Saxon – Live und laut in Bremen

Es ist die Nacht vor Halloween, die auch unter dem Namen Devil's Night bekannt ist. Leichtgläubige Menschen könnten satanische Rituale vermuten, als sich diesen Abend immer mehr überwiegend schwarz gekleidete Gestalten vor dem Bremer Aladin versammeln. Aber nein, das sind natürlich alles nur harmlose Rocker und Schwermetaller, die auf den Einlass in den alten ehrwürdigen Rockclub warten, der heute von zwei Urgesteinen der Szene programmgemäß zerlegt werden soll. Ein hochkarätiges Line-Up ist angekündigt, und so ist die Schar der Fans auch bereits vor der anvisierten Einlasszeit recht groß: Biker, Rocker, Metaller, ganz gleich ob lang- oder kurzhaarig, Männlein oder Weiblein, sie alle wollen heute im Aladin abrocken. Gut Ding will aber Weile haben, denn zunächst verzögert sich die Öffnung der Türen um rund eine halbe Stunde, da der Soundcheck wohl etwas länger als geplant gedauert hat.

Dann aber geht es endlich los, und die Fans strömen in den gemütlichen rustikalen Tanzpalast. Das Aladin ist Rockdisco und Konzertschuppen in einem, seit Jahrzehnten ein fester Bestanteil der Bremer Rock- und Heavyszene und zieht entsprechend sein Stammpublikum an. So ist der Club auch heute schnell gut gefüllt mit mehreren hundert Rockfans, die zum Großteil in die Ü30/Ü40-Kategorie fallen und die beiden Hauptacts sicher schon in ihrer Jugend gehört haben. Ja, die Bands des heutigen Abends sind Urgesteine und stehen im fall von Saxon schon seit 35 Jahren auf den Bühnen dieser Welt. Zuvor dürfen aber die Amerikaner von Halcyon Way den Abend eröffnen und eine gute halbe Stunde eine Mischung aus Progressive- und Powermetal in die Gitarrensaiten dreschen.

Halcyon_Way_1.jpg “ Das Quintett stammt aus Atlanta im US-Bundesstaat Georgia und ist seit 2001 im Geschäft. Der schnelle brachiale Metal mit sowohl cleanem als auch gutturalem Gesang und Growls ist nett anzuhören, aber der Funke vermag nicht über zu springen. Nur eine Dame im Publikum nutzt die Gelegenheit zum Tanzen und Headbangen, die meisten anderen Zuschauer sehen sich das Treiben auf der Bühne eher skeptisch an. Vielleicht passt der Stil der Amerikaner nicht ganz zum folgenden Programm, wegen dem die Leute ja hergekommen sind. Die Band erntet entsprechend nur verhaltenen Höflichkeitsapplaus und hat damit den schwersten Job des Abends.

Die Umbaupause ist mit nur rund zehn Minuten erstaunlich kurz, was auch daran liegt, dass sämtliche Drumsets bereits vormontiert hinter- und nebeneinander auf der Bühne stehen. AC/DC und Mötley Crüe dröhnen währenddessen aus den Lautsprechernund stimmen die Fans auf den kommenden Auftritt von Skid Row ein. Skid Row? Ja, die sleazige Hard Rock / Glam-Metal-Band, die in den 80ern mit dem Frauenschwarm Sebastian Bach als Leadsänger durch Hits wie ‚Youth Gone Wild‘ oder ‚I Remember You‘ bekannt wurde. Skid_Row_1.jpg

1996 aufgelöst, um nur drei Jahre später neu gegründet zu werden, sind Skid Row immer noch ein Garant für erstklassigen Hard Rock mit Metal- und Punk-Einflüssen. Nach der Neugründung übernahm Johnny Solinger das Gesangsmikro, und generell wurde der Stil der Band etwas punkiger, und so passt es nur zu gut, dass als Intro heute Abend die Ramones mit ‚Blitzkrieg Bop‘ vom Band scheppern, als Skid Row zu den ‚Hey hoh, let’s go!‘-Rufen die Bühne entern. Und mit ihrem Song ‚Let’s Go‘ eröffnen sie dann auch gleich den etwa 50minütigen Auftritt, denn im Grunde sind sie ja auch nur Vorband und Anheizer für Saxon. Aber was für ein Anheizer! Im Gegensatz zum Halcyon Way springt der Funke hier sofort über, und Skid Row liefern eine kompakte und höchst mitreissende Rock’n’Roll-Show der Extraklasse ab. Frontmann Johnny Solinger, der zunächst im Kopftuch-Look Axl Rose Konkurrenz macht und später einen Cowboyhut trägt, präsentiert sowohl neue Songs als auch altes Sebastian Bach-Material gekonnt und mitreissend. Der Sound stimmt, und so ist die Bremer Menge schon nach wenigen Augenblicken am Headbangen und Abrocken. „We came here for one reason only…“ begrüßt Solinger die Fans nach dem Opener, als plötzlich das auf ihn gerichtete Spotlight erlöscht: „…to stand in the dark!“
Aber schon ist das Licht wieder da, denn eigentlich möchte uns der charismatische Sänger mitteilen: „…to rip your fucking face off!“

Skid_Row_2.jpg „Zumindest musikalisch gelingt ihm das auch. Die Songs sind schnell, hart und laut. Der Sound stimmt, und beim etwas ruhigeren ’18 And Life‘ gibt es zudem eine schöne stimmungsvolle Lightshow, die das Aladin über die an der Decke hängende Glitzerkugel in einen Saturday-Night-Fever-Tanzpalast verwandelt. Und das an einem Donnerstag.

Solinger lobt immer wieder das mitrockende Publikum („You know, in Deutschland you are always Rock’n’Roll!“) und kehrt im Verlauf des Konzertes nach dem Intro noch einmal zur Punkrock-Legende Ramones zurück, als er deren Song ‚Psycho Therapy‘ gekonnt covert. Skid_Row_3.jpg “ Es folgen noch ‚Monkey Business‘ und ‚We Are The Damned‘. Ja, Skid Row machen wirklich Spaß und sorgen schon vor dem Hauptact für beste Stimmung und erhöhte Temperaturen. Mit dem Hit ‚Youth Gone Wild‘ verabschiedet sich die Band gegen 21 Uhr dann vom Bremer Publikum.

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Die nun folgende Umbaupause ist mit über einer halben Stunde ungleich länger als die vorherige, aber dank passender Musik von Kansas oder AC/DC aus der Konserve vergeht die Zeit wie im Fluge. Das Publikum ist nach Skid Row in Partylaune, und als Judas Priest mit ‚Living After Midnight‘ erklingen, wird mal eben spontan im Chor der Refrain mitgesungen. Dann wird es dunkel, die Bühne füllt sich mit Rauch, und AC/DCs ‚It’s A Long Way To The Top‘ bietet das Intro für Saxon. Die heutige Show ist der erste Auftritt von Saxon in Deutschland im Rahmen der aktuellen Tour, ein paar Tage zuvor hat die Band um Frontmann Peter „Biff“ Byford noch in Griechenland gespielt. Der Rauch lichtet sich, und im Scheinwerfergewitter kommen die fünf älteren Herren aus England zu Motorenlärm auf die Bühne. Frenetischer Jubel brandet auf, als das Konzert mit ‚Motorcycle Man‘ eröffnet wird.

Saxon_1.jpg „Auch bei Saxon ist der Sound brachial und direkt, die Bässe knüppeln und bringen den Boden des Clubs im wahrsten Sinne des Wortes zum Beben. Byford hat sein Publikum sofort für sich erobert, strahlt eine intensive Bühnenpräsenz aus und ist auch stimmlich bestens aufgelegt. Die Engländer, die seit nunmehr 35 Jahren klassischen Heavy Metal spielen und in wenigen Tagen mit Warriors Of the Road eine umfangreiche Band- und Tourdokumentation veröffentlichen, bieten heute in Bremen zum Tourauftakt 100 Minuten Best-Of mit vielen Klassikern der langen Bandgeschichte. Zu keinem Moment hat man das Gefühl, alten Herren oder gar Rentern zuzusehen, so frisch und agil wirken die Musiker. Biff Byford erhebt ein Weinglas.

Saxon_4.jpg„Here’s to you, Bremen, and here’s to Power and Glory!“ ‚Power And The Glory‘ folgt dann auch, und weitere Hits wie ‚Heavy Metal Thunder‘, ‚Crusader‘ oder ‚747 (Strangers In The Night)‘ dürfen natürlich auch nicht fehlen. Saxon wissen, was ihr Publikum hören möchte, und das wird in musikalischer Perfektion geboten. Leider wird den einzelnen Bandmitgliedern wenig Spielraum für Solos gegeben, ein längeres Drum- oder Gitarrensolo vermisst man ebenso wie eine namentlichen Vorstellung der Musiker. Vermutlich geht Biff Byford einfach (zu Recht) davon aus, dass eh jeder weiß, wer da auf der Bühne steht und Musik macht.

Saxon_3.jpg „Nach ‚Crusader‘ wird mal eben demonstrativ die Setlist in kleine Fetzen zerrissen und das Publikum gefragt, was es denn gerne als nächstes hören wolle. Bei ‚20.000 Feet‘ besteigt Bassist „Nibbs“ Carter die Platform des Drums-Sets, und auch sonst ist der Mann relativ agil und versucht immer wieder, seinen Boxenturm zu besteigen. ‚Princess Of The Night‘ wird dann zur großen Chornummer für das Publikum, das sich textsicher zeigt und beweist, dass wirklich viele alteingesessene Saxon-Fans anwesend sind. Unter stürmischem Applaus endet dann der reguläre Teil des Konzertes.

Nach kurzer Verschnaufspause geht es weiter mit dem Zugabenteil: Bei ‚Wheels Of Steel‘ gibt es noch einmal eine gesangliche Interaktion zwischen Byford und den Bremern, die ihm zunächst noch nicht so ganz gefällt: „It’s a it Scheiße, Mann!“. Aber schnell wird die Menge zu noch lauterem Gesang und wildem Gespringe animiert: „Come on, I’m fucking older than you are!“ Recht hat er, und das lassen sich die Zuschauer dann auch nicht zweimal sagen. Es wird noch einmal alles gegeben. Etwas ruhiger und stimmungsvoller wird es dann beim hymenhaften ‚Requiem (We Will Remember)‘, bevor mit ‚Denim And Leather‘ das große Finale gezündet wird. Dicker Dampf vernebelt noch einmal fast die komplette Bühne, rote und blaue Scheinwerfer bilden eine zwar eher einfach gehaltene, aber doch sehr atmosphärische Lightshow und Saxon verabschieden sich noch einmal mit krachendem britischem Heavy Metal.

Saxon_2.jpg “ Um viertel nach elf endet dann das Spektakel. Vier Stunden Rock und Metal in der Devil’s Night, zwei alte Bands,die wieder einmal bewiesen haben, dass sie noch lange nicht zum Altmetall gehören. So darf man diesen Abend als vollen Erfolg verbuchen, und das sieht man auch den Gesichtern der glücklichen Menschen an, die nun in die Nacht hinaus strömen.

Setlist Skid Row:

Let’s Go
Piece Of Me
Give It The Gun
Big Guns
18 And Life
Kings Of Demolition
Psycho Therapy (Ramones Cover)
Monkey Business
We Are The Damned
Youth Gone Wild

Setlist Saxon:

Motorcycle Man
Sacrifice
Power And The Glory
And The Bands Played On
Lionheart
Heavy Metal Thunder
Devil Rides Out
The Great White Buffalo
Dallas 1 PM
Chasing The Bullet
747 (Strangers In The Night)
Crusader
20.000 Feet
Princess Of The Night
___
Wheels Of Steel
Requiem (We Will Remember)
Denim And Leather

Bericht und Fotos: Michael Buch

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