An Hour Before It’s Dark

„An Hour Before It’s Dark“ (Earmusic) wirkt vielleicht in dieser letzten Stunde des Tageslichts besonders eindrucksvoll, aber eigentlich darf man Marillions 20. Studioalbum getrost zu jeder Tages- und Nachtzeit auflegen. Marillion sind immer noch eine der bekanntesten Bands der britischen Neo-Prog-Szene, und damit war doch eigentlich klar, was die Fans erwarten durften, oder? Nein, eben nicht, denn Marillion schaffen es auch heute immer noch, sich thematisch und teils auch stilistisch immer wieder neu zu erfinden. So überraschen gleich im Opener die epischen Chöre mit unerwarteter Wucht und Eleganz.

Das Album ist der Nachfolger der 2016er Platte „F.E.A.R.“, auf dem die melancholischen Balladen dominierten und es thematisch unter anderem um Bürokratie und Politik ging. Auf „An Hour Before It’s Dark“ haben sich die Briten (natürlich) mit der Pandemie beschäftigt, aber das Ergebnis ist doch wesentlich optimistischer als man vielleicht hätte erwarten können. Natürlich liefern Marillion dennoch – auch in optimistisch – genau das ab, was die Fans erwarten: Steve „H“ Hogarth brilliert als charismatischer Frontmann, der die Songs mit seiner Stimme trägt und den Hörer jede einzelne Textzeile fühlen lässt, Steve Rothery zaubert wunderschöne Melodien aus seiner Gitarre. Das Ergebnis: wie immer anspruchsvoller, melodiebetonter Art-Rock, verspielt, künstlerisch, aber auch eingängig und hin und wieder etwas poplastig, was aber nicht negativ sein muss.

Im Gegensatz zum Vorgänger wird es hier bei Songs wie ‚Murder Machine‘ auch mal wieder etwas lauter und rockiger, treibend, einnehmend. Die typischen Soli verleihen dem Track Eleganz und ganz viel Kraft. Großartig auch der Song ‚Sierra Leone‘ mit seinen wechselnden Stimmungen und der Geschichte eines Diamanten. Der vierteilstündige Longtrack ‚Care‘ beschließt das Album mit einem Wechselbad der Gefühle, und auch wenn es zwischenzeitlich düster und verzweifelt wird, steigert sich der Track doch immer mehr und entlässt den Hörer einmal mit einem optimistischen Blick in die Zukunft aus dem Song und dem Album. Man merkt dem Album natürlich die jahrzehntelange Erfahrung der Band an, die hier ihr Songwriting perfektioniert und einen faszinierenden Klangkörper erschafft, in dem es viele Details zu entdecken gibt, nicht nur in den erwähnten Texten oder Rotherys Gitarren, auch Keyboarder Mark Kelly überrascht mit dem einen oder anderen Sound im Vorder- oder Hintergrund. Wie bei allen Marillion-Scheiben sind mehrere Durchgänge beim Hören notwendig, um das Album in seiner vollen Wucht und Würde erfassen zu können.

Note: 2+

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Michael

Michael kam über die Konzertfotografie zu Whiskey-Soda und verbindet das Bildermachen gerne mit Konzertberichten und CD-Rezensionen. Als Chefredakteur für den Bereich Bluesrock mag er aber auch viele aus dem Blues entsprungene Genres wie diverse Metal-Spielarten. Daneben landen gerne Progressive- und Classic Rock und Americana auf seinem Drehteller, bevorzugt auf klassischem Vinyl. Wenn dann noch Zeit bleibt, findet ihr Michael bevorzugt im (Heim)Kino oder natürlich irgendwo da draußen zum Fotografieren. 

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