Hideous Divinity – Death-Metal jenseits von Schablonen

Metal ist eine Aufreihung von Klischees. True Metal ist Manowar. Lederkostüme und behaarte männliche Oberkörper. Steel and Honor. Black Metal ist Behemoth. Satanische Symbolik und hinter Masken und Corpsepaint versteckte, mysteriöse Musiker. Power Metal ist Helloween. Epische Fantasy-Geschichten, simple, eingängige Gitarren und hoher Gesang. Death Metal ist Cannibal Corpse. Blut, Totenköpfe, Gedärme und Tod. Metal ist Klischee. Ist Metal tatsächlich Klischee? Ist Metal nicht auch die Freiheit, alles tun zu können, was man möchte? Widerstand durch Andersartigkeit? Es klingt wie eine abgedroschene Binsenweisheit, aber sollte nicht nur die Musik zählen? Solange verzerrte Gitarren, ein knackiger Bass und eine deftiges Schlagzeug dabei sind, sollte das nicht jedem Rockmusik-Fan Metal genug sein? Man könnte vermutlich stundenlang über dieses Thema streiten. Über den Identifikationsgehalt einer bestimmten Optik in einer Subkultur. Orientierung durch Klischees. Es gibt immer wieder Musiker, die auf Klischees pfeifen! Lange Haare, grimmige Mienen, Blut und Gedärme? Nicht bei Hideous Divinity aus Rom. Den fünf Jungs um Bandleader Enrico Schettino ist das schlicht zu langweilig.

Enrico applaudiert wortlos, als ich das Ende Oktober erschienene Album „Cobra Verde“ unter anderem genau dafür lobe. Weil das Konzeptalbum eben nicht das typische Klischee-Death-Metal-Album ist. Besonders im Death- oder Blackmetal-Genre sind gewisse Klischees besonders präsent. Das Bandlogo sollte möglichst nicht auf den ersten Blick zu entziffern sein. Dämonen, Pentagramme, Blut, Totenschädel fluten regelmäßig das E-Mail-Postfach der Whiskey-Soda Metal-Redaktion. Es ist so langweilig. Vorhersehbar. Und unverständlich. Wie will man sich als Band von anderen abheben, wenn alles genau gleich aussieht und oft auch klingt? Der Vorgänger „Obeisance Rising“ beruhte auf dem Science-Fiction-Film „Sie Leben!“ von John Carpenter, ein Kult-Genre-Movie aus den 80er Jahren. Dem Zweitwerk liegt der gleichnamige Film des renommierten deutschen Regisseurs Werner Herzog zugrunde, der durch seine Zusammenarbeit mit dem exzentrischen Schauspieler Klaus Kinski bekannt wurde. Kinski spielt auch in „Cobra Verde“ die Hauptrolle. In dem Film spielt Herzogs kongeniale Hass-Liebe Kinski den grausamen, in Ungnade gefallenen Gesetzlosen Cobra Verde und späteren Sklavenaufseher Manoel Da Silva, der zum Vize-König eines afrikanischen Stammes aufsteigt. Von dort aus plant er die Rache an seinen ehemaligen Weggefährten, letztlich scheitert er damit jedoch. Ein anspruchsvoller Film über die seelischen Abgründe eines brutalen Sklavenhändlers als Grundlage für ein Death-Metal-Album? Ungewöhnlich. Warum gerade Filme, warum dieser Film?
1.jpg

„Kino ist DIE Kunstform der Gegenwart. Alle schreiben Texte, die sich entweder gegen das Christentum richten oder thematisch um Gore, Blut und Zombies aufgestellt sind. Das wird doch langweilig. Warum nicht Filme nehmen, die Grundlage für wirklich coole Konzepte sein können? Versteh‘ mich nicht falsch. Wir werden nie ein Album machen, das auf „Transformers“, „Pacific Rim“ oder „Twilight“ beruht. Von Werner Herzog war ich aber schon immer ein großer Verehrer. Er hat einige sehr epische Filme gemacht, die gleichzeitig sehr physisch sind und diesen Underground-Touch haben. Mehr Death Metal geht doch eigentlich gar nicht! Episch, physisch und Underground! Ich mag auch Kinski sehr. Oft ist er vor meinem inneren Auge präsent, wenn ich schreibe. Damals, als ich noch bei Hour of Penance war, habe ich teilweise sogar seine Zitate aus Filmen in meinen Songs verwendet. „Cobra Verde“ liefert eine wunderbare Grundlage, extrem und irgendwie archaisch. Die Geschichte der Sklaverei ist etwas sehr extremes, aber sie gehört zur Geschichte der Menschheit. In unserer Musik geht es uns hauptsächlich um eine Sache: Was ist das beängstigendste, worüber man Musik machen kann? Der Mensch! Und darum geht es auch im künstlerischen Kino. Warum sollten wir also über Zombies singen, wenn der Mensch und sein Verhalten viel beängstigender sind?“

, philosophiert der Frontmann des Metal-Fünfers aus Rom.

Da kann man schwer widersprechen, man muss nur die Nachrichten anschalten. Gewalt, Krieg und Not wohin man sieht. Aber was steckt hinter dem anderen Ansatz der Italiener? Ist es wirklich nur die Tatsache, daß es langweilig ist, sich an den Klischee-Erwartungen der Extrem-Metal-Gemeinde zu orientieren? Oder will man mit dem Fokus auf die bodenlosen, schwarzen Abgründe der menschlichen Seele gar ein Statement abgeben? Oder wollen sich die fünf Jungs ganz bewußt nicht an einer bestimmten Philosophie oder Ideologie abarbeiten, an denen sich nicht wenige Bands zumindest vordergründig orientieren?

„Klar – jeder hat letztlich seine Religion oder Dinge, an die er glaubt. Mir geht es in erster Linie um die Musik“,

positioniert sich Enrico.

„Zweitens finde ich, daß es doch ziemlich simpel ist, sich nur mit etwas zu beschäftigen, weil es extrem rüberkommt. Das hat mich noch nie interessiert, nicht mal damals als ich noch lange Haare hatte. Das bin ich einfach nicht. Ich gehe immer noch mit weißen Shirts und Flip-Flops zu Konzerten.“ „Uns ödet diese Attitüde an. Wir haben keine Lust, die harten Metal-Musiker zu geben, indem wir möglichst grimmige Gesichter ziehen. Wir sind nette Kerle. Wir Kochen gerne und mögen Katzen. Wir wollen einfach nur wir selbst sein“

, ergänzt ihn Schlagzeuger Giulio.

2.jpg „Enrico nimmt einen Akkuschrauber in die Hand, der neben dem Tisch im Backstage-Bereich liegt. Mit grimmigem Gesicht lässt er ihn einige Löcher in die Luft bohren.

„Wie Exhumed

, grinst der sympathische Mittdreißiger ironisch.

„Nein, jetzt mal ernsthaft. Ich habe zwei Jahre in Norwegen gelebt und bin in die gleichen Kneipen gegangen wie die dortigen „Black-Metal-Stars“. Das sind traurige Menschen. Die sitzen da, trinken deprimiert ihr Bier und sind zu genau dem geworden, was sie auf der Bühne darstellen. Vielleicht einfach, weil sie langweilige, deprimierende Leben führen? Sie können das, weil ihnen ein Land wie Norwegen das überhaupt ermöglicht. Glaubst du, die wären so drauf, wenn sie im Iran oder Russland leben würden? Wenn ich an so etwas glauben würde, dann würde ich es auch auf dem Roten Platz vor Putin genauso durchziehen. Cannibal Corpse wurden in Russland gerade verhaftet. Wenn, dann sollte man bereit sein, seine Überzeugungen absolut überall zu vertreten. Ich würde eine Black Metal Band aus Bangladesch ernst nehmen. Die wüssten wenigstens, wie man ein schreckliches Leben glaubhaft rüber bringt. Aber Norwegen? Ernsthaft? Das fürchterliche Land, in dem es keine Arbeitslosigkeit gibt?“

Black Metaller sind also deprimierte Langweiler. Aber es geht ja auch um 180° in die andere Richtung, wenn es um das präsentieren einer Weltanschauung in der Musik geht. Unsere kürzlich veröffentlichte Story über die Schweden Pantokrator beweist, daß es auch tiefgründige Metal-Bands gibt, die bekennende Christen sind. Wenn also Pentagramme, Satan und Black Metal nicht das Ding von Hideous Divinity sind, wie sieht es mit White Metal aus?

3.jpg

„Ich gebe dir eine kurze Antwort, damit Giulio auch noch was dazu sagen kann“

, beginnt Enrico.

„Was mich betrifft, habe ich keine Probleme mit den Lehren von Jesus Christus. Wovon ich gar nichts halte ist die Rolle der Kirche. Da beginnt es bei dem Thema nämlich richtig Scheiße zu werden!“

Drummer Giulio ergänzt:

„Von mir kann jeder über alles sprechen oder singen, solange er nicht versucht, mich zu missionieren. Wenn eine Band also über Religion, Gott, Jesus Christus oder seinen Tod am Kreuz sprechen will – ist für mich absolut cool. Solange sie mich nicht anpredigen und mich belehren. Weil ich das auch nicht tue. Ich belehre niemanden. Ich bin Atheist. Ich will auch niemanden zum Atheisten machen, aber umgekehrt möchte ich das auch nicht. Das gleiche ist es mit den ganzen Pagan-Metal-Bands. Sollen die ihre Axt um den Hals tragen, wenn sie wollen. Solange sie mich nicht nötigen, dasselbe zu tun.“

Bei der Präsentation eines neuen Albums, egal ob es in einem Regal im Musikgeschäft steht oder unter der Suchmaske in einem Online-Shop, gibt das Plattencover den wichtigsten ersten, wenn auch nur optischen Eindruck. Es entscheidet nicht selten, ob man die CD interessant findet und anhört, ist dadurch möglicherweise sogar ein Kaufargument. Man kann die Aufmerksamkeit auf ganz unterschiedliche Dinge lenken und unbewußt psychologisch Einfluss nehmen auf potentielle Hörer. Ziert das Cover eine kurvige Schönheit? Totenschädel oder Dämonen? Fantasyhelden, die gerade gegen einen Drachen kämpfen? Darüber könnte man wahrscheinlich umfangreiche medienwissenschaftliche Forschung betreiben. Das erste, worauf man beim Cover von „Cobra Verde“ aufmerksam wird, ist ein unheimliches, dunkles Gesicht, umringt von Wurzeln, Schlangen und wilden Tieren. Man fragt sich, wen das darstellen soll, es macht neugierig. Ungewöhnlich für ein Death-Metal-Album, ein klischeefreier Blickfänger.
4.jpg

„Genau so ist es!“

, antwortet Enrico eifrig.

„Man wird direkt neugierig! Wer ist der Typ? Welche Geschichte steht hinter dem grimmigen Gesicht? Warum ist sein Gesicht schwarz angemalt? Weil er ein Schwarzer ist? Nein! Er ist ein Weißer, dessen Gesicht schwarz bemalt ist. Als „weißer Dämon“ ist er von den Kriegern des Stammes unantastbar, niemand kann ihn töten. Also malen sie sein Gesicht schwarz an. Dann erlauben ihre Götter, ihn zu töten. Gemalt hat das Cover ein polnischer Künstler, der in Schottland lebt. Ich mag seinen Stil, weil er stark von der amerikanischen Gegenwarts-Kunst geprägt ist. Er hat mich an Beschinsky erinnert, der ebenfalls aus Polen stammt und den Giulio und ich sehr mögen. Ich hab ihn also gefragt, ob er sich vorstellen könne, etwas für eine untypische Death Metal Band zu machen. Er wollte zuerst den Film genau ansehen und sich dann wieder mit Ideen melden. Er sagte dann zu und hatte schnell ein gutes Grundkonzept, mit dem Gesicht, den Affen und den Schlangen, an dem wir dann noch Details verfeinert haben. Ich bewahre immer noch alle Skizzen auf, weil ich es so faszinierend finde, wie sich das Ergebnis vom ersten bis zum letzten Tag entwickelt hat. Heutzutage kann jeder ein schickes Artwork für seine Band kriegen. Es gibt da beispielsweise den Schweden Pär Olofsson. Der Mann macht atemberaubende Kunst, er ist der Michelangelo des Death Metal. Aber solche Cover kosten scheißviel Geld. Ich sag’s gerne nochmal: Scheißviel! Wir fanden außerdem, daß das Cover sich absetzt und nicht gleich auf Death Metal interpretiert wird, aber trotzdem auch auf einem T-Shirt gut aussieht. Schließlich sind wir ja auch auf die Verkäufe von CDs und T-Shirts angewiesen. Und das Ergebnis ist zweifellos großartig geworden!“

Doch nochmals zurück zur Produktion von „Cobra Verde“ aus musikalischer Sicht. Klischeefrei wollte man also vorgehen, auch musikalisch gesehen. Nicht möglichst hart, nicht möglichst schnell, nicht möglichst böse. Kein Blut, keine Gedärme, keine Pentagramme. Was also war der konkrete Ansatz im Bezug auf die Musik?

5.jpg

„Wir wollten uns von Anfang an auf die Songs konzentrieren. Wenn man nur fünfzehn Jahre zurückgeht, gab es in Italien keine Death Metal Szene. Es gab vielleicht zwei oder drei Drummer, die einen Blastbeat spielen konnten. Damals hat es noch gereicht, einfach nur schnell zu spielen. Es gab kaum Konkurrenz. Damals waren Hour of Penance, die ich mit gegründet habe, beliebt und cool. Aus einem einzigen Grund: Weil wir richtig schnell spielten! Heute ist das noch ähnlich. Kannst du mir eine Band nennen, die nicht schnell spielt, um als Death Metal zu gelten? Es gibt nur ein paar. Hauptsächlich Immolation. Dann gibt’s noch Immolation und Immolation. Als ich Hideous Divinity gründete, wusste ich von Anfang an, daß es nicht nur um Geschwindigkeit und Brutalität gehen sollte. Das machen ja alle. Ultraschnell. Ultrabrutal. Supercoole, auf Hochglanz polierte Produktionen. Wir wollten was anderes machen. Wir haben uns gesagt: Lasst uns den Fuß vom Gaspedal nehmen und uns auf die Songs und deren Strukturen konzentrieren. Was gefällt uns selbst und macht uns Spaß? Danach hat sich die Musik in manchen Situationen einfach ergeben. In anderen Situationen war es verflixt schwer, den entscheidenden Hook zu finden. Wir stehen doch alle auf tolle Hooks. Darum geht es. Jeder Song braucht doch dieses gewisse Etwas, das einem hilft, sich an ihn zu erinnern. Wenn mir jemand sagt, auf unserem Album klänge jeder Song gleich, dann macht mich das echt fertig. Wenn jemand sagt, daß jeder Song anders ist, dann freue ich mich dagegen riesig. Weil genau das unser Ziel war.“

„Etwas Besonderes herauszustellen, fällt mir allerdings recht schwer, weil ich so viel Zeit mit „Cobra Verde“ verbracht habe, mit jedem einzelnen Lied. Die Songs mag ich wirklich sehr, es war was Besonderes für mich, mit den Jungs an den ganzen Riffs und so zu arbeiten. Jeder Song hat seinen eigenen Charakter. Wie beim Titelsong ‚Cobra Verde‘ beispielsweise. Da gibt es den Teil mit den Arpeggios, dann den Teil der voll abgeht und dann gibt es noch den Teil, der einen Art Samba-Rhythmus hat – der steht mit dem Konzept in Zusammenhang. Eine Sache, die ich an unserer Band auch sehr mag ist die Präsenz der Bassgitarre. Man kann den Bass immer hören, das mögen viele Leute, weil es nicht so weitverbreitet ist. So ein verrückter Typ hat uns deshalb mal mit Nile verglichen, was ein Sakrileg ist. Mit bestimmten Bands kann man sich einfach nicht vergleichen. Aber eine Ähnlichkeit ist es schon. Bei uns wie bei Ihnen kann man den Bass immer gut hören.“

„Ich liebe es, Death Metal zu machen. Aber ich war noch nie die typische Death-Metal-Persönlichkeit. Mir ging’s schon immer eher darum, originell zu sein. Die letzte wirklich originelle Band im Genre sind meiner Meinung nach Ulcerate aus Neuseeland. Die haben das aber auch erst nach einem sehr langen Reifungsprozess als Band erreicht. Bei mir ist die Originalität aber etwas anders gelagert. Wir versuchen nicht, das Rad neu zu erfinden. Wir versuchen einfach, unsere Songs zu schärfen, immer schärfer und schärfer. Natürlich nehmen darauf indirekt auch andere Bands Einfluss, es ist ja nicht so, daß alles öde ist heutzutage. Natürlich gibt’s richtig cooles Zeug. Unser erstes Album „Obeisance Rising“ wurde stark von polnischen Metalbands und „Majesty and Decay“ von Immolation geprägt. Ich kann mich daran gut erinnern, das war 2010 und 2011. Für dieses Album habe ich einige meiner bisher besten Songs geschrieben, die waren von Ulcerate und dem letzten Carcass Album beeinflusst. Also Leute, die wirklich die Messlatte höher gelegt haben, indem sie versucht haben, etwas anderes zu machen. Du willst wissen, wie man aus der Masse heraussticht? Dann hör‘ dir ihre Musik an. Wenn ich das tue, dann versuche ich wirklich zu verstehen, was in ihnen vorging, als sie die Musik gemacht haben. Was macht sie so einzigartig? Ich studiere die Musik richtiggehend, ich analysiere sie. Es gibt so viele Bands, die mich nach fünf Minuten einfach nicht mehr interessieren. Viele sind sehr gut, technisch exzellent aber sie sprechen mich trotzdem nicht an. Portal zum Beispiel, die mit den düsteren Masken und dem sehr, sehr exzentrischen Death Metal. Ihre Musik ist wirklich verstörend. Oder Emptiness oder Today Is The Day. Es gibt schon Bands, die anders klingen. Aber die Frage ist ja letztlich: Was löst in mir ein „Wooooah“ aus? Was macht ein Album frisch und abgefahren? Und genau danach sind wir immer auf der Suche.“

Gegen Ende des Interviews kommen wir nochmals zurück zu „Cobra Verde“, über die grundsätzliche Herangehensweise haben wir uns in diesem Gespräch bereits unterhalten. Neue Grenzen ausloten, immer auf der Suche nach dem gewissen Etwas, keine Metal-Klischees um der Klischees Willen, immer den perfekten Song vor Augen. Doch wie genau adaptiert man einen Arthouse-Film in ein Metal-Album? Schritt für Schritt? Oder lässt man sich vom Grundthema bzw. der Grundatmosphäre inspirieren und der Kreativität dann freien Raum? Und wie passt ausgerechnet in ein Konzept-Album eine Coverversion einer 80er-Jahre-Underground-Thrash-Metal-Band? Wo ist der Zusammenhang zu der Geschichte des irren Sklavenkönigs? Ist es nicht gefährlich, ein gutes, rundes Album durch einen unpassenden Coversong zu versauen?

6.jpg

„Naja, es hat sowohl mit einzelnen Szenen oder Episoden des Films zu tun, aber auch mit der Gesamtstimmung bzw. dem Thema. Manche Szenen im Film sind einfach geschaffen dafür, einen Song daraus zu machen. ‚Sinister and Demented‘ ist die Geschichte des Königs der Dahomey, um den Wahnsinn, der ihn umgibt. Sein Leben ist die Projektion des Größenwahns eines Verrückten. Es war nicht schwer, genau daraus ein Lied zu machen. Alles dreht sich um die Geschichte der Sklaverei, mit den entsprechenden Gefühlen, die das auslöst. Aber wir gehen nicht strikt Kapitel für Kapitel den Film durch, falls es das ist, was du meinst. Bei „Sie Leben!“ haben wir uns genauso an der Grundbotschaft und deren Atmosphäre orientiert. Das Album beginnt mit ‚In My Land I Was A Snake‘, die Einführung der Hauptperson der Geschichte. In ‚The Sombre Empire‘ geht es um die Landschaft, das Machtgebiet des Dahomey-Stammes. Dann gibt es noch weitere Elemente, aber nicht in einer bestimmten Reihenfolge. Das Ende von „Cobra Verde“ ist identisch mit dem Film, denn da geht es um den Tod von Manoel Da Silva, den Tod des Protagonisten. Der Titel heißt ‚Adjinakou‘ – es geht um Tod im wahrsten Sinne des Wortes. Einsamkeit. Und wie die Coverversion ‚The Last And Only Son‘ von Ripping Corpse in das alles hineinpasst, fragst du? Gerade WEIL es nicht hineinpasst, wollte ich das Cover machen. Das ist alles!“

Bassist Stefano grinst in die Runde.

„Es hat ihn ein Jahr gekostet, den richtigen Song zum Covern zu finden. Er hat gesagt: „Ich möchte einen Song nehmen und ihn neu schreiben. Das Feeling des Songs behalten, aber ihn mit meinen eigenen Ideen verknüpfen.“ Uns, dem Rest der Band gefiel die Idee überhaupt nicht.“

„Die einzige Chance, wie ich die Jungs überzeugen konnte, war ihnen eine fertige Demo meiner Version zu bringen. Sonst hätten sie die Sache berechtigterweise abgelehnt. Also habe ich eine Demo gemacht, und ich gab sie der Band und auch Shaune Kelley von Ripping Corpse, der heute bei Dim Mak spielt. Ich wollte wirklich seine Erlaubnis haben und er sagte dann: „Klar, tu es!“ Alle haben mich dann gefragt: Warum ein Demo eines Coversongs einer unbekannten Band? Wie passt das da rein? Es geht um vergessene Helden und Ripping Corpse sind vergessene Helden. Da habt ihr euren Zusammenhang. Im Bezug auf die Musik passt die Band meiner Meinung nach extrem gut zu uns. Sie waren eine Band der Neunziger, die damals einen wichtigen Grundstein für spätere Bands gelegt haben. Zum Beispiel für Hate Eternal, die mich sehr geprägt haben. Die Idee war also ein Cover zu machen und einige der Songstrukturen an den heutigen Sound anzupassen. Das hat so gut hingehauen, daß es fast wie ein Lied von Hate Eternal klingt. Der Song ist von 1992 und als unser Sänger Enrico ihn das erste Mal sang, hatten wir jede Menge Spaß im Proberaum. Er ahmte den sehr hardcore-lastigen Gesangsstil des Originals sehr gut nach, aber ich sagte ihm dann, daß es so nicht funktionieren würde. Live würde der Song zwar denke nicht gut funktionieren – aber ich wollte ihn unbedingt auf dem Album haben.“

Daß sie auf der Bühne als Team allerdings sehr gut funktionieren, beweisen Hideous Divinity bei ihrem Auftritt im gemütlichen Biker-Club District 28 in Siebnen am Zürichsee. Der Bass von Stefano ist präsent. Und wie präsent er ist! Sänger Enrico mit seiner gewaltigen Stimme ebenso. Er muss es können, schließlich unterrichtet er Death-Metal-Growls an der Musikhochschule in Rom. Alle fünf der Jungs kommen angenehm rüber, zurückhaltend, sympathisch. Seine Flip-Flops hat Frontmann Enrico zwar ausgezogen, aber erst kurz vor dem Auftritt. Ansonsten kommen die Jungs genau so rüber, wie im Interview. Die Musik steht im Zentrum, nicht die Tatsache, daß sie Mitglieder einer Metalband sind. Die Jungs sind echt. Und sie machen gnadenlosen Death Metal der anderen Art.

(Click here for the raw, english version of this Interview)

Interview & Übersetzung: Daniel Frick
Fotos: Hideous Divinity & Daniel Frick

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.