Lonely Robot – Prog küsst Pop

Ende der 1980er Jahre wurden in England die Vorzüge der klassischen Progressive-Rock-Bands Genesis, Yes und King Crimson wiederentdeckt und von Musikern mit einer Vorliebe für Theatralik und starke Melodien als Neo-Prog widerbelebt. Bands wie Marillion, IQ, Pendragon und Pallas waren die Vorreiter dieser sogenannten zweiten Welle des Prog-Rock. In den 90ern folgte eine dritte Welle mit Spock's Beard, Arena und Chant - und die Entwicklung geht bis heute weiter. Der Gitarrist und Produzent John Mitchell, unter anderem Mitglied bei Arena, trägt dazu mit seinem neuen Projekt Lonely Robot bei. Mit einem Ensemble hervorragender Gastmusiker hat der bodenständige Engländer ein wundervolles Album geschaffen, das die besten Elemente von Progressive Rock und Popmusik auf einzigartige Weise verknüpft. Zur Veröffentlichung hat John mit uns über Außerirdische, Gott und darüber geplaudert, was einen guten Progressive-Rock-Musiker ausmacht.

Whiskey-Soda: Danke John, dass du dir etwas Zeit nimmst, um einige Fragen für die Leser vom Whiskey-Soda Magazin zu beantworten. Was ist dir denn lieber: Whiskey Soda oder lieber ein englisches Bier?

John Mitchell: Weder noch. Ich habe eine recht turbulente Vergangenheit was Alkohol betrifft und trinke nicht mehr. Wenn ich noch trinken WÜRDE, dann wäre es keines der beiden, sondern Weißwein.

WS: Obwohl du ja ein sehr aktiver Musiker bist, kennen wahrscheinlich sehr viele Leute weder dich noch deine Bands Frost, Kino und Arena. Also stell dich doch bitte mal kurz vor. Für was für eine Art von Musik stehst du?

JM: So viel gibt’s da nicht zu erzählen. Ich bin ein ziemlicher Geek und sammle jede Menge geekiges Zeug. Ich verbringe viel Zeit mit Segeln und meinen Oldtimern, von denen ich einige besitze. Ich kann Hunde nicht leiden und ich LIEBE Katzen. Und die einzige Musik, die ich abseits von meiner Arbeit höre sind Filmsoundtracks. Und das ist eigentlich schon alles, was man über mich wissen muss.

WS: Lass uns etwas über dein neuestes Projekt Lonely Robot sprechen. Ich mag das Album wirklich, wenn ich das richtig verstanden habe, ist es eine Art Konzeptalbum zum Thema, wie antike Zivilisationen die moderne Technologie beeinflusst haben. Wie kamst du denn zu diesem sehr speziellen Thema bzw. was kannst du unseren Lesern sonst noch dazu erzählen? Wer ist überhaupt dieser „Einsame Roboter“ bzw. wofür steht er?

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JM: Ein richtiges Konzeptalbum ist es nicht, weil es keine durchgehende Geschichte erzählt. Ich glaube einfach nicht, dass die Menschheit von der Erde stammt. Wenn das so wäre, würden wir nicht alles um uns herum zerstören. Es gibt kein anderes Lebewesen auf diesem Planeten, dass so mit seiner Umwelt im Konflikt steht. Also könnten wir höchstens eine Mischung aus zwei sehr unterschiedlichen Spezies sein. Ansonsten würden wir keine Kleider, Schuhe und jede Menge unnötigen Krempel brauchen um zu überleben. Ich hab ja gesagt: ich bin ein Riesen-Geek!

WS: In den Texten ist von „Gott“ und einem „Architekten“ die Rede, über Gnade und Glauben. Bist du ein gläübiger Mensch? Was bedeutet dir Glauben?

JM: In den Texten geht es eher um das menschliche Bestreben, ja dem grundlegenden Bedürfnis, alles zu erobern oder zu kontrollieren. Wenn wir könnten, würden wir auch das Wetter kontrollieren wollen. Gott ist im Leben vieler Menschen eine bedeutsame Facette. Gott existiert für viele Menschen den unterschiedlichsten Formen. Ob Gott in meiner Welt also existiert, tut letztlich gar nichts zur Sache. Die Texte beziehen sich einfach auf die grenzenlose menschliche Ignoranz, all das zu überwinden, was sie überhaupt menschlich macht.

WS: Im Pressetext zu deinem neuen Album steht, dass du die Arbeiten an Lonely Robot besondes genossen hast, weil mit einem neuen Projekt keine Erwartungen verknüpft sind. Was unterscheidet Lonely Robot denn musikalisch und emotional von deinen anderen Bands?

JM: Was Lonely Robot unterscheidet ist, dass es mir endlich erlaubt mir einzugestehen, was für ein grössenwahnsinniges Monster in mir lebt(Lacht). Spass beiseite: Es ist sehr nett etwas zu tun, bei dem die einzige Person auf die du achten musst, du selbst bist. Ich bin ein Zwangsneurotiker und Perfektionist. Von daher bin ich mit meiner Persönlichkeit nicht unbedingt geeignet in einer Band zu sein, ich arbeite absolut nicht gerne in Gremien und Gruppen. Es ist eigentlich ein Wunder, dass ich nicht nicht entlassen oder verrückt geworden bin. Wahrscheinlich treibe ich jeden Musiker, der mit mir auskommen muss, mit dieser Einstellung in den Wahnsinn.

WS: Gibt es sonst noch etwas, was du im Bezug auf das neue Album besonders herausstellen möchtest oder worauf du besonders stolz bist?

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JM: Ich bin stolz darauf, dass ich es so schnell fertigstellen konnte und von so vielen grossartigen Gastmusiker umgeben gewesen zu sein. Sie alle haben ihren einzigartigen Anteil mit eingebracht. Wenn du mir als Kind erzählt hättest, dass Peter Cox oder Steve Hogarth von Marillion auf meinem Album singen würden, hätte ich dich für verrückt gehalten. Ich musste nicht mal mein Wohnzimmer verlassen. Das einzige, was ich gebraucht habe war Cubase 7.5, ein Mikrofon, einen Strom aus Nullen und Einsen und einige sehr talentierte Musiker.

WS: Du bist ja Sänger, Komponist, Produzent und Musiker ganz allgemein. Als was würdest du dich selbst am ehesten sehen und aus welchem Grund?

JM: Am ehesten würde mich als Musiker ganz allgemein sehen. Hauptsächlich, weil ich nicht bei einem der erwähnten Dinge besonders gut bin. Aber andererseits ist es ja auch ganz gut, von vielen Dingen etwas zu verstehen. Ich fühl mich so also ganz gut. Ein weiterer Nachteil davon, in einer Sache besonders gut zu sein ist ja die Tendenz, dann schwer in der Lage zu sein, das grosse Ganze zu sehen. Aus diesem wollen beispielsweise Schlagzeuger, die keine anderen Instrumente spielen immer, dass man ihre Drums mehr hört. Gitarristen, die ausschliesslich Gitarre spielen denken in der Regel, dass die Gitarre wichtiger als der Gesang ist. Obwohl ich kein wirklich guter Sänger bin, denke ich, dass der Gesang das ist, worauf die Menschen in der Regel emotional am meisten anspringen. Aus dem Grund finde ich, dass man dieser Emotion nichts in den Weg stellen sollte. Darum habe ich beim Gesang auch immer Verstärkung (Lacht).

WS: Ist Technologie für dich als Musiker und Produzent einfach ein hilfreiches Werkzeug oder etwas, woran man auch an und für sich Spass haben kann? Im weitesten Sinne ist das ja auch eine Frage, um die es beim Album geht, oder nicht?

JM: Naja, es gibt halt beide Seiten. Vor zehn Jahren hätte ich dieses Album nicht machen können. Ein Album so einfach abzumischen war damals nicht möglich, weil die Computer schlicht nicht leistungsstark genug waren. Cubase ist eigentlich ein riesiger Farbkasten und heutzutage bin ich total happy, dass ich tausend Farben mehr zum Malen habe als vor zehn Jahren. So etwas nur als „ein Werkzeug“ zu bezeichnen, negiert ja auch total den Spass an der Kreativität die man an seiner Nutzung hat. Dieses Album zu machen, war für mich vom Anfang bis zum Ende eine einzige grosse Freude. Wenn ich was herstellen oder reparieren kann, bin ich der glücklichste Mensch. Wenn ich also ganz begeistert bin, nur weil Steinberg Cubase 8 veröffentlicht hat, dann muss ich wohl sagen, dass es nicht einfach nur ein Werkzeug ist. Ich hab noch nie einen Arbeiter gesehen, der wegen eines neuen Hammers ausflippt. Wahrscheinlich liegt das daran, dass ein Hammer tatsächlich nur ein Werkzeug ist, mit dem man nicht besonders viel machen kann.

WS: Deinen Musikstil zu beschreiben ist nicht so einfach, aber „Progressiv“ passt ja schon irgendwie, oder? Ironischerweise höre ich von den meisten Prog-Bands immer wieder, dass sie es nicht besonders mögen, in diese Schublade gesteckt zu werden. Siehst du dich selbst als „Prog-Musiker“? Und falls nicht, gibt es vielleicht trotzdem klassische Prog-Bands, die dich musikalisch geprägt haben?

JM: Absolut, Mann! Ich bin stolz darauf, ein Prog-Musiker zu sein. Meiner Meinung nach wollen Leute, die sich nicht gerne als Prog etikettieren lassen wollen, einfach nur wirken, als stünden sie über solchen Kategorien. Seien wir mal ehrlich: Prog hat ja schon eher ein „uncooles“ Stigma. Aber für mich gibt es nichts, das weniger wichtig ist als cool zu sein. Und während ich das sage, geht die seit Ewigkeiten andauernde Debatte weiter, ob Prog letztlich sogar regressiv ist. Letzlich wollen ja eh nur alle Genesis aus den 70ern nachahmen. Auf meinem Computer sind tausende Sounddateien und Musikstücke. Warum zum Geier sollte ich mich also auf einen Moog oder eine Hammond Orgel begrenzen? Das ist doch Wahnsinn! Die Welt der Klänge ist so unglaublich weit, obwohl sie nur aus zwölf Tönen besteht. Also sollte man sich wirklich nicht auf diese typischen Prog-Klangbilder beschränken. Und das heisst nicht, dass ich ein atmosphärisches Klavier nicht zu schätzen weiss!

WS: Welches klassische oder auch moderne Progressive Rock Album würest du einem Neuling empfehlen, um ihn davon zu überzeugen, wie aufregend es sein kann, die grenzüberschreitenden Besonderheiten zu geniessen?

JM: „Hand Cannot Erase“, das neue Album von Steven Wilson. Steven ist ein guter Freund von mir, aber ich erwähne das nicht deshalb. Das Album ist noch gar nicht veröffentlicht, aber wenn das zweite und das achte Lied davon von mir wären, könnte ich als glücklicher Mann sterben. Zum Glück hat Steven sie geschrieben, und er ist ein Meister in zwei Dingen, die in der Prog-Rock-Szene oft übersehen werden. Die Arrangements und die Melodien. Es kräht kein Hahn danach, wie toll du vielleicht als Musiker sein magst, wenn deine Musik lieblos zusammengeschustert ist. Und viele Arrangements im Prog sind das leider. Das wichtigste ist die Melodie. Meiner Meinung nach sollte Prog einfach Popmusik sein, bei der niemand vom Radio drauf herumhackt, dass sie bitteschön ja nicht länger als vier Minuten dauern darf. Es gibt da draussen nämlich sehr viele grossartige Prog-Songs, die länger sind. Was macht die Popmusik populär? Die Melodie. Steven ist in all dem PERFEKT. Darum hat vermutlich so einen guten Ruf in der kompletten Szene.

WS: In einer 2013er-Ausgabe des deutschen Eclipsed Magazins zur Veröffentlichung seines letzten Album war die Titelschlagzeile: „Steven Wilson – Progressive Rock hat wieder eine Zukunft. Alles über das Meisterwerk eines Visionärs.“ Auch andere Musikmagazine stilisieren ihn immer als eine Art Retter oder Reformator der progressiven Musikszene. Findest du, dass Prog einen Retter braucht?

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JM: Typisch Mensch, was? Man muss sich immer einen Retter oder Messias schaffen, den man anbeten kann. Steven ist einer der bodenständigsten Menschen die ich kenne, also wollen wir ihm doch bitte keine Komplexe verschaffen, was? (Lacht) Um ehrlich zu sein, hat wahrscheinlich nur etwas so schamlos übertriebenes wie Prog es nötig, überhaupt so etwas wie einen Visionär zu brauchen. Also ja. Falls es je ein Licht brauchen sollte, das uns aus der Dunkelheit der ewigen Genesis-Klone führt, dann wäre Steven wohl eine ziemlich gute Wahl als eine Art Vordenker. Die Gründe habe ich ja gerade beschrieben. Aber trotzdem, bleiben wir auf dem Boden. Es ist nur Musik, leichte Unterhaltung. Es ist ja nicht so, als hätte er die Heilung von Krebs entdeckt.

WS: In der Rock-Szene wird ja mitunter deftig geflucht. Du bist ja Brite und ihr habt den Ruf, sehr höflich zu sein. Hast du einen Spruch auf Lager, mit dem du jemanden niveauvoll beleidigen würdest?

JM: Wenn Weisheit auf Bäumen wachsen würde, wäre deine ein sehr bescheidener Busch.

WS: Erzähl uns doch zum Abschluss eine witzige oder peinliche Anekdote aus deinem Leben.

JM: Als Kind war ich total in meine Latein-Lehrerin verknallt. Ich war vielleicht zehn und sie 29. Eines Tages habe ich mich überwunden und sie zu meiner Klavierstunde eingeladen. Innerhalb von zehn Minuten hatten das alle anderen mitbekommen, standen vor der Türe und zogen mich deswegen auf. Ich bin heulend rausgerannt, so peinlich war das! Wahrscheinlich habe ich in meinem Leben noch einige peinlichere Sachen gemacht und war nur zu besoffen, um mich dran zu erinnern. Aber auch wenn ich mich damit jetzt lächerlich gemacht habe: Immerhin konnte ich mich an DIE Geschichte erinnern!

WS: Was hast du noch für unerfüllte Wünsche oder Träume jenseits der Musik?

JM: Ich möchte in einem Einhandsegler den Atlantik überqueren. Ich hab’s mir für diesen Sommer vorgenommen….

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