Manfred Mann

Radio Days Vol. 1 – 4


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  • Artist: Manfred Mann
  • Album: Radio Days Vol. 1 – 4
  • Label:
  • Release: 2019-05-10
  • Medium:
  • Bewertung:ohne Bewertung

„Radio Days“ ist ein vierteiliges Archiv-Projekt, das jeweils auf Doppel-CDs diverse Aufnahmen versammelt, die Manfred Mann in der Frühphase seiner Karriere für die BBC gemacht hat – plus ein paar weitere Ausgrabungen. Nun ist ja die BBC bekannt dafür, große Teile ihres Musik- und TV-Archivs in den 1960ern gelöscht zu haben, und Manfred Manns Workhouse-Studiokomplex brannte bekanntlich in den 1980ern ab und zerstörte sein bis dahin akribisch gesammeltes musikalisches Gesamtwerk. So ist die schiere Existenz der hier vorliegenden Aufnahmen ein wahres Wunder, das Fans des Südafrikaners mit Sicherheit begeistern wird.

Die erste Doppel-CD behandelt „The Paul Jones Era“. Wer den Art- und Progressive-Rock der Earth Band im Ohr hat, wird sich einigermaßen wundern, dass Manfred Manns Karriere eigentlich als Teil des British Blues Boom der 1960er mit ziemlich knackigem Rhythm’n’Blues begonnen hat. Ein gewisser Bruce Springsteen war beispielsweise ein großer Fan von vor allem Sänger/Harmonika-Spieler Paul Jones und coverte in seiner Frühphase oft und gerne das durch Manfred Mann bekannte ‚Pretty Flamingo‘. Mann bedankte sich später dadurch, dass er mit der Earth Band mehrere frühe Springsteen-Songs coverte und höher in den Charts platzierte als der Boss die Originalfassungen. Schon in der ersten Phase seiner Karriere nahm Mann viele Coversongs auf – er selbst sah sich nicht als Songschreiber, sondern als Musiker und Arrangeur. So finden sich auch einige im Vergleich zu späteren Aufnahmen relativ nah an den Originalen bleibende Mann-fizierte Stücke wie ‚I Put A Spell On You‘, ‚Still I’m Sad‘, ‚Oh No Not My Baby‘ oder Herbie Hancocks Jazz-Standard ‚Watermelon Man‘. Letzteres zeigt auch die Jazz-Affinität der Band, die sie schon früh von den Yardbirds oder Paul Butterfield unterschied. Die beiden größten Hits der ersten Ära, ‚Do Wah Diddy‘ und ‚5-4-3-2-1‘ fehlen zwar auf den BBC-Sessions – dafür gibt es ein paar (kurze) Interviews, und eine Handvoll Songs sind mehrfach zu hören. Dank der ausgeprägten Improvisationsfreude der Musiker macht es aber jede Menge Spaß, die teils sehr unterschiedlichen Takes zu vergleichen. Da sämtliche Songs von Transcription Discs stammen, ist die Soundqualität durchweg exzellent.

Das zweite Set trägt den Untertitel „The Mike D’Abo Era“ und sammelt die Aufnahmen der zweiten Ära nach Abgang von Paul Jones. Ohne den R’n’B-Fan Jones verwandelte sich die Band im Sog der Swingin‘ Sixties in eine reine Pop-Band, wenn auch mit recht experimentierfreudigen Arangements. – wie das aber damals so üblich war. Für ein schmieriges ‚Hoochie Coochie Man‘ war immer noch Zeit, aber hauptsächlich dominieren hier die Radiohits wie ‚My Name Is Jack‘, ‚Fox On The Run‘, ‚Semi-Detached Suburban Mr James‘, Ha Ha Said The Clown‘ oder natürlich ‚Mighty Quinn‘ – eins von vielen Dylan-Stücken, die Mann zum Hit machte. Speziell auf CD 2 beginnt man aber deutlich zu hören, dass die Band sich immer mehr zum Jazz und zum Progressiven hingezogen fühlte, so gibt es beispielsweise Elvis Presleys ‚Fever‘ in einer schleppenden Version, die klingt, als hätten die Moody Blues mit den frühen King Crimson eine Jamsession abgehalten. Auch hier ist die Qualität durchweg exzellent, nur die letzten vier Songs von Disc 2 können nicht mithalten und haben eher durchschnittliches Bootleg-Niveau – besonders schade, weil gerade da die Transition zur Fusion-Jazzrock-Band besonders deutlich wird.

Die Soundqualität von Set Drei ist leider über weite Strecken nur für harte Fans geeignet. Das ist besonders schade, da die darauf enthaltene, unter dem Namen Manfred Mann Chapter Three formierende Besetzung so etwas wie das „Dark Horse“ unter Manns Projekten darstellte. Von der ersten Besetzung war nur noch Drummer Mike Hugg übrig, und Chapter Three war eine pure progressive Jazzrock-Band. Zwar gab es in Songs wie ‚Sometimes‘ immer noch eine Menge Anleihen an den damals aktuellen Psychedelic Pop und den frühen Progressive Rock, aber das Feeling war ganz klar Jazz, durch die dominanten Bläserarrangements nochmals verstärkt. Die ersten paar Songs, für die BBC aufgenommen und die Studio-Outtakes klingen dabei exzellent, für das scheppernde „Bluesy Susie‘, eine fürs australische Radio aufgenommene Jam mit Interviewfetzen, braucht man hingegen schon gute Ohren, um die musikalischen Details wahrzunehmen. Schade besonders, weil viel des Materials von Chapter Three an Colosseum und Frank Zappas „Hot Rats“-/The Grand Wazoo“-Ära erinnert – wenn freilich auch weniger komplex als Letzterer. Auch der Soundtrack zu Jess Francos Softporno „Venus In Furs“, der den Großteil von CD 2 einnimmt, enthält lediglich die Film-Soundspur, aus der die Dialoge herausgeschnitten wurden und ist soundtechnisch nur für harte Fans zu empfehlen. Ein paar Werbejingles für Michelin und Maxwell-Kaffee sowie Outtakes vom nie erschienen dritten Album der Band sorgen aber dank ihrer guten Qualität wieder für Versöhnung.

Nachdem sich auch noch Mike Hugg musikalisch von ihm trennte, nahm Mann einen Schnitt vor. Mit der Gründung von Manfred Mann’s Earth Band schwor er (zunächst) sämtlichen Kompromissen ab und konzipierte das Projekt von vornherein als Live-Einheit. Mit Mick Rogers (gtr), Colin Pattenden (bs) und Drummer Chris Slade (später bei Uriah Heep und AC/DC) hatte er sich drei ebenso improvisationsfreudige Kollegen an Bord geholt, und wie großartig die Formation live klang, ist auch auf der ersten CD nachzuhören. Drei Livesongs von 1971 und vor allem die fünf Stücke von 1973, aufgenommen kurz vor Veröffentlichung des Klasikers „Solar Fire“, sollten jedem Earth Band-Fan die Freudentränen in die Augen treiben, vor allem, weil die Qualität in der Tat noch besser ist als die der bekannten Bootleg-Versionen. Die Achtzehn-Minuten-Version von ‚Father Of Day, Father Of Night‘, mit Auszügen aus ‚Captain Bobby Stout‘ und ‚Glorified Magnified‘ verziert, und das krachende Titelstück von „Messin'“, (ehedem einer der unterschätztesten Songs der Band) zeigen die Band kraftvoll, schweinetight und improvisationsfreudig. Da macht es auch wenig, das die zweite Disc nach den guten ersten drei Songs eine relativ schwache Soundqualität hat – die 77 Minuten der ersten CD machen die Ausgabe schon zum Pflichtkauf für alle Interessierten.

Unterm Strich also eine für alle Mann-Fans lohnende Zusammenstellung, die einen beinahe lückenlosen Überblick über die musikalische Entwicklung eines der kreativsten Musiker des letzten Jahrtausends bietet, auch wenn die (vermutlich von Kassetten stammenden) Off-Air-Mitschnitte natürlich soundtechnisch abfallen. Da die Originalmasters unwiederbringlich verloren sind, wird es mit Sicherheit auch nicht in ein paar Jahren ein „Upgrade“ geben – somit bietet „Radio Days“ in allen vier Ausgaben Rares, das Mann-Fans viele Stunden Freude bereiten wird.

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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