Isildurs Bane

Off The Radar

„Ich träumt‘ so oft von Isoldes Bein“, sang der heuer fast vergessene Berliner Schlagersänger und Schnapsvernichter Karl Ranseier einst. Und lange Zeit konnte man als Fan der – ausgerechnet! – nach Ranseiers Schunkelklassiker benannten Schwedenprogger auch nur träumen, Isildurs Bane mögen sich dich noch einmal aufrappeln. Nun, nicht nur, daß die Band im letzten Jahr nach zwölf Jahren Pause in Zusammenarbeit mit Steve Hogarth das großartige „Colours Not Found In Nature“ veröffentlicht hat, nur ein Dreivierteljahr später steht mit „Off The Radar“ überraschend schon ein neues, „pures“ Isildurs Bane-Album an.

Dabei ist der größte Unterschied zum Vorgänger, daß hier eben wieder rein instrumental zur Sache gegangen wird. Das Grundrezept des „elektronischen Kammerorchesters“ (Selbstbezeichnung) ist aber ähnlich wie auf „Colours Not Found In Nature“: jede Menge Marimbas, Vibraphone und Glockenspiele treffen auf Holz- und Blechbläser, Synthies und Mellotrone, Gitarren und Drums – und auch gelegentliche Drumloops und Sequencer, ohne sich zu beißen. Im Gegenteil, die Kompositionen von „Off The Radar“ verzahnen die akustischen und elektronischen Klangerzeuger und die E- und U-Musik-Komponenten derart, daß im Endeffekt doch wieder alles logisch, natürlich und ausschließlich nach Isildurs Bane klingt. Da der Sinn einer Rezi ja aber auch ist, unvoreingenommenen Lesern einen Anhaltspunkt zu geben, wie das klingt, werfe ich jetzt einfach mal einen Kopfschluss zwischen dem elektronischen („Jazz From Hell“) und dem jazzigen („Uncle Meat“) Frank Zappa in den Raum, abgeschmeckt mit der typischen Skandi-Prog-Melancholie von Änglagård oder Bo Hansson und einem Schuss der Instrumental-Arbeiten von Peter Gabriel. Das Spektrum geht dabei von höchst eingängigen, überraschend locker klingenden Songs wie „Drive!“ bis zum weitgehend improvisiert klingenden Klagelied „Endless Air“, das auf konventionelle Harmoniestrukturen fast vollkommen verzichtet und eher wie ein abstraktes Klanggemälde daherkommt. Das Feine bei Isildurs Bane ist aber ja schon immer, daß selbst herausforderndste musikalische Ideen wunderbar ins Gesamtkonzept des Albums eingebaut werden, so daß keine Sekunde lang der Eindruck eines verkopften „Anders-weil-muss“-Albums entsteht. Im Gegenteil, wer sich beispielsweise von der sehnsüchtigen Melodie in ‚Goodbye Berlin‘ (eine weitere Widmung an Ranseier?) nicht sofort zu einem Seufzer verführen lässt, ist – nun ja, wohl einfach im falschen Genre gelandet. Kommt vor.

Klar, zum Nebenbeihören taugen Isildurs Bane nicht. Dafür passiert einfach zuviel, dafür ist auch das persönliche Einlassen auf Atmosphäre und Fluss der Musik, ja, das Zuhören, zu wichtig. In einer Zeit, in der gerade das Prog-Genre von gesichtslosen Massen an Klonkriegern überrannt wird, ist es beruhigend zu wissen, daß es nach wie vor Bands gibt, die gnadenlos und unkommerziell ihrem eigenen Kopf folgen. Ein fantastisches Album einer wohl auf Ewigkeiten unterbewerteten Band, das hierzulande derzeit ausschließlich im Webshop von Just For Kicks vertrieben wird. Kaufen!

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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