Balthazar – Mehr Rock’n’Roll, bitte!

Seit gut fünf Jahren mischen Balthazar in der europäischen Indie-Welt mit. Seit der Veröffentlichung ihrer ersten beiden Scheiben 'Applause' und 'Rats' erlangt das belgische Quintett stetig mehr Aufmerksamkeit. Fast zwei Jahre tourten sie non-stop, unter anderem mit den Editors Ende 2013. Nun legt die Band mit 'Thin Walls' ihr drittes Album vor. Wir unterhielten uns am Telefon mit den kreativen Köpfen Maarten Devoldere und Jinte Deprez über die neue Platte, Leipzig und das Leben auf Tour.

Wie fühlt ihr euch mit eurem dritten Album? Fühlt es sich anders an als bei den bisherigen?

Maarten: Ja! Ich fühle mich sehr anders. Wir sind sehr stolz darauf. Diesmal war der Schreibprozess ganz anders. Wir waren non-stop auf Tour. Das Album konnte also nur auf und zwischen den Touren entstehen – ohne die Zeit, mal runterzufahren. Wir konnten kaum darüber nachdenken. Ich glaube, man kann das auch in den Texten hören. Es ist halt nicht über die großen Fragen des Lebens.

Hat das Touren euch beim Schreibprozess geholfen, oder möglicherweise mehr behindert?

Maarten: Das ist ziemlich schwer zu sagen. Man schreibt einfach ganz anders, wenn so viele Leute die ganze Zeit zuhören können. Aber als wir zwischendrin mal zu Hause waren, haben Jinte und ich zwei Zimmer in einem alten Kloster gemietet. Wir hatten beide unseren eigenen Raum, aber die Wände waren so dünn, dass wir alles hören konnten, was der andere gerade machte.

Also ist der Albumtitel ‚Thin Walls‘ Zeugnis eures Arbeitsprozesses im Kloster?

Maarten: Ja, das ist einer der Gründe, warum es ‚Thin Walls‘ heißt. Es war richtig cool! Manchmal schrieb Jinte einen Song und kam zu mir: ‚Hey du musst dir den Song anhören, den ich gerade geschrieben hab‘. (lacht plötzlich) Und ich antwortetete manchmal: ‚Ja, ich hab ihn schon gehört und eine Melodie dazu geschrieben.‘
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Hat euch das als Songwriter noch ein Stück näher zusammengebracht? Hattet ihr mehr Verständnis füreinander?

Maarten: Ich glaube nicht, dass es in erster Linie um Verständnis geht. Aber es stimmt, dass man auch die kleinen Dinge übereinander erfährt. Sogar vom Rest der Band und der riesigen Crew. Es ist alles ein bisschen wie in einer umherreisende Zigeunerfamilie, oder einer Bruder-Schwester-Beziehung. Es ist wirklich verrückt, aber manchmal streitest du über eine verlorene Banane im Tourbus (lacht). Aber meistens ist es sehr entspannt mit einer guten Atmosphäre. Überall gibt es kreative Vibes.

Ihr habt euren Song ‚Leipzig‘ auf Tour geschrieben, euch aber entschlossen, ihn nicht aufs Album zu packen. Wie kommt es, dass ihr ihn nach einer deutschen Stadt benannt habt? Steckt eine Liebe zu Leipzig dahinter?

Maarten: Wir haben den Song geschrieben, als wir gerade Supportband der Editors auf ihrer Deutschlandtour waren. Damals fühlten wir uns, als wären wir gar nicht mehr kreativ. Durch das ganze Umhertouren haben wir kaum geschrieben, also beschlossen wir, uns selbst herauszufordern und jeden Tag auf Tour einen neuen Song zu schreiben. Wir schrieben bestimmt 30, jedes davon nach der jeweiligen Tourstation benannt. Leipzig war der einzige Song, der sich durchgesetzt hat. Er hat es nicht bis aufs Album geschafft, weil er einfach nicht dazugehört hat. ‚Leipzig‘ ist eher ein Song zwischen den Alben. Also ist er nicht wirklich über Leipzig, trotzdem muss da irgendwo ein kleiner Teil von Leipzig drinstecken.

Wenn ihr einen Song schreibt, sind es bestimmte Orte, die euch beeinflussen oder eher der Vibe, das Gefühl der Reise auf Tour?

Maarten: Es ist ein Mix aus beidem. Es ist einfach nicht schwarz und weiß. Es ist aber auch nicht so romantisch, wie sich das viele immer vorstellen. Wenn du auf Tour bist, siehst du kaum was von der Stadt oder spürst den City-Vibe. Du bist mehr im Tourbus. Trotzdem nehmen wir an, dass jede Stadt etwas anderes in sich hat, das seinen Weg in die Musik findet. Wenn ich noch mal darüber nachdenke, eigentlich auch bei Leipzig. Als wir damals dort waren, war gerade Halloween und wir besuchten eine Halloween-Party. Das erklärt vielleicht die spooky Atmosphäre.
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Für dieses Album habt ihr euch entschieden mit Produzenten zu arbeiten, Ben Hillier und Jason Cox. Wie kam es dazu, dass ihr eure Meinung geändert habt?

Maarten: Das kam dadurch, dass wir mal was Neues ausprobieren wollten. Aus einer ganz anderen Perspektive, im Kontrast zu den zwei anderen, die wir komplett allein gemacht haben. Es macht keinen Spaß, immer das Gleiche zu tun, es ist eine größere Herausforderung, mit jemandem zusammenzuarbeiten, der ganz neutral an die Dinge herangeht. Klar waren wir erst skeptisch. Das liegt aber eher daran, dass wir Kontrollfreaks sind. Dabei ist aber was richtig Gutes herausgekommen. Der ganze Prozess war leichter, du musst nicht auf alles gleichzeitig achten. Du kannst dich einfach auf die Musik konzentrieren.

Sprechen wir mal mehr über die Musik an sich auf dem Album. Wie klingt ‚Thin Walls‘? Ich finde, es enthält eine Menge mehr Rock’n’Roll und klingt viel dreckiger …

Maarten: Die ersten beiden Alben waren ein Prozess im Kopf. Das hier ist aus dem Bauch heraus. Der Dreck hat viel mit dem Touren zu tun. Unsere Gedanken wurden komplett pervertiert durch den Alkohol. Jinte hält es für eine Art Verzerrung des gesamten Bildes. Das machen wir aber auch nur, wenn wir auf der Bühne stehen. Wenn wir zu Hause sind, ist es immer friedlich und harmonisch. Warte – ich geb dir mal Jinte, der hat noch ein bisschen was zu sagen. Es ist für mich noch zu früh am Morgen.

Jinte: More Rock’n’Roll! Ich denke, weil wir so viele Liveshows gespielt hatten, insbesondere Festivals, hatten wir das Gefühl, wir bräuchten ein paar richtig direkte Rock’n’Roll-Songs. Das haben wir sonst immer vermieden. Aber wenn du ein drittes Album machst, dann hörst du einfach auf, Dinge zu vermeiden. Du machst Sachen, die du auch wirklich machen willst. Wir haben die neuen Songs schon ein paar Mal getestet. (lacht) Und wir konnten spüren, wie wir uns selbst in eine Rockband verwandelten. Aber eigentlich interpretieren wir Rock nur.

Stimmt, ihr taucht eure Zehen hinein, aber ihr behaltet euren typischen Sound bei.

Jinte: Ganz genau!

Die Themen drehen sich auch auf dem neuen Album immer um die Liebe – oder verlorene Liebe. Ihr schreibt auch viel über Frauen und den Effekt, den sie auf euch haben. Denkt ihr, dass dieser Themenkosmos eure liebste Spielwiese ist?

Jinte: Ja, ganz klar. Man denkt immer über Leid und Kummer im Leben nach. Das ist immer eines der interessantesten Dinge im Leben. Und ich für meinen Teil fühl mich nicht, als müsste ich über Gesellschaftsprobleme oder so singen. Wir bleiben bei dem, was uns fasziniert. Und damit werden wir auch nie aufhören. Wir werden darüber singen bis … – wir sterben (lacht).

Also werden Balthazar auch in Zukunft nicht politische Weltveränderer sein.

Jinte: Nein, davon sind wir wirklich sehr weit entfernt. Für mich sind die Erfahrungen mit den eigenen Gefühlen die interessantesten Dinge. Das passt einfach besser zur Musik.

Ihr seid die kreativen Köpfe der Band. Wie bringt sich der Rest eurer Truppe ein?

Jinte: Für die letzten Alben haben wir eher sporadisch gearbeitet und immer Leute eingeladen, mit uns zu spielen. Diesmal haben wir viel mehr auswählen können. Wir sind zum Beispiel alle zusammen nach Brighton gefahren und haben an den Demos gearbeitet. Einige Arrangements waren einfach noch nicht vorhanden und wir haben die anderen mit unseren Ideen spielen lassen. Es war sehr witzig, einfach loszulassen und zuzuschauen. Ein gutes Gefühl, nicht alles kontrollieren zu müssen. Das hört man den Songs auch an, einige sind direkter. Es ging uns um das Gefühl der Lieder, nicht darum, clever zu sein. So haben wir es geschafft, jeden in den Prozess einzubeziehen.
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Wir haben nun schon viel darüber gesprochen, dass ihr als Truppe die meiste Zeit zusammen auf sehr engem Raum verbracht hat. Habt ihr euch dadurch manchmal sogar eher allein gefühlt oder euch zurück nach Belgien gewünscht?

Jinte: Das ist eine sehr persönliche Frage! (lacht) Maarten hat da aber eine Geschichte für euch.

Maarten: Ich habe zwei kleine Brüder, das ist ziemlich schwer mit dem Touren zu verbinden. Natürlich liebe ich die Jungs und Mädels von der Band, mit denen fühlst du dich nicht wirklich allein. Trotzdem vermiss ich einige Leute zu Hause sehr. Ich versuche immer mit meinen Brüdern zu skypen. Das heißt ich kann sie auf dem Bildschirm sehen, sie sind nämlich noch zu klein zum Sprechen (lacht). Es klappt schon irgendwie.

Sind das auch Sachen, die ihr in Songs verarbeitet?
Maarten: Nein, ich hab noch nie über meine Familie geschrieben. Jedenfalls noch nicht.

Klingt nach einem Zukunftsplan …

Maarten: Ja. Das erinnert mich gerade total an einen Song von KISS! Kennst du KISS? Ich weiß nicht so recht, wie der Song heißt. Jedenfalls ist es der letzte Song von einem Album und Gene Simmons singt darüber, wie er seine Familie vermisst, während er auf Tour ist. Es ist eben etwas, das du immer mit dir rumträgst. Aber es war trotzdem noch nicht Thema genug für mich, um daraus einen Song zu machen. Ich schreibe lieber über Leute, die ich treffe. Oberflächlich eben, anstatt von meiner Frau zu singen.

Wie werdet ihr die nächsten Monate verbringen? Im April sehen wir euch in Deutschland auf Tour. Wie sieht es mit Festivals aus?

Maarten: Wir werden auf jeden Fall eine Menge Festivals spielen! Das ist der Plan. Es ist leider noch etwas früh, um das zu bestätigen. Zum Glück gibt es eine Menge Möglichkeiten in Deutschland zu spielen, wir lieben deutsche Festivals. Aus irgendeinem Grund haben sie einen richtig guten Vibe.

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