die Kammermusik-Passagen und auch die New Artrock-Sounds des umstrittenen „Mind 4“-Albums. Und, wie das so üblich ist, klingt in der Kombination doch alles doch wieder ganz anders als bisher. Schließlich hat Johansson die Musik laut eigener Aussage mit Steves Stimme im Hinterkopf geschrieben. Dank Vermittlung von Richard Barbieri (mit dem Hogarth schon seit seiner H Band zusammenarbeitet) hat aber nun diese Kollaboration zusammengefunden und passt einfach perfekt. Hogarth bedient sich, wie bei der Barbieri-Kollaboration „Not The Weapon But The Hand“, ausgiebig der Möglichkeiten der Technik. Die charismatische Stimme wird dutzendfach gelayert, verfremdet und geloopt, es wird gesungen, gechantet, gesprochen, geflüstert und gelegentlich auch nur in Lautmalereien kommuniziert. Das bedeutet natürlich, daß es keine konventionellen Pop-/Rock-Songstrukturen und somit auch nur wenige eingängige Momente gibt. Wie alle Isildurs Bane-Scheiben und auch Steve Hogarths Alben außerhalb des Marillion-Kanons verlangt „Colours Not Found In Nature“ mehrere Durchgänge, idealerweise mit Kopfhörer und Booklet in der Hand. Dann beginnt man plötzlich die zahlreichen Querverweise und die sich durch das gesamte Material ziehenden musikalischen Themen zu bemerken, auch die unscheinbaren Momente finden ihren Platz im großen Ganzen, und die Lyrics ergeben eine Einheit mit der musikalischen Umsetzung. Aber, keine Sorge, auch wenn es dauert, bis sich die Arrangements der Scheibe erschließen, die Faszination der Musik packt den Zuhörer sofort. Es dürfte durchaus Steves Einfluss zuzuschreiben sein, daß das Album weniger kopflastig klingt als frühere Isildurs Bane-Scheiben, dafür viel Herz und Bauchgefühl aufbietet.

Anspieltipps verbieten sich hier im Prinzip, da es sich ganz klar um ein in sich geschlossenes Gesamtwerk handelt. Das zusammenhängende Eröffnungsdoppel ‚Ice Pop‘ und ‚The Random Fires‘ stecken aber für Neulinge so ziemlich die Bandbreite des Albums ab – von „Incantations“-Ära-Oldfield über die Beatles bis Zappa und Eno, mit etwas klassischer Kammermusik abgeschmeckt. Wer mit den Künstlern hingegen vertraut ist, wird nicht lange nachdenken müssen: eines der großartigesten und originellsten Ensembles der modernen Musik trifft auch eine der schönsten, experimentierfreudigsten und emotionalsten Stimmen des gesamten Pop-/Rock-Zirkus – wie zum Teufel soll da etwas Anderes als ein fantastisches Album herauskommen? Noch dazu ist die Scheibe erstklassig produziert und wird von einem tierisch coolen, klischeefreien Coverartwork abgerundet. Ab in den Webshop von Just For Kicks und das Ding eintüten!

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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