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Artus

Als Schandmaul sich damals Ende der 1990er ihre ersten Sporen neben Bands wie Subway To Sally oder In Extremo verdienten, hätte man schon ahnen können, dass sie trotz ähnlicher textlicher Ausrichtung, ähnlichem Instrumentarium und auch persönlicher Freundschaften eigentlich gar nicht so richtig in die Reihe der „Mittelalter-Metaller“ passten. Denn mit Metal hatten sie von Anfang an nur wenig zu tun, und auch Anbiederung an Punk- oder Gothic-Klänge schien ihnen fremd. Irgendwie schienen Schandmaul immer näher an launigen UK-Folkrockern wie Lindisfarne oder an Achim Reichels (übrigens absolut empfehlenswerten!) Siebziger-Experimenten mit Shanties und Mittelaltermelodien zu sein als ihre Kollegen.

Diese relative Trendfreiheit geriet ihnen über die Jahre sehr zum Vorteil: Schandmaul haben über die knapp zwanzig Jahre Bandgeschichte nämlich ihren Bandsound verfeinert, nicht verändert. Zwar ist über die Jahre eine klare Weiterentwicklung in Sachen Songwriting zu vernehmen, im Gegensatz zu vielen Alben der Kollegen klingen die Schandmaul-Alben aber viel zeitloser und haben auch soundtechnisch weit weniger Staub angesetzt („Engelskrieger“, anybody?). So gibt es auch auf dem neuen Album „Artus“ grundsätzlich keine Überraschungen. Auch ohne Anna Katharina Kränzlein, Gründungsmitglied und bei Liveshows auch optisch eines der Aushängeschilder der Band, ist der typische Schandmaul-Sound allgegenwärtig. Thomas Lindner gibt den Geschichtenerzähler, und die Band zaubert schön bodenständig produzierte Folkrock-Sounds dazu, bei denen diesmal die Gitarren auch mal ein wenig härter ausfallen dürfen (‚Die Oboe‘, ‚Chevaliers‘, ‚Die Tafelrunde‘), aber nie wirklich in Metal-Gefilde „ausarten“. Mit der insgesamt fast vierzehnminütigen „Artus“-Trilogie ‚Die Tafelrunde‘, ‚Der Gral‘ und ‚Die Insel‘ wagen sich Schandmaul in episches Territorium. Dass ihnen das ziemlich gut zu Gesicht steht, haben sie ja schon zuvor bewiesen, und so ist diese Suite auch klar der Höhepunkt des Albums. Allerdings wünscht der Prog-Rocker in mir irgendwie, die Band hätte die drei Songs nicht als eigenständige Stücke aufgenommen, sondern tatsächlich als zusammenhängendes Stück Musik miteinander verbunden. Das ist aber wohl Geschmackssache, und natürlich funktionieren die Stücke auch für sich alleine wunderbar. Ziemlich knorke auch die „orchestralen“ Fassungen der drei Stücke, die auf der Bonus-Disc zu hören sind und noch ein paar interessante Facetten hinzufügen, die auf den „Standard“-Bandversionen vielleicht zu viel gewesen wären. Einziger Nachteil der Trilogie ist, dass das nachfolgende, düstere ‚Der weiße Wal‘ zum Albumabschluss ein wenig antiklimaktisch eher wie ein Bonustrack wirkt.

Alles also beim Alten. Schandmaul bleiben die entspanntesten deutschen Folkrocker, auch wenn der Sound diesmal etwas rockiger ausgefallen ist. Da sie sich trotz den auch hier bisweilen schweren und düsteren Themen immer mal wieder ein Augenzwinkern erlauben, bleiben sie auch so ziemlich die sympathischsten Genrevertreter. Der fraglos zu erwartende kommerzielle Erfolg des Albums ist also einmal mehr absolut verdient – auch ohne große Veränderungen macht das Spaß, weil die Band einfach auf einem enorm hohen Niveau spielt und ihr Arsenal an großen Hooklines offenbar noch lange nicht erschöpft hat.

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