Pervy Perkin – Sechs Freunde und eine aufregende Reise

Er blüht. Er wächst und treibt neue Zweige und Äste. Die Wurzeln sind gesund. Die Rede ist vom spanischen Prog-Underground. Nachdem wir vor einigen Monaten bereits die Band Carving Colours portraitiert haben und es auch Obisidan Kingdom kürzlich zu einem Plattenvertrag und einer Tour mit Solstafir und den wundervollen Sahg gebracht haben, haben wir erneut eine unentdeckte Perle für euch ausgebuddelt. Die Rede ist von Pervy Perkin, ursprünglich aus Murcia, inzwischen nach Madrid umgezogen. Die eigentlich sechs, momentan fünf Jungs haben im Frühjahr 2014 ein unglaubliches Debütalbum namens "Ink" veröffenlicht. Mit den fünf dicken Freunden hat unser Metal-Chef Daniel ein sehr interessantes Mail-Interview über ihre Musik, ihre Heimat Spanien, über erfüllte und noch offene Träume und die Prog-Szene im Allgemeinen und besonderen geführt.

Whiskey-Soda: Ola Companeros! Danke, daß ihr euch die Zeit nehmt, für unsere Leser ein paar Fragen zu beantworten. Das wichtigste zuerst: Whiskey-Soda oder lieber spanischer Brandy?

Pervy Perkin: Ola! Danke, für die Möglichkeit, uns als Band zu präsentieren.

Alvaro (git): Abgesehen von russischem Wodka und deutschem Bier (die Herkunft ist sehr wichtig!) trinke ich recht wenig. Aber wenn du mich auf einen Whiskey-Soda einlädst, dann bin ich dabei! Wein kann ich allerdings nicht ausstehen.

Carly (dr): Ich nehm das gute, alte Bier. Das ist so Heavy Metal, mit Mädels und Harley und der ganze Kram. Hahahaha, nur ein Scherz. Ich probier auch liebend gern einen Whiskey-Soda!

WS: Warum starten wir nicht mit einer Vorstellung von Euch als Band? Ihr seid ja eine junge und noch recht unbekannte Band, besonders außerhalb Eurer Heimat Spanien.

Carly: Oh, ich denke auch hier in Spanien. Wir haben noch einen weiten Weg vor uns. Aber zu uns: Wir sind einfach ein paar Jungs, die sich durch und mit Musik ausdrücken wollen. Wir versuchen, unserer Musik das gewisse, eigene Etwas mitzugeben. Wir sind alle unterschiedliche Persönlichkeiten, haben unterschiedlichste Erfahrungen gemacht und haben auch musikalisch ganz verschiedene Backgrounds. Das sind gewissermaßen die Zutaten, die in der Kombination das gewisse Etwas unserer Musik ausmacht.

WS: Wer seid ihr Jungs denn genau? Möchtet ihr was über Euren Bandnamen erzählen? Oder über Euren Keyboarder Ugo? Gehört er fest zur Band? Ich habe ein bißchen recherchiert und er taucht zum Teil in eurem Line-Up auf und teils nicht. Aber eigentlich braucht ’ne Prog-Band ja schon einen festen Keyboarder, oder nicht?

Dante (voc, git): (lacht) Der Bandname. Naja, als wir als Band angefangen haben, waren wir geradezu besessen von der Geschichte von Perkin Warbeck. Er beanspruchte, ein vergessener Sohn von Edward IV und der wahre Thronerbe Englands zu sein. War er aber nicht, in Wirklichkeit war er nur der Sohn eines einfachen Seemanns. Viele Menschen glaubten ihm aber und beinahe gelang es ihm tatsächlich, den Thron zu erringen und eines der mächtigsten Königreiche seiner Zeit zu regieren. Eine wunderbare Geschichte, die für uns gesellschaftlich sehr viel über die Menschen aussagt. Wir nannten ihn dann irgendwann Pervy Perkin. Und schwupps, hatten wir unseren Bandnamen.

Unser Keyboarder Ugo ist nach der Aufnahme von „Ink“ ausgestiegen, weil er etwas anderes tun wollte. Wir haben uns im Guten getrennt und er war und ist ein enger Freund. Momentan besteht die Band aus Alex Macho (Sänger), Alvaro Luis (Gitarre), Aks (Bass), Carly Pajarón (Schlagzeug und Gesang) und mir selbst, Dante. Ich spiele ebenfalls Gitarre und singe. Aber nochmal zurück zum Keyboard. Für den Sound von Pervy Perkin ist das Keyboard tatsächlich sehr wichtig. Wir suchen fieberhaft nach einem neuen Mann an den Tasten!

WS: Wie sieht es mit eurem musikalischen Background aus? Vielleicht habt ihr ja lustige Anekdoten aus eurer Kindheit auf Lager, die damit zu tun haben? Mütter, die euch damit genervt haben, endlich für eure Klavierstunden zu üben?

Alvaro: Ich habe sechs Jahre lang, ab meinem Zwölften Lebensjahr die Musikschule in Murcia besucht. Ich habe klassische Gitarre und Musiktheorie gelernt und zudem zwei Jahre lang Klavierunterricht bekommen. Als ich dann nach Madrid zog, habe ich aufgehört. Meine erste Gitarrenprüfung werde ich nie vergessen. Als ich an der Reihe war, merkte ich erst, daß ich meine Noten daheim vergessen hatte und alles auswendig spielen musste. Beim ersten Stück ging’s noch, aber das zweite hab ich total vergeigt. Mega peinlich war das! Heute muß ich darüber lachen, aber damals war das echt schlimm für mich. Ich hab sogar noch irgendwo ein Video davon, vielleicht werd ich es mal in einer schwachen Minute meinen Kindern zeigen. Gott bewahre… (lacht)

Pervyperkin1.jpg “ Dante: Ich hab mir alles selbst angeeignet. Naja, am Anfang hatte ich ein paar wenige Gitarrenstunden, für die Grundlagen. Akkorde spielen und so. Aber lange ging das nicht. Ich kann mich ehrlich gesagt gar nicht mehr erinnern, warum ich genau damit aufgehört habe, wahrscheinlich hat es sich für mich gut angefühlt, alleine weiterzumachen. Ich ging auch in Murcia in die Musikschule als ich ungefähr zehn war und habe nach der überwältigenden Dauer von zwei Lektionen hingeschmissen. Ich wollte Gitarre lernen, aber es war nur noch Schlagzeugunterricht frei. Wir mussten uns so eine gedämpfte Trommel kaufen, die wirklich beschissen klang und total schräg zu spielen war. Das war’s dann mit meiner Motivation.

Carly: Ich hab auch was, klar! Die wichtigste Story ist wahrscheinlich, daß meine Eltern mich ebenfalls in die Musikschule geschickt haben. Ich war da erst sieben und habe es gehasst, vor 20 anderen Kindern singen zu müssen, also hab ich die meisten Stunden geschwänzt. Letztlich habe ich alles was ich über Musik weiß, durch ewige Stunden von Live-Videos, CD’s und MP3’s gelernt. Alvaro hat mir noch ein bisschen über Musiktheorie beigebracht. Die meisten von uns sind Autodidakten.

Alex: Ich musste in der Schule Blockflöte lernen. Eigentlich war es ganz cool, weil wir die ganze Zeit nur Mist machten und uns selber Folksongs beibrachten, anstatt die Songs zu lernen, die unser Lehrer bei den Prüfungen von uns hören wollte. Dann begann ich Powermetal zu hören und Jens Johansson wurde mein großes Idol. Ich wollte den ganzen Kram beherrschen, den er mit einem Keyboard anstellen kopnnte, also habe ich ne Weile Klavierstunden bei einem Flamenco-Lehrer genommen. Der hat mir ein paar Grundlagen über Tasteninstrumente beigebracht. Danach habe ich mir selber beigebracht Klavier, Gitarre, Bass und Schlagzeug zu spielen. Dann habe ich etwas Keyboard-Unterricht bei einem Prog-Metalhead genommen, da hab ich mich dann in Dream Theater verliebt. Das war damals mit 16 eine große Motivation für mich.

Aks (bass): Ich habe bis vor einem Jahr nur durch Musikhören einen Draht zu Musik bekommen. Dann habe ich mir mit Hilfe des Internet selbst beigebracht, Bass zu spielen.

WS: Für welche Art von Musik steht ihr, was macht Eure Musik einzigartig, hebt euch von anderen ab?

Dante: Ich würde sagen, daß wir Musik machen, die „echt“ ist, originell, bewegend. Wir orientieren uns nicht an Trends oder an anderen Bands. Wir machen etwas, wozu sich wenige Bands heutzutage trauen. Wir machen Musik. Kein Metal, kein Rock, kein Jazz, kein Blues. Einfach Musik. Alles. Wir hören uns alles an, wir wollen alles tun. Wenn wir Lust auf einen Salsa-Song haben, dann machen wir einen. Wenn wir auf Grabes-Doom Bock haben, machen wir das. Jedes Genre, jeder Stil hat seine Besonderheiten und wir wollen uns nicht durch bestimmte Etiketten oder Schubladen selbst beschränken. Natürlich betrachten wir alles durch unsere Pervy-Perkin-Brille, die unseren Sound ausmacht. Und unser Sound ist die Kombination von uns allen als Komponisten.

WS: Ihr habt euer Debütalbum „Ink“ selbst produziert und vor einem knappen Jahr selbst veröffentlicht. Musik sollte ja eigentlich für sich selbst sprechen und kann nicht unbedingt beschrieben werden. Vor allen Dingen dann nicht, wenn es sich um ein so komplexes Zwei-Stunden-Monster handelt. Aber vielleicht könnt ihr es trotzdem probieren? Was ist euch besonders wichtig bei „Ink“, oder worüber seid ihr besonders stolz?

Carly: „Ink“ war eine lange Reise und bedeutet mir als Gesamtes sehr viel. Aber auch jeder einzelne Song hat für mich große Bedeutung. Wenn es um die technische Seite, die Produktion, das Abmischen und so weiter aneht, hat man als Band natürlich jede Note analysiert. Aber als Gesamtes ist es ein einzigartiges, reines Album. Ich bin sehr stolz darauf, daß wir es trotz der 1001 Widrigkeiten geschafft haben, dieses Projekt zu Ende zu bringen. Ich bin stolz drauf, daß jeder da draußen es ohne zu bezahlen hören kann. Es ist schon verdammt beeindruckend, was wir da in meinem Keller auf die Beine gestellt haben.

(Lacht)

Álvaro: Irgendwie ist ja die riesige Kugel auf dem Album-Cover ein guter Ausdruck dessen, was den Hörer erwartet. Das Album ist zwar lang, aber ich bin überzeugt, daß für jeden ein Song dabei ist, den er wirklich genießen wird. Wenn einem was nicht gefällt, dann sollte man einfach zum nächsten Song springen. Vielleicht wartet ja das außergewöhnlicheste Lied, daß ihr jemals gehört habt auf euch. Das Doppelalbum mit Freunden aufzunehmen, zusammen am gleichen Ziel zu arbeiten und das finale Ergebnis dann zu hören ist ein unglaubliches Gefühl – das kann man unmöglich in Worte fassen.

WS: „Ink“ ist ja ein Zwei-Stunden-Monument. Viele andere Bands hätten aus dem Material zwei oder sogar drei Alben gemacht. Warum habt ihr euch entschieden, „nur“ ein Album aus dem Material zu machen? Und wie lange hat die Arbeit gedauert – also vom Schreiben des ersten Liedes bis ihr die fertige CD in euren Händen gehalten habt? Habt ihr vielleicht noch eine amüsante Anekdote dieses gesamten Prozesses auf Lager?

Dante: Es ging nie darum, ob das nun ein oder mehrere Alben werden. Wir fanden es einfach eine Notwendigkeit. Die Essenz von Pervy Perkin ist zu komplex, um sie einfach auf eine CD zu beschränken. Egal ob während des Kompositionsprozesses jetzt ein Lied herauskam, das mehr Metal, mehr Rock oder mehr Prog war – allen war immer klar, daß es trotzdem Pervy Perkin ist. Wir sind echt stolz auf unser erstes Album, vor allem, weil es so vielseitig ist. In Bezug auf die Musik, die Stile und die Komplexitat. Nach diesem Album können wir alles machen und das ist genau unser Ding!

Carly: Wie lange wir gebraucht haben? Von 1867 vor Christus bis zum 3. März 2014 (Lacht). Spaß beiseite, es gibt einzelne Teile oder Melodien, die schon sieben oder acht Jahre alt sind. Aber den größten Teil haben wir im Sommer 2012 gemacht.

Álvaro: Sagen wir einfach, daß wir uns zahllose Nächte in unserem Proberaum um die Ohren geschlagen haben, um das Album (Bass, Gitarren und Gesang) aufzunehmen. Da muss man natürlich gesunde Kost zu sich nehmen. Unser Retter war der Süßigkeitenautomat. Ich weiß nicht wie viele Kitkats und Huesitos (spanischer Schokoriegel) wir verzehrt haben. Ein paar Hundert bestimmt!

WS: Wie geht ihr als Band ans Schreiben von Songs heran? Gibt’s einen Hauptkomponisten und schreibt ihr zuerst die Texte oder zuerst die Musik?

Dante: Wenn wir komponieren, ist die Band ein ungebremster Zug. Wir sind dann unaufhaltsam! Wir haben schon den das Grundgerüst für’s nächste Album fertig und sind total aufgeregt! Da kommt echt was auf euch zu, Leute! Für das neue Album haben auch Aks und Alex mit komponiert und die machen das echt hervorragend! Grundsätzlich schreiben wir alle fünf zusammen, bei einem Song mal mehr oder mal weniger, aber vom Grundprinzip ist es immer eine Bandleistung. Oh, und die Musik kommt meistens vor den Texten, aber nicht immer.

WS: Man könnte eure Musik ja ohne Probleme als „Progressive Metal“ bezeichnen. Was bedeutet euch das Etikett „Progressive“ bzw. könnt ihr mit der Kategorie überhaupt was anfangen?

Alex: Naja, diese Etikettierungen helfen den Leuten eben, eine Ahnung davon zu kriegen, was für eine Art von Musik sie da nun hören werden. Man kann sich zwar immer nur ungefähr annähern, weil keine Band genau gleich klingt. Ich finde es aus genau dem Grund eigentlich auch problematisch, man wird einer Band nie ganz gerecht, weil jede ihre Eigenheiten hat. So gesehen kümmert mich der Begriff „Prog“ nicht besonders. Auf der anderen Seite hilft es natürlich auch mir, mich zu orientieren – zumindest daß es sich womöglich um eine Band handelt, die besonders kreative Musik macht, mit ungewohnten Taktarten und so weiter. Aber man sollte dem nicht zu viel Bedeutung beimessen. Es ist ja zudem so, daß auch Progressive heutzutage so vielfältig ist, daß es immer besser ist, die Musik für sich sprechen zu lassen. Und selbst wenn man sagt, diese Band macht Prog in der Art von Dream Theater, Symphony X oder Porcupine Tree, läßt das immer noch Fragen offen. Mit dem Etikett „Metal“ habe ich weniger Mühe. Da gehts eher um eine Gesinnung und einen besonderen Sound. Und der Begriff weckt weniger hohe Erwartungen.

WS: Würdet ihr ein bestimmte Band oder ein bestimmtes Album vorschlagen, um einen Neuling für die Faszination progressiver Musik zu begeistern?

Alex: Oh, eine gute Frage. Das ist denke ich wirklich schwer. Man kann ja Prog nicht in einem Album erfassen. Am ehesten „Images & Words“ von Dream Theater, weil es doch sehr viele Elemente von Prog vereint. Je nach dem ist es voller Power oder eher sanft, melodisch, atmosphärisch und dann wieder verdammt heavy – und es ist trotzdem sehr zugänglich. Ein perfektes Album. Ich habe mit dem Album tatsächlich Leute für Prog gewonnen. Dann haben sie allerdings Dream Theaters nächstes Album „Awake“ angehört und gesagt: „Das ist ja fürchterlich!“ und ihre neugewonnene Leidenschaft wieder verloren.

Pervyperkin2.jpg “ Dante: Ich empfehle die außergewöhnliche Ein-Mann-Band namens The Algorithm. Der Mann der dahinter steht heißt Remi Gallego und wird euch mit seiner Musik wegblasen. Was ich ebenfalls empfehlen würde, ist das herzzerreißend schöne, letzte Album von Alcest: „Shelter“. Wer dabei nicht zu weinen beginnen muss, hat keine Seele! (lacht)

Carly: Ich finde, das hängt von der Person ab. Musik ist ja nichts rationelles, von daher muss jeder seinen eigenen Zugang finden. Das hat mit Geschmack oder Emotionen zu tun. Meine Mutter konnte beispielsweise nie etwas mit progressiver Musik anfangen, aber mit „Ink“ hat sie einen Zugang gefunden zu komplexerer Schönheit in der Musik – das hatte sie so vorher nicht erlebt. Das ist häufig so. Musik allein kann ein weites Spektrum von Emotionen eröffnen, aber man muß ihr Zeit und Raum geben, damit sie sich entfalten können. Versteh mich nicht falsch. Ich mag sehr viele Musikstile weit abseits von Progressive, aber ich denke eben, daß der Zugang zu Musik eben in der Person selbst liegt. Der eine will Mainstream, der andere Prog. Empfehlen würde ich Devin Townsend. Der Mann hat genau das in mir ausgelöst: Die verschiedensten Emotionen und Stimmungen bringt er in mir spielend zum schwingen. Ich höre fast jeden Tag Musik von ihm.

Alvaro: Naja, ich denke, es läßt sich gut mit klassischem Prog beginnen, wenn man sich in diese neue Welt begeben möchte. „Foxtrot“ von Genesis, „Thick As A Brick“ von Jethro Tull. Wer einen Zugang zu Metal hat, ist mit Dream Theater und Transatlantic gut beraten.

Aks: Du meinst, um jemanden zu Prog zu „bekehren“? Ich finde auch, daß es ein bißchen auf die Person ankommt und was für Musik die hört. Ich würde vorschlagen, „Dark Side Of The Moon“ von Pink Floyd anzuhören oder was von Tool.

WS: Erzählt unseren Lesern doch noch was über tolle Bands aus dem spanischen Untergrund. Bands, mit denen ihr befreundet seid oder die ihr allgemein für unterschätzt haltet.

Alex: Ja, da kenne ich ein paar wirklich hervorragende. Aus Spanien wären da Aiumeen Basoa. Sie machen nicht Prog im eigentlichen Sinn, es ist eher eine Art wunderschöner Pagan-Black-Metal, der mit erstaunlichen Details ausgeschmückt ist. Dann wären da noch Edge of Sanity mit ihren Alben „Crimson“ und „Crimson II“, das sind epische Prog/Death Meisterwerke. Dan Swanö ist ehrlich gesagt mein größtes Idol im Bezug auf seine Musik im Allgemeinen und das Komponieren.

Dante: Underground, ja. Wir habe hier in Spanien eine unglaubliche Prog-Szene. Da gibt es Bands wie Cheetos Magazine oder Ipsilon, die wie wir vor kurzem ihr erstes, sehr hochwertiges Album herausgebracht haben. Die beiden Bands solltet ihr euch unbedingt mal anhören!

Carly: Ja, wir haben hier in Spanien jede Menge tolle Bands, es gibt da wirklich gerade einen Aufbruch. Cheeto’s Magazine, Carving Colours, Obsidian Kingdom, Jardin de la Croix, Toundra und The Blinded. Wirklich tolle Bands!

Alvaro: Ich würde außer den schon genannten Bands noch Dry River und Chaos Symmetry ergänzen. Chaos Symmetry kommen aus Murcia, wo auch Pervy Perkin ursprünglich herkommen.

WS: Auf eurer Facebook-seite kann man lesen, daß Opeth euch stark beeinflußt haben. Habt ihr das neue Album gehört? Was haltet ihr von ihrer Entwicklung von Death Metal Band zu einer Art psychedelischen Prog-Rock-Band?

Alex: Da sind wir alle einer Meinung in der Band. Es ist ein absolutes Meisterwerk, wunderschön und musikalisch sehr vielseitig. Ein 10-Punkte-Album, Opeth haben seit „Still Life“ nichts so wundervolles, reichhaltiges gemacht. Ich bin der Meinung, daß jedes Opeth Album sich sehr vom vorherigen unterscheidet – trotzdem ist jedes großartig. Die Band hat eine Art zu Komponieren, die mehr mit Gefühlen als mit Technik zu tun hat. Und diese Aura haben sie während ihrer ganz unterschiedlichen Alben nie verloren, sondern sie einfach mit ihrer musikalischen Entwicklung mitgenommen und ebenfalls auf sehr vielfältige Art weiterentwickelt. Ich würde sagen, daß sie immer noch Opeth sind und auch noch genau wie Opeth klingen, OBWOHL sie sich stilistisch stark weiterentwickelt haben. Ich mag ihre Entwicklung, obwohl mir „Heritage“ nicht so gut gefallen hat. „Pale Communion“ ist betörend gut. Jeder von uns liebt Opeth, obwohl jeder eine anderes Lieblingsalbum hat. Meins ist „Orchid“ – kein Scherz!

WS: Ihr seid ja offensichtlich sehr leidenschaftliche, engagierte und talentierte Musiker. Was habt ihr denn sonst noch für Talente oder was liegt euch absolut gar nicht?

Alvaro: Vor ein paar Jahren habe ich begonnen, meine Leidenschaft für Dichtung zu entdecken und seit letztem Jahr schreibe ich selber in meiner spanischen Muttersprache. Aber ich bin ein fürchterlicher Schlagzeuger!

Aks: Ich spiele ganz gut Basketball finde ich, aber singen kann ich gar nicht!

Dante: Hmmm, ich kenn ich gut mit Wissenschaft aus, zählt das? Ich weiß nicht so recht. Beim Basketball bin ich mies, was das spielen mit Aks ziemlich uninteressant macht.

Alex: Ich bin allgemein ein künstlerischer Typ. Ich hab schon Kurzfilme gemacht, Comics gezeichnet, geschauspielert und Videospiele entwickelt. Ob ich wirklich gut darin weiß ich nicht, ich habs einfach aus Spaß gemacht. Kennt ihr das Video-Rennspiel Gran Turismo? Ich bin schrecklich in dem Game, ich finde es ist unmöglich, diese Autos zu steuern.

Carly: Ich esse gerne, egal ob ich Hunger habe oder nicht. Und glaubt es mir oder nicht: Ich kann nicht Fahrrad fahren!

WS: Man liest ja viel von der großen Arbeitslosigkeit in Spanien. Ich denke, es ist schon schwer genug als Musiker seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Aber mit dieser besonders schweren Situation in eurer Heimat – wie bewerkstelligt ihr es, Geld zu verdienen und Musiker zu sein?

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Alex: Es ist schwierig. Natürlich ist es zum jetzigen Zeitpunkt unserer Karriere als Musiker ohnehin utopisch, von der Musik leben zu können. Man braucht einen zusätzlichen Job. Und das beides unter einen Hut zu kriegen, kann ganz schön problematisch sein. Aber das Schwierigste ist immer noch, überhaupt einen Job zu kriegen. Wir machen einfach Schritt für Schritt weiter, investieren das Geld das wir verdienen in die Band. Die Reisekosten, neues Equipment, Veranstaltungsorte zu mieten – das alles ist nicht billig. Aber wir sind noch immer in der glücklichen Lage, es tun zu können.

Dante: Ich bin zur Zeit Privatlehrer, aber ich hab schon ganz unterschiedliche Jobs gehabt. In Spanien heute seine Brötchen zu verdienen ist wirklich fürchterlich schwer.

Ask: Ich versuch mit privatem Englischunterricht neben dem Studium ein paar Euros zu verdienen. Mit meinem neuen Uni-Stundenplan wird das allerdings schwer, wahrscheinlich muss ich es aufgeben. Es ist echt beschissen!

WS: Stellt euch vor, ihr habt die Möglichkeit mit Geddy Lee von Rush oder John Myung von Dream Theater ein gemeinsames musikalisches Projekt zu verwirklichen. Einzige Bedinung: Ihr müsst euch für einen von beiden entscheiden. Für wen würdet ihr euch entscheiden und warum?

Aks: Ich bin schon wesentlich länger ein Fan von Geddy und Rush als von Dream Theater. Außerdem würde ich ihn bitten, nicht nur Bass zu spielen, sondern auch Keyboard und zu singen. Ich liebe seine Stimme!

Alex: Coole Frage. Wahrscheinlich Geddy Lee, da würde sicherlich hübsches, melodisches Zeug rauskommen. Außerdem denke ich, er ist sehr nett und seine Stimme ist der helle Wahnsinn. Alleine der Anfang von 2112!

Dante: Absolut. Geddy Lee. Ich liebe seine Stimme!

Alvaro: Ich denke ich würde mich auch für Geddy Lee entscheiden. Myung würde wahrscheinlich eh kein Wort über die Lippen bringen und nach Kanada wollte ich schon immer mal reisen!

Carly: Ich liebe Geddy Lee ebenfalls. Aber er ist schon um die Sechzig und soll sich nicht mit mir Anfänger rumschlagen. Bestimmt wäre es sehr interessant, mit Mr. Myung etwas zu machen, das anders als Dream Theater ist.

WS: Stellt euch vor, ihr sitzt in eurem Lieblings-Straßencafé in Murcia und plötzlich kommt Steven Wilson herein und setzt sich an den Nachbartisch. Was würdet ihr gerne tun und was tut ihr tatsächlich?

Carly: Steven Wilson in Murcia? Ich würde eine Party für ihn schmeißen, ernsthaft!

Alle: Jaaaaaa! (alle lachen)

Aks: Ich würde wahnsinnig gerne hingehen und ihm sagen, daß ich seine Musik verehre! Ein Selfie mit ihm machen, ihn in den Arm nehmen und ihm sagen, daß er nicht mehr so niedergeschlagen sein muß, weil Aks jetzt da ist und alles gut wird. (lacht) Mit ihm über Musik und anderes zu fachsimpeln. In Wirklichkeit bin ich allerdings viel zu schüchtern und würde vermutlich nur dümmlich in seine Richtung grinsen und mir genau damit jede Chance vermasseln, das genau das passiert!

WS: Wir von Whiskey-Soda finden, daß den meisten Interviews der Bildungscharakter fehlt. Also. Was ist das wichtigste, was man wissen oder sagen muss, wenn man sich in Murcia verirrt hat?

Alvaro: Ihr müsst einfach vor jedem Satz „Acho“ sagen, dann habt ihr einen Stein im Brett. Vermutlich werden sie euch sogar für einheimisch halten. (zwinkert)

Dante: Redet einfach mit den Leuten, das sind nette Menschen.

WS: Musik mit einem künstlerischen Anspruch zu machen, stelle ich mir wie eine faszinierende, unvorhersehbare Reise vor – fast wie das Leben selbst. Welche Momente auf dieser „Reise“ bedeuten euch am meisten?

Dante: Das Komponieren selbst. Es hat etwas unglaublich aufregendes, einzelne Ideen zu einem fertigen Musikstück zusammenzusetzen. Ich finde, es gibt in der ganzen Welt nichts vergleichbares. Und ich liebe es auch sehr, live zu spielen. Da kann ich echt Kraft und Emotionen auftanken!

Alex: Jeder einzelne Schritt auf dieser „Reise“ hat uns etwas gelehrt. Ich habe viel über mich selbst gelernt, mit ganz verschiedenen Situationen umzugehen. Einige der ganz besonderen Momente waren mein erster Auftritt mit der Band im Sala Caracol, unser fertiges Album herauszubringen, die ersten Kritiken zu lesen, die ersten Fototermine bei Auftritten. Da wurden Träume wahr! Es gibt eben auch die unschönen Dinge aber auch die haben mich stärker gemacht und als Mensch bereichert. Schlechte Kritiken, Menschen, die nicht verstehen, was die Musik uns bedeutet oder die finden, wir sollten dieses oder jenes anders machen. Oder Anspannung und schlechter Schlaf vor einem Auftritt. Am Anfang ist das echt schwer, aber man wächst eben auch daran. Aber das meiste fühlt sich so fantastisch an, jeder einzelne Auftritt ist wie ein wahrgewordener Traum, ehrlich! Wir lieben uns als Freunde, das gemeinsame Musikmachen aber auch irgendwelchen Blödsinn zu machen. Wir sehen uns in erster Linie als Freunde und erst in zweiter Linie als Bandkollegen. Wenn also mal einer von uns Sorgen hat oder einen schlechten Tag hatte, können wir miteinander darüber reden oder uns sogar mal in den Arm nehmen. Dann geht’s weiter! Ich schätze mich wirklich glücklich, davon ein Teil zu sein. Es ist wunderbar und gibt meinem Leben eine Bedeutung.

Carly: Das Erstaunlichste an der ganzen Geschichte ist, wie sie begann. Wir kannten uns ja schon lange, bevor wir Musiker waren. Wenn mir jemand damals gesagt hätte, daß ich mal Musik mit meinem Freund aus der Grundschule, dem Freund meines Kumpels, dem neuen in der Klasse und dem Bekannten von Dante machen würde, der nicht mal ein Instrument besitzt – ich hätte das nie für möglich gehalten! An diesem starken Verlangen Musik zu machen, sind wir zusammen gewachsen und die ersten Schritte in dieser Richtung gemeinsam gemacht zu haben, fühlt sich toll an. Das erste Album zusammen zu machen war für mich eine große Sache, ich weiß gar nicht, wie sich das beim Zweiten noch steigern soll…

Alvaro: Musik gemeinsam mit meinen Freunden zu machen ist eine der besten Erfahrungen, die ich in meinem Leben gemacht habe. Vor allem, weil wir sehr gute Freunde sind. Ich schätze mich sehr glücklich, diese Jungs zu kennen und diese Leidenschaft für die Musik mit ihnen zu teilen. Wir kennen einander sehr gut und das ist meiner Meinung nach auch unser Geheimnis, der Schlüssel. Die menschliche Verbindung, die zwischen uns besteht.

WS: Was wollt ihr uns und unseren Lesern noch zum Ende des Interviews sagen?

Pervy Perkin: Danke für die Möglichkeit, uns hier zu präsentieren und das Interesse! Wir hoffen, daß wir euch bald in Deutschland auf Tour sehen werden. Wir werden kommen! Bis dahin hört euch „Ink“ an – das Album wird euch überraschen und auch herausfordern. Wenn die Musik euch gefällt, dann erzählt euren Freunden von uns, folgt uns bei Facebook. Wir wünschen euch alles Liebe – wir sehen uns!

(There’s also an raw & unedited English version of this interview available at the personal music blog of the author.)

Pervy Perkin sind:

Dante – Gitarre, Gesang
Aks – Bass
Álvaro Luis – Gitarre
Alejandro Macho – Gesang
Carly Pajarón – Schlagzeug, Gesang

Interview, Übersetzung und Redaktion: Daniel Frick
Bilder: Copyright by Pervy Perkin

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