Surgical Steel

Kaum eine Untergrundszene war in der zweiten Hälfte der 80er Jahre so lebendig und innovativ wie die auf der Insel, die nur dann zu Europa gehören möchte, wenn es für sie von Vorteil ist. Was hat allein Napalm Death für einen Stammbaum: Carcass, Cathedral, Godflesh, Ripcord, Scorn, Uunseen Terror und viele mehr zählen zu den diversen Wegbereitern der unterschiedlichsten Weiterentwicklungen. Einige dieser Bands sind auf der Strecke geblieben, andere haben sich durchgekämpft, allen voran die Erstgenannten, aber auch Bill Steer, Kew Owen und Jeff Walker alias Carcass; aber nur fast. Für viele zählen Werke wie „Symphony of Sickness“ (1989) „Necrotism“ (1991) und „Heartwork“ (1993) zu den Klassikern im Grindcore und Death Metal, Meisterwerke hört man viele Kritiker schimpfen. Mit dem überraschend anders gewordenen „Swansong“ kam 1996 der kurze und abrupte Abgesang auf die legendäre Band, die sich im Business aufgerieben hatte. Nach vereinzelten Reunion-Konzerten und verdeckten und offenen Andeutungen liegt es nun im meinem Player: „Surgical Steel“ (Nuclear Blast) – das neuste Carcass-Meisterwerk?

Yes! Die furiose Mischung aus „Necrotism“ und „Heartwork“ knallt so richtig und ist Carcass pur. Alles ist da, was Carcass ausmacht: Blast-parts, schneidende Riffs, abrupte Tempowechsel, melodiöse Licks und Solos, langsam sägende Zwischenspiele und der unnachahmbare kehlig-heisere Auswurf Jeff Walkers. Nach dem kurzen Intro, benannt nach dem Gründungsjahr „1985“, folgt ein nicht mal zwei Minuten langer Song, der seinen Titel kaum Lügen straft: Willkommen im Schlachthaus der Spottdrosseln. Oder so ähnlich. Auf jeden Fall spaltet er Köpfe. Diese Kompromisslosigkeit findet sich ebenfalls im nekrophilen „Cadaver Pouch Conveyor System“ wieder, nur dass dieses Förderband für Leichenbeutel neben seiner Schnelligkeit mit einer düsteren Midtempo-Passage, vielen Gitarrenharmonien und Solos, sowie dem kranken Organ Walkers bestückt wurde. Ruhiger und genüsslicher spielt das Chirurgen-Quartett dann mit „blutverkrusteten Tüchern“. Es gibt nicht Schöneres, als an getrocknetem Blut zu knabbern. Bereits jetzt haben Carcass die Hosen runter gelassen und gezeigt, welche Geschwüre und Ekzeme in den noch kommenden Minuten seziert werden.

Herrliche Nekromantik in Moll

Eigentlich ist der verrückte Schlachter bekanntlicherweise im Ruhrgebiet beheimatet, aber die irren Tommies haben ihm seine Schürze geklaut und rennen mit Beil und Knochensäge bewaffnet wild um sich schlagend durch triste englische Straßen auf der Suche nach Opfern. Handwerklich filigran beginnt der Aufruf zur Nichteinhaltung der Amerikanischen Norm für rostfreien Chirurgenstahl. Wie ein verbeultes und oxidiertes Skalpell hinterlässt der Song keine glatten Schnitte, sondern hässliche, aufgerissene Wunden und Blutergüsse. Ein Hoch auf den Rost! Klassischer Horrorstoff folgt und der geneigte Hörer meint, etwas guten alten Schock Rock à la Alice Cooper zwischen den Zeilen heraushören zu können. Riffmäßig wandeln Carcass bei „Unfit For Human Consumption“ auf Freiersfüßen in Exodus-schen Gefilden. Atemberaubend, genial.

Mit dem Titelsong huldigen die Spaß-Chirurgen ihren Lieblingsinstrumenten, die sie nachweislich gekonnt bis filigran beherrschen, auf songwriterisch hochwertigem Weg. Das Niveau von „Necrotism“ wird mehr als ein mal erreicht und doch immer wieder durch versteckte Rockelemente vorgeführt. Zum Glück sind Bill Steer und der neue Operateur an den sechs Saiten Ben Ash keine Amott-Klones, sodass es im OP zwar regelmäßig Melodien zu vernehmen gibt, die aber nicht so penetrant melodiös sind, wie sie das Markenzeichen des Arch Enemy Leaders sind. Carcass spielen auf humorvolle Art mit ihrer Vergangenheit und mit ihrem Image. Es ist genau diese Lockerheit, die man mit jeder Note in die Gehörgänge geblasen bekommt. Bill Steer und Jeff Walker müssen niemanden auch nur irgendetwas beweisen.

Melodien wie eine Knochensäge

Als Vegetarier spielt man zwar nicht mit einer Bolzenschussspistole … aber wenn es doch so viel Spaß macht, damit wild um sich zu schießen. Peng, wumm, zisch! Die Shouts aus den Kühlboxen der Pathologie im Keller werden auch hier wie in fast allen Songs sehr effektvoll eingesetzt. Schwedischer Bombast mündet in ein trockenes britisches Epos aus dem NHS von achteinhalb Minuten Länge, das eines der gelungensten Comebacks der Metal-Geschichte beschließt. Ungewohnt, aber überzeugend.

Mit großen Unverständnis dafür, dass Colin Richardson Carcass hat sitzen lassen, um für Ausschussware die Regler zu bedienen, freut es mich umso mehr, dass die vier britischen Hobby-Operateure ein so stimmiges Album abliefern konnten. Andy Sneap hat als Normaler unter Irren die Nerven bewahrt, dafür gesorgt, dass jeder Skalpellschnitt so lang ist wie er sein soll, jeder Bruch gesplittert ist und und jede Narbe für immer zur sichtbaren Trophäe wird. Viele Comebacks sind überflüssig und aufgesetzt oder beginnen vielversprechend und verblassen dann sehr schnell, bzw. werden zu einer Zirkusnummer. Bleibt zu hoffen, dass Carcass wissen was sie tun, mit „Surgical Steel“ haben sie bewiesen, dass sie nichts verlernt haben und immer noch in der Lage sind, ihren Kultstatus zu untermauern.

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