MARHOLD – Die neue Welt der Schweizer Prog-Rocker

Zu den schönsten Dingen als Musikjournalist zählt es, Bands über Jahre zu begleiten und sie wachsen zu sehen. Marhold sind dem Autor dieser Zeilen das erste Mal beim Elements of Rock Festival 2014 in ihrer Schweizerischen Heimat aufgefallen. Bereits damals war das große Potential ihres unkonventionellen Prog-Rocks mit Violine deutlich erkennbar. 2018 bestätigte ein erneuter Auftritt beim Elements of Rock den ersten Eindruck. Was das innovative Quartett aus Thun in der Schweiz nach vier EPs jedoch mit ihrem Konzeptalbum "A Homemade World" abliefern, ist nicht weniger als ein gewaltiger Sprung nach vorne. Nicht nur zum Hören - die Rezension spricht für sich - sondern auch im Sinne der "Begleitung" der Band ist das erste Studioalbum eine große Freude.

Zur Feier des heutigen Release hat uns Sängerin und Violinistin Aleksandra Poraszka einige Fragen beantwortet. Dabei kam nicht nur das lyrische Thema des neuen Albums, sondern auch das künstlerische Gesamtkonzept (Artwork und Videoproduktion), Kulturförderung in der Schweiz und die Umsetzung der neuen Songs im Live-Setting zur Sprache.

Whiskey-Soda:  Euer Album beschäftigt sich ja sehr universell mit der Welt, ihr thematisiert Insektensterben, Konsum- und Wegwerfgesellschaft und einiges andere. Dazu der Titel „A Homemade World“.  Würdet ihr euch wie Grossmutters Konfitüre tatsächlich eure eigene Welt machen wollen? Wie würde die denn konkret aussehen?

Marhold: Auch wenn wir sehr gerne kochen, würden wir es uns niemals anmaßen die Welt einfach nach einem Rezept und nach eigenen Wünschen zusammenzustellen. Zudem wäre so ein Vorhaben aus unserer Sicht zum Scheitern verurteilt, denn ein Problem, welches man löst, führt oft zu neuen Problemen. Uns geht es eher darum, dass der Mensch nicht alles kontrollieren und beeinflussen muss. Daher würden wir uns wünschen, dass mehr Flächen einfach der Natur überlassen werden und der Mensch nicht jedes Fleckchen reguliert und kontrolliert. Denn die Natur braucht uns nicht, aber wir brauchen die Natur. Auch dass man sich mit weniger zufrieden geben kann. So tun es die Kartoffeln vom Nachbarsbauern genauso wie Süßkartoffeln aus Ägypten. Grossmutters Kofi braucht somit auch nicht unbedingt. Es können auch mal paar Früchte vom Strauch sein.

Whiskey-Soda: Auf eurer schicken, neuen Webseite findet man kleine Logos von der Stadt Thun und Swiss Lotto. Wie funktioniert denn Kulturförderung bei euch im Kanton Bern und hattet ihr Mühe, für ein „böses“ Metalalbum Fördergelder zu bekommen?

Marhold: Metal ist nicht gerade das Genre, welches in der Schweiz vorzugsweise Kulturförderung erhält. Da hat man mit klassischer Musik oder Pop mehr Chancen. Und man muss sich überlegen, ob es nicht auf das Gleiche herauskommt, wenn man anstatt die zeitaufwändigen Gesuche zu schreiben, einfach besser jobben geht. Aber es ist verständlich, dass man was dafür tun muss, da es sehr viele gute und interessante Musik- und Kulturprojekte in der Schweiz gibt. Die wollen auch was vom Kuchen der Kulturförderung abbekommen.. So haben wir einen kleinen Freudentanz veranstaltet, als wir den positiven Bescheid bekommen haben. Man muss dazu aber noch sagen, dass die erhaltene Unterstützung eher symbolischen Charakter hatte und wir das Album zu mindestens 95% aus eigenen Mitteln finanziert haben.

Whiskey-Soda: Das Cover-Artwok von „A Homemade World“ ist wirklich wundervoll, mit seinem futuristischen Touch erinnert es an Plakate für japanische Animationsfilme. Wolltet ihr das GENAU SO haben? Wer ist der Künstler?  Wie lief der Prozess der Gestaltung? Erzählt doch ein bisschen!

Marhold: Es ist erstaunlich, aber genau so wollten wir es haben. Wir kannten ja die Arbeit von Pierre-Alain D. von 3MMI Design, welche auch den Menschen und die Welt in den Fokus stellt. Daher war schnell klar, dass wir mit ihm zusammenarbeiten wollen. Wir schrieben ihm eine ziemlich lange E-Mail mit unseren Vorstellungen vom Artwork:“Das Frontcover soll futuristisch sein, aber nicht zu sehr, es soll nicht zu düster sein, aber ein wenig schon….“. Etwa so klang unsere E-Mail an ihn. Danach haben wir uns echt gefragt, wie er das umsetzten will, da wir viel Gegensätzliches wollten. Insgesamt stellten wir uns vor, dass das Albumcover auf den ersten Blick schön wirkt und einem ein gutes Gefühl vermittelt. Aber bei näherem Hinsehen soll man gewisse Zweifel bekommen, ob es wirklich so schön ist, wie es auf den ersten Blick wirkt. Es war unglaublich, aber nach paar Tagen  kam dann der Entwurf von Pierre-Alain und er sah einfach genau so aus, wie wir es uns vorgestellt haben! Als hätte er in unsere Köpfe reingeschaut. Nach ein paar Detailanpassungen war das Albumcover auch schnell fertig.

Whiskey-Soda: Ihr habt ja ein supertolles Musikvideo zu „Our Mind“ auf die Beine gestellt, das mit der Professionalität einer Fulltime-Band beeindruckt. Wenn ihr wollt, erzählt doch ein wenig von dem kreativen Prozess, eurem Team, was besondere Herausforderungen waren und so weiter.

Marhold: Das Projekt „Musikvideo“ verlief eher spontan und chaotisch, als strukturiert und geplant. Wir gingen mal mit dem Filmer Nicolas Minder und der Make-Up-Artistin Daria Meienhofer Kaffee trinken und besprachen ein paar Ideen für die Umsetzung. Die beiden hatten echt kreative und ausgefallene Vorschläge. So wollten sie uns zuerst allen eine Glatzen machen und diese in Stacheldraht einpacken. Schlußsendlich wurden es dann die weißen Tänzer, welche Gegenstände zerschlagen. Die nächsten drei Woche waren wir daran Sachen zu sammeln, welche uns im Alltag oft viel Zeit rauben (TV, Handy, Gamepad etc.). Diese malten wir alle weiß an und wurden später im Musikvideo von den Tänzern zertrümmert. Wir wollten möglichst kunstvoll darstellen, wie die Tänzer sich von materiellen Dingen magisch angezogen fühlen. Jedesmal, wenn Gegenstände zerstört werden, sollte der schwarze Tänzer als “Dämon des Materialismus” zusammenzucken.

Da es eine absolute Low-Budget-Produktion war, gestaltete sich der Videodreh extrem herausfordernd. Die Make-up Artistin kümmerte sich um Regie, Kleidung, Make-Up, die Tänzer halfen Blutflecken zu entfernen und die Sängerin und Bassistin pinselten die verwinkeldsten Stellen der Körper der Tänzer  mit weißer Farbe an. Die Farbe war für die Tänzer übrigens eine Zumutung. Diese blieb trotz kräftigem Schrubben noch Tage später im Gesicht und am Körper. Der Videodreh selber war ein 24-Stunden-Tag und es musste alles schnell gehen. Die letzte Szene brachte unseren Zeitplan total durcheinander. Das Kunstblut, welches überall an den Wänden und am Boden klebte, wollte einfach nicht mehr weggehen. Wir alle, die Crew und die Tänzer verbrachten die frühen Morgenstunden damit, alles wegzuschrubben. Da die letzte Szene deshalb nicht mehr gedreht werden konnte und wir kein Budget mehr hatten, wurde die Szene mit dem „Dämon“ im ehemaligen Kinderzimmer des Filmers zwischen Bett und Bürostuhl gedreht. Aber dank der talentierten Filmcrew und den hervorragenden Tänzerinnen und Tänzern kam alles gut.

Whiskey-Soda: Beachtliche 17.700 Aufrufe bei Youtube hat das Video in einem Monat gesammelt! Habt ihr damit gerechnet? Wie sind allgemein die bisherigen Feedback zum Video?

Marhold: Rockmusikvideos mit Tänzerinnen und Tänzern gibt es ja nicht zuhauf. Daher denken wir, dass dank unserer Werbung viele auf das Musikvideo aufmerksam geworden und dann auf unserem Kanal hängengeblieben sind. Das freut uns natürlich riesig. Wenn man plötzlich Nachrichten von Leuten aus Amerika, England oder Deutschland zu seiner Arbeit erhält, ist das schon motivierend.

Whiskey-Soda: Das Album rockt gewaltig und hat in unserer Rezension mit einer glatten Eins abgeschnitten!  Habt ihr bei der Produktion neue Dinge ausprobiert, die euch mehr technisches Know-How abverlangen? Und werdet ihr das neue Material Live ohne Herausforderungen umsetzen können oder müsst ihr eventuell sogar Abstriche machen?

Marhold: Wir wollten mit diesem Album, dass jeder Musiker sich voll entfalten und die Musik prägen kann. So kam unter anderem neu auch die Violine und das Piano ins Spiel. Weiter bestand die Schwierigkeit darin, dass man sich im Studio nicht dazu verleiten lässt, allzu verrückte Ideen aufzunehmen. Denn uns war es bereits während des Songwritings wichtig, dass die Musik auch mit unserer Besetzung so live umsetzbar beleibt. Die Songs klingen live immer ein wenig anders als auf den Aufnahmen und es wird für die Konzerthörer sicher auch spannend sein die Live-Interpretation des Albums zu hören. Schließlich ist ein Konzerterlebnis nie vergleichbar mit der Musik auf einem Album. Daher denken wir, dass wir da keine großen Abstriche machen müssen. Es wird einfach in manchen Teilen anders klingen.

Whiskey-Soda: Was möchtet ihr sonst noch über das Album sagen, das euch besonders wichtig ist?

Das Album ist die Essenz vieler Gedanken, musikalischer Einflüsse und Träume, welche wir in ein möglichst dynamisches Album gepackt haben. Im Zeitalter von Playlists klingt das vielleicht ein wenig altmodisch, aber wir finden, dass unser Album als Ganzes zu betrachten ist und man sich dafür auch Zeit nehmen sollte.

Marhold sind:

Aleksandra Poraszka – Gesang, Violine, Klavier

Marc-Alain Gertsch – Gitarren, Gesang

Philip Feller – Schlagzeug

Sarah Zaugg – Bass

Diskographie:

No Words (2008) – EP

Shoot Me Down (2009) – EP

Slide Away (2011) – EP

Forgotten (2014) – EP

A Homemade World (2020) – Studioalbum

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DanielF

Harte Schale, weicher Kern. Chefredakteur und -metalhead in Personalunion und im "Nebenberuf" Sozialarbeiter, geht Daniels Geschmack von chilligem Americana (Cracker) bis zu kauzigem Indie-Rock (Eels), von klassischem Thrash (Metallica, Megadeth) bis modernem Death Metal (Deserted Fear), von opulent-schrägem Prog-Rock (Opeth, Gojira, Pervy Perkin) bis zu heftigstem Brutal Death Metal (Defeated Sanity, Wormed), von Bluesrock (Gary Moore, Anthony Gomes) bis Classic Rock (Alice Cooper, Queen) - um nur einen Teil zu nennen. Zudem hat er seit den frühen Neunziger Jahren ein leidenschafliches Faible für christliche Rockmusik in genau dieser stilistischen Bandbreite. 

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