WHEEL – Die neue Prog-Hoffnung im Interview

Mit ihrem an Tool, A Perfect Circle und die härteren Ausläufer des Grunge angelehnten Sound hat die britisch-finnische Zusammenrottung Wheel auf ihrem Debütalbum „Moving Backwards“ eine exzellente Visitenkarte abgegeben. Sänger und Hauptsongwriter James Lascelle stellte sich zum Whiskey-Soda-Interview!

WS: Fangen wir doch von vorne an, James. Was hat dich als Briten nach Finnland verschlagen und wie entstand die Band?

James: Ich bin schon vor zehn Jahren nach Finnland gezogen. Ich hatte bereits in diversen anderen Bands im UK gespielt und spielte gerade eigene Sachen in einer Prog-Band, wenn auch nicht so ernsthaft wie es mit Wheel geworden ist. Ich spielte Schlagzeug in einer Prog-Band, spielte Solo-Gigs und moderierte eine Open-Stage-Nacht in einem kleinen Pub in Scarborough – für sechzig Pfund pro Woche. Ich hatte damals ernsthafte Probleme, finanziell über die Runden zu kommen und dachte bereits darüber nach, die Musik komplett an den Nagel zu hängen, um wenigstens genug Geld zum Überleben verdienen zu können.

In etwa zu dieser Zeit luden mich zwei Freunde, die nach Finnland gezogen waren, um eine Coverband zu gründen, ein, mit ihnen als Gitarrist und Backgroundsänger aufzutreten. Ich bin im ersten Jahr etwa zehnmal nach Finnland geflogen, und da ich feststellte, dass ich den Großteil des Einkommen aus diesen recht gut bezahlten Engagements in Flugtickets investierte, beschloss ich, dauerhaft umzusiedeln – eine der besten Entscheidungen meines Lebens.

Ich traf Santeri und Mikko durch unseren Ex-Gitarristen Saku, der mich ihnen aufgrund von Demos empfahl, die schließlich die Basis für die erste EP bildeten (The Path). Das waren Songs, die ich ein paar Jahre zuvor aufgenommen hatte – ich glaube, die erste Version von ‚Farewell‘ hatte ich mit 22 oder 23 geschrieben. Und nach kräftigem Editieren, Umschreiben und Neustrukturieren als Band im Proberaum beschlossen wir, die Sachen als Demo aufzunehmen. Die Session lief so gut, dass wir beschlossen, das Material professionell mixen zu lassen. Damit begannen wir auch unsere Zusammenarbeit mit dem finnischen Mix-Altmeister Jesse Vainio (Anm.:u.a. verantwortlich für Alben von Sunrise Avenue, Brother Firetribe und Poets Of The Fall).

Da die EP so großartig klang, wussten wir, das wir hier etwas Besonderes hatten – und wir haben seitdem nicht mehr zurückgeblickt!

WS: Mit der problemlosen Verfügbarkeit von Home-Recording-Equipment und Vertriebsmöglichkeiten wie Bandcamp ist es heute eher ungewöhnlich, dass eine Band noch EPs aufnimmt – viele nehmen gleich ihre ersten Gehversuche als Album auf und bereuen dann später, dass jeder ihre „Babyfotos“ sehen kann. War es für euch eine bewusste Entscheidung, den Bandsound mittels der EPs noch reifen zu lassen, bevor ihr ein Album aufnehmt?

Um ehrlich zu sein, kreativ machte es absolut Sinn für uns, mit EPs anzufangen. Speziell die erste, „The Path“, bestand ja, wie erwähnt, aus älterem Material, das ich vorher schon geschrieben hatte, und wir hatten auch in etwa 21 Minuten Musik über drei Songs verteilt. Wir dachten uns also, diese drei Songs würden als stand-alone-Veröffentlichung eine aussagekräftige Vorstellung für die Band abgeben und und uns gleichzeitig erlauben, das Kapitel abzuschließen und an neuem Material zu arbeiten.

Wir schrieben bereits die Songs für das Album, als wir die zweite EP („The Divide“) veröffentlichten, die Songs ‚Wheel‘ und ‚Skeleton‘ waren bereits fertig. Erneut beschlossen wir, dass die drei EP-Stücke bereits eine passende Geschichte erzählten und die beiden erwähnten Songs das Rückgrat dessen, was wir auf dem Album machen wollten, verkörperten.

Ich denke, es passiert schnell, dass man sich auf das fixiert, was alle Anderen machen, aber da wir ein breites Spektrum an Musik mögen, gibt es da auch viele verschiedene Herangehensweisen an das Veröffentlichen. Ich denke, für die Zukunft sind wir offen für weitere EPs, aber natürlich auch weitere Alben.

WS: Im Vergleich zu den EPs habt ihr auf dem Album mehr mit der Struktur der Songs experimentiert, es gibt ein paar richtig komplexe Longtracks, aber auch ein paar kurze Songs, die mehr auf den Punkt kommen. Zufall oder macht es Euch Spaß, mit dem Format zu spielen?

James: Ich denke, im Prog ist es üblich, gegen die Erwartungen zu gehen, die für die moderne Musik etabliert sind, und dazu gehört definitiv die Länge der Songs. Wir sind ein wenig stolz darauf, diese Tabus zu verletzen. Beispielsweise, indem wir richtig lange Songs machen und dann beschließen, auch richtig kurze Songs zu machen und somit wieder ein Tabu brechen… es macht einfach Spaß, mit sowohl unseren eigenen als auch den Erwartungen des Publikums zu spielen.

Bei ‚Vultures‘ wollten wir etwas Kompaktes erschaffen, das aber trotzdem einen langen Aufbau hat, da wir wußten, dass das Riff stark genug war, diese Struktur zu tragen. ‚Where The Pieces Lie‘ sollte extrem chaotisch, aber trotzdem stark konzentriert klingen – speziell auf einem Album mit drei Zehn-Minuten-Stücken wollten wir die Hörer wieder aufwecken und hoffentlich ein „What the fuck?“ provozieren…

Eines der Dinge, die an dieser Musik am meisten Spass machen, ist, dass man meist ein sehr offenes Publikum hat. Im Gegensatz zu Fans anderer traditionell gitarrenorientierter Musik wollen Prog-Hörer überrascht werden und ihre Erwartungen unterwandert sehen, und wir tun das gerne! Am Allerwichtigsten ist, das die Musik Spass sein soll, ansonsten: alles geht!

WS: Wenn ich Eure Lyrics korrekt deute, geht es bei Wheel oft um den Mangel an Empathie zwischen den Menschen und den Aufstieg des Konservatismus in der ganzen Welt. Wie wichtig ist es Euch, als Künstler Position zu beziehen – nicht parteipolitisch, sondern „humanitär“ (in Ermangelung eines passenderen Wortes)?

James: Ich denke, du hast den Nagel da auf den Kopf getroffen. Wenn schon nicht mehr, hoffen wir, wenigstens ein paar Anstöße zur Diskussion der auf dem Album behandelten Themen zu liefern. Ob Online-Hexenjagden wie in ‚Vulture‘, staatliche Überwachung, die wir in ‚Wheel‘ behandeln oder Wohlstandsunterschiede auf ‚Up The Chain‘, diese Themen erfahren immer noch nicht genügend Aufmerksamkeit in den klassischen Medien und sollten ständig diskutiert und neu eingeschätzt werden.

Empathie und Mitgefühl sollten eigentlich die Eckpfeiler der Gesellschaft sein, und gerade mit dem Aufstieg des Konservatismus werden sie immer mehr durch Angst, Misstrauen und die Gesellschaft spaltende politische Rhetorik ersetzt. Es gibt mehr Dinge, die uns gleich machen als Dinge, die uns verschieden machen, und ungeachtet dessen, was viele Medien und politische Vertreter uns glauben machen wollen, ist das eine Einstellung, die sich zu ermutigen lohnt.

WS: Eure Europatour mit Soen und Ghost Iris beginnt bald – passt perfekt, wie ich finde! Da es Eure erste Tour außerhalb Finnlands ist: wie bereitet Ihr Euch darauf vor?

James: Was die Vorbereitungen betrifft: wir haben wie gestört geprobt im letzten Monat, und es klingt so langsam ziemlich gut im Proberaum! Wir haben kürzlich eine Stange Geld in neues Equipment investiert und mussten uns ordentlich weiterentwickleln, um die Songs des Albums adäquat umsetzen zu können – jetzt freuen wir uns nur noch darauf, die Songs in ganz Europa live zu spielen und zu sehen, wie das Publikum darauf reagiert.

Wird natürlich auch sehr geil, jeden Abend Soen und Ghost Iris zu sehen!

WS: Noch eine abschließende Frage für James: als in Finnland lebender Brite, hast Du Angst, dass der anstehende Brexit den Privatleben oder gar die Band beeinflussen könnte?

James: Ich müßte lügen, wenn ich behaupten wollte, nicht darüber nachgedacht zu haben. Wie ich das in der Presse sehe, scheint bei diesem Brexit noch üerhaupt nicht klar zu sein, wie die Würfel fallen werden und wie die Sache ausgeht. Da ich schon sehr lange in Finnland lebe, dürfte es diesbezüglich eigentlich keine Probleme geben, aber es könnte natürlich einen Einfluss darauf haben, ob es für Wheel einfach bleiben wird, zukünftig im UK zu spielen.

Ich habe mit jeder Menge Leute mit höchst unterschiedlichen Meinungen zu dem Thema gesprochen, und das ist vermutlich das Alarmierendste an der ganzen Geschichte: wie gespalten die Einwohner des UK durch diese Sache scheinen. Meine Familie lebt natürlich immer noch dort, und ich möchte nicht, dass ihre Zukunft durch eine armselige Entscheidung der Regierung gefährdet wird. Aber im Moment bleibt wirklich nichts als abzuwarten und zu sehen, was passiert. Aber, auf der Haben-Seite: blaue Ausweispapiere!

Soweit James von Wheel. Verpasst nicht die Chance, die Band mit Soen und Ghost Iris im März bei den Deutschland-Shows zu besuchen – ein feineres Package in Sachen modernem Prog-Metal gibt es so bald nirgends zu sehen!

14. März 2019 – Hamburg, Logo

15. März 2019 – Berlin, Roadrunner

16. März 2019 – Aschaffenburg, Colos-Saal

17. März 2019 – Stuttgart, Club Cann

19. März 2019 – München, Backstage Werk

20. März 2019 – Hagen, Kultopia

21. März 2019 – Köln, Helios

3. April 2019 – CH, Pratteln, Z7

Vielen Dank an James für die Zeit und die ausführlichen Antworten und an Manuel von Head Of PR für’s Organisieren des Interviews!

Foto: Jarkko Tuomas, zur Verfügung gestellt von Head Of PR

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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