P.O.D. zum Nu-Metal-Standing im Jahr 2019

Ab Anfang der Neunziger Jahre befand sich der klassische Heavy Metal in einer tiefen Krise. Grunge und Nu-Metal kamen dagegen ganz groß heraus. Bands wie Nirvana, Alice in Chains, Korn oder Limp Bizkit feierten riesige Erfolge mit ihren Neuinterpretationen moderner Rockmusik. Und auch wenn die meisten dieser Bands heute bei weitem nicht mehr so groß sind wir zu ihren Erfolgszeiten- und teils nicht einmal mehr bestehen - haben sie die Rockmusik in diesen Jahren entscheidend geprägt. Über 20 Jahre ist das inzwischen her und die Jugendlichen von damals feiern als heute Mittvierziger ihre Nu-Metal-Idole genauso wie die Mittfünfziger die Heavy-Metal-Größen.

Auch die Nu-Metaller P.O.D. gehören in diese Kategorie. Ihre Alben um die Jahrtausendwende erreichten Platin-Status in den Verkaufscharts, mehrmals waren die Jungs aus Kalifornien für einen Grammy nominiert. Aktuell war die Truppe wieder einmal im deutschsprachigen Raum zu Gast. Über genau diese „Generationenreise“ sprach unser Gastredakteur Andreas mit Gitarrist und Gründungsmitglied Marcos Curiel.

Ihr seid jetzt fast 30 Jahre als Band zusammen. Als ihr 1992 damit begonnen habt Musik zu machen, gab es damals einen Punkt, an dem ihr realisiert habt, dass etwas Größeres aus der Band werden könnte?

Als wir damals angefangen haben als Band zusammen Musik zu machen hatten wir keinerlei Erwartungen, dass irgendetwas großartiges passiert. Wir wollten einfach nur auf Partys spielen und Shows für unseren Freundeskreis und wir wollten einen MoshPit haben, weil wir dachten, das ist die coolste Sache überhaupt und es gab auch eine Szene dafür in unserer Stadt Little Rock damals, eine Hardcore- und Punkrock-Szene. Also haben wir auf Partys gespielt und in Hinterhöfen und manchmal kam die Polizei und hat die Veranstaltung beendet. Wir wollten einfach nur unsere eigenen Shows, wir haben nicht so weit nach vorne geschaut, wir lebten im Hier und jetzt. Irgendwann haben wir mal bei einem Bandwettbewerb in unserer Stadt gespielt und den zweiten Platz belegt und dann haben wir gedacht „Hey, warum nicht mal im „The Whiskey“ in LA spielen oder gleich eine kleine Tour machen“, und so haben wir angefangen zu touren. Ich glaube nicht, dass wir unseren Weg weiter gegangen wären, wenn er nicht vielversprechend ausgesehen hätte. Wir haben Konzerte gespielt, zu denen vielleicht 10 Leute kamen und beim nächsten Mal waren es 50 und beim übernächsten Mal 100 und wir sagten „Wow, die Leute mögen das, was wir tun“. Es war also eine sehr vielversprechende Sache und wir haben einfach immer weiter gemacht. Die P.O.D.-Sache hat sich automatisch vergrößert. Wir haben die Aufmerksamkeit der großen Plattenfirmen bekommen, als diese mitbekommen haben, dass wir 15.000 CD’s aus dem Auto heraus verkauft haben (selbst produziert und selbst verkauft).

Nach all den Jahren, was motiviert Euch heute immer noch zusammen Musik zu machen, Alben aufzunehmen und auf Tour zu gehen?

Da kann ich natürlich nur für mich selber sprechen und nicht für die anderen Jungs. Ich merke, dass wir einen gemeinsamen roten Faden haben und eine gemeinsame Energie und Stimmung in der Band, dass wir andere inspirieren wollen, dass wir Hoffnung weiter geben wollen an die Leute, die unsere Musik hören. Für mich, wenn ich auf unseren Touren in der ganzen Welt rumkomme, Italien oder Deutschland z.B. und Leute, die ich vorher nie persönlich getroffen habe, sind durch unsere Musik mit uns verbunden, das ist die ganze Sache wert. Wenn die Leute verstehen über was wir singen und die Bewegung verstehen, die wir hervorbringen, das alles ist es wert.

Nach fast 30 Jahren als Band, merkt und realisiert ihr, dass ihr verschiedene Generationen von Leuten erreicht?

Jetzt, wo wir älter geworden sind ja. Es ist in etwa so wie das, was ich den Metallica- oder den Iron-Maiden-Effekt nenne. Es gibt Leute, die mit diesen Bands groß geworden sind und dann erzählen sie ihren Kindern von diesen Bands und dann wachsen die auch mit deren Liedern auf. Genau das erleben wir als P.O.D. auch, da gibt es Leute die erzählen o0der schreiben uns „Hey, ich bin mit Eurer Musik aufgewachsen und jetzt lieben sogar meine Kids die Band“. Das ist sehr faszinierend für uns, echt cool, aufregend.


P.O.D. vermitteln immer irgendwie den Eindruck, dass sie bodenständig geblieben sind, im Vergleich zu anderen Rockbands. Ist das eine bewusste Entscheidung von Euch, nicht so sehr abzuheben?

Na ja, es gibt halt die Divas und dann gibt es auch einfach nur die ganz normalen Musiker und wir versuchen einfach nur normale Menschen zu sein. Musiker. Aber es gibt ja auch die Leute, die auf Konzerte gehen und die Rockstars mögen und alles, was dazu gehört. Aber selbst diese Musiker können dieses Verhalten an- und ausschalten. Wir sind alles Menschen, die irgendwann nach Hause gehen und uns nach einem zuhause sehnen. Es ist ein bisschen so, dass sich die Fans einem gegenüber so verhalten, wie man sich den Fans gegenüber verhält. Dass Leute auch mal eher die Bands mögen, die ein bisschen mehr wie Stars auftreten, liegt glaube ich in der menschlichen Natur. Die Leute gehen jeden Tag arbeiten von nine to five und möchten auch einfach mal unterhalten werden. Wir könnten das auch so machen aber wir kommen von einem Punkrock Hintergrund und wir haben die der Punkrock-, Hardcore- und Hip-Hop Energie. Wir haben auch einige große Rockshows gespielt aber es sind eher Konzerte wie das heute Abend, die energiegeladen sind. Das ist eher Punkrock- und Hardcore-Style. Wir bevorzugen solche Konzerte mehr als die großen Rockshows. Auf diesen großen Konzerten ist man irgendwie nicht wirklich verbunden mit dem Publikum. Wir lieben es, wenn die Leute zu unseren Konzerten kommen und das cool finden, was wir machen. Dafür ein großes Dankeschön an all unsere Fans in Deutschland.

Euer vorletztes Album „Awakening“ war zum Teil sehr melodiös, sogar ein paar echt ruhige Songs. Eure frühen Jahre waren da musikalisch deutlich härter und auch das aktuelle Album hat wieder ein paar härtere Tracks drauf. Habt ihr die guten alten Zeiten vermisst?

Na ja, weißt Du, ich vergleiche unsere Band mal mit einer Pallette aus verschiedenen Farben, die ein Kunstmaler hat mit ganz verschiedenen Schattierungen. Wir sind keine Punkrock-Band, die immer nur Punkrock, Punkrock, Punkrock spielt. Von Anfang an hatten wir Spaß daran das Ganze ein bisschen zu vermischen, z.B. mit Rap, Funk oder Reggae. Je nachdem, wie wir uns fühlen wollen wir verschiedene Farb-Schattierungen kreieren mit unseren Liedern. Es wäre doch auch langweilig, wenn alles dieselbe Farbe hätte. Für uns geht es um Stimmungen. Ein Kunstmaler, der ein Gemälde malt wird hinterher sagen: „Genau so habe ich mich zu dieser Zeit meines Lebens gefühlt“. Mit Liedern ist es das Gleiche. Das heißt jetzt nicht, dass ich mich die ganze Zeit so fühle auch wenn ich mit Liedern Gefühle ausdrücke. Ich würde nicht sagen, dass ich die alten Zeiten vermisse, weil wir im Herzen immer diese Kids bleiben werden aber es sind immer Elemente davon in allen unseren Platten zu finden. Auf dem aktuellen Album haben wir keinen Punkrock-Song, was wir normalerweise immer machen. Was wir auch nicht drauf haben auf dem aktuellen Album, sind irgendwelche Gast-Sänger, wie z.B. auf dem „Where Angels and Serpants Dance“-Album Mike Muir von Suicidal Tendencies oder auf dem „Awakening“-Album Lou Koller von Sick of It All. Wir hatten schon H.R. von den Bad Brains mit auf einem Album und wir wollen unseren Zuhörern damit vermitteln „Hey, das sind die Sachen, mit denen wir groß geworden sind“.

Heute ist das vierte Konzert der Europa-Tour und das zweite in Deutschland. Welche Highlights hattet ihr bisher?

Weißt Du, Deutschland war so gut zu unserer Band. Lange zurück, als wir Rock am Ring und Rock im Park spielten Ihr Leute, die Kultur und die Zuhörer waren so gnädig zu uns als Band und wir sehen das nicht als selbstverständlich und sind einfach nur Happy, für Euch in Deutschland auftreten zu können. Wir mögen wirklich sehr die Kultur und die Geschichte, wie ihr in Deutschland zu einem Volk geworden seid. Ich glaube die USA kann eine Menge von Euch lernen und wir sind miteinander verbunden. Wir müssen Peace & Love fördern und eine positive Einstellung. Wir als Band machen das jedenfalls.

Du hast jetzt schon fast die Hälfte der nächsten Frage beantwortet. Die Tour geht in Europa weiter durch England und auch durch die Ukraine und Russland. Merkt ihr an Eurem Publikum manchmal, ob ihr in einem bestimmten Land seid? Gibt es einen Unterschied zwischen einer Deutschen, einer englischen und einer russischen Crowd?

Nun ja, Menschen sind verschieden aber jeder weiß wenn er auf ein P.O.D. Konzert geht bringen wir ein bisschen etwas aus Süd-California mit. Das ist die Energie und auch die Schwingung, die herrscht. Wenn Du auf ein Metal-Konzert gehst, herrscht eine andere Stimmung, so wie gestern Abend, da hat hier eine Band gespielt, die „Satan“ heißt. Wenn Du diese Art der Stimmung möchtest gehst Du zu dieser Art von Konzerten. Leute, die auf ein P.O.D. Konzert gehen wissen, dass bei uns eine positive Stimmung herrscht und möchten genau das erleben: Vibes aus Süd-Kalifornien.

Die letzte Frage ist: Habt ihr schon irgendwelche Pläne für die Zeit nach der Tour? Die Tour wird ja noch in den USA fortgesetzt, was ist danach geplant? Eine weitere Tour, ein neues Album, irgendwas anderes?

Wenn die Tour vorbei ist gehen wir für ca. 3 Wochen nach Hause und dann gehen wir wieder auf Tour in den USA. Es ist der zweite Teil unserer US-Tour, die wir vor der Europe-Tour gespielt haben. Wir sind der Headliner.

Habt ihr das auch schon erlebt, dass ihr auf einer Tour neue Songs schreibt und dann mit Material für ein neues Album zurück nach Hause kommt?

Wir reden eigentlich ständig über neue Ideen und was wir noch machen wollen. Man weiß nie, was dabei rauskommt aber im Moment fokussieren wir uns auf unser neues Album, welches ja erst im November erschienen ist, vor zwei/drei Monaten. Und wir spielen davon immer sechs bis sieben Lieder Live. Im Moment wollen wir also unsere neue Musik spielen und die damit verbundenen Stimmung genießen.

Vielen Dank Marcos, für das Interview. Ich hoffe das Konzert heute Abend wird brillant.

Setliste P.O.D., 19.02.2019, Backstage München

Fotos, Interview & Übersetzung: Andreas Voßeler
Redaktion: Daniel Frick

DanielF

Harte Schale, weicher Kern. Chefredakteur und -metalhead in Personalunion und im "Nebenberuf" Sozialarbeiter, geht Daniels Geschmack von chilligem Americana (Cracker) bis zu kauzigem Indie-Rock (Eels), von klassischem Thrash (Metallica, Megadeth) bis modernem Death Metal (Deserted Fear), von opulent-schrägem Prog-Rock (Opeth, Gojira, Pervy Perkin) bis zu heftigstem Brutal Death Metal (Defeated Sanity, Wormed), von Bluesrock (Gary Moore, Anthony Gomes) bis Classic Rock (Alice Cooper, Queen) - um nur einen Teil zu nennen. Zudem hat er seit den frühen Neunziger Jahren ein leidenschafliches Faible für christliche Rockmusik in genau dieser stilistischen Bandbreite. 

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