Robert Reed

Sanctuary Live At Real World

  • Artist: Robert Reed
  • Album: Sanctuary Live At Real World
  • Label: Just For Kicks / Tigermoth
  • Release: 2017-07-07
  • Medium:
  • Bewertung:3

Magenta-Boss Robert Reed hat mit seinem Album „Sanctuary“ wohl das frechste Album der kompletten Rockgeschichte abgeliefert. Denn, und das wird niemand bestreiten, es handelt sich dabei um eine bis ins kleinste Detail abgekupferte Kopie des Siebziger Jahre-Stils eines gewissen Mike Oldfield. Vom typischen Oldfield-Gitarrensounds über die eigenwilligen Harmoniefolgen, dynamische Brüche, das Instrumentarium und die vertrauten Arrangement-Tricks hat Reed vor zwei Jahren eine vordergründig perfekt geklonte Scheibe aufgenommen – und die Prog-Kritiker überschlugen sich vor Begeisterung. Wie generell bei allem, was sie wieder in die „gute alte Zeit“ zurückversetzt, als man noch aus einer Toilette trinken konnte, ohne Ausschlag zu kriegen.

Mit „Sanctuary Live“ gibt’s nun eine Liveperformance des „Sanctuary“-Albums und dessen – natürlich unvermeidlichen – Nachfolgers „Sanctuary II“, mitgeschnitten in den Real World-Studios vor kleinem Publikum. Selbst dabei lehnt man sich in Sachen Bühnenaufbau an die 1973er BBC-Performance von „Tubular Bells“ an – allerdings ohne die flackernde Siebziger-Greenscreen im Hintergrund, dafür gelegentlich mit Splitscreens, die die einzelnen Musiker in den Vordergrund rücken (richtig, wie im Video von ‚In Dulci Jubilo‘, als plötzlich neun Oldfields auf dem Bildschirm zu sehen waren). Als Band hat Reed dabei unter Anderem seine Magenta-Kollegen vollzählig verpflichtet. Klar, eine eingespielte Liveband mit exzellenten Musikern ist die halbe Miete.

Aber, und das muss man sich bei dieser Liveaufnahme noch mehr fragen als bei den Studioalben, wer braucht das eigentlich? Denn, seien wir ehrlich, Reed übernimmt eben nicht nur die Sounds und Stilmittel von Oldfield, sondern auch gleich komplette Melodiefragmente. So beginnt ‚Sanctuary II Part 1‘ beispielsweise mit aus ‚Mount Teidi‘ bekannter Melodik und Rhythmik, folgt mit einem ‚Ommadawn‘-Zitat und dem akustischen Finale von ‚Orabidoo‘, bevor es die ‚Blue Peter‘-Melodie mit dem Tubular Bells Part 1′-Finale mischt. Reed läßt auch zu keiner Sekunde so etwas wie Humor oder gar Selbstironie durchscheinen. Und das ist dann auch der zweite Knackpunkt: denn zum wahrhaft perfekten Klonen des Meisters gehören eben auch all die nicht immer unbedingt sonderlich geschmackssicheren Nuancen. Mike Oldfield hat schon in den Siebzigern neben den komplexen Wunderwerken mit genauso großer Freude Kinderlieder, Music Hall-Parodien, Folksongs und Disco-Versuche aufgenommen, und später gab’s dann noch Rock, Pop, Ethno, Ambient, New Age und Trance obenauf. Das mag zwar seinen Fans nicht immer geschmeckt haben und war mit Sicherheit auch nicht immer qualitativ unbedingt der Brüller, aber im Vergleich mit dem Original wirkt Reeds Musik eben eher etwas einseitig, derivativ (sowieso), unterkühlt und leider frei von jeglichen überraschenden Wendungen.

Sinn macht dieses „Live“-Album also ausschließlich für beinharte Fans von Mike Oldfield, die auch mit der zweiten Version einer zweitklassigen Version von „Tubular Bells“, „Hergest Ridge“, „Ommadawn“ und „Incantations“ zufriedenzustellen sind – und sich nicht an der rotzfrechen Abkupferei stören. Denn auch wenn das technisch exzellent gemacht ist, etwas von der Persönlichkeit des Komponisten findet man weder auf dem ersten noch dem zweiten Part von „Sanctuary“, auch nicht in der Liveversion. Dafür muss man Reeds andere Projekte wie Magenta oder Kiama wählen. Da wir hier bei WS ja Schulnoten vergeben, müßte ich hier die klassische Sechs für „Abgeschrieben“ zücken. Aber immerhin hat mich „Sanctuary Live At Real World“ dazu motiviert, mal wieder Mikes Livescheibe „Exposed“ rauszukramen. Und das ist ja auch was Schönes.

Zu beziehen bei Just For Kicks.

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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