Katzenjammer – Konfetti und Luftballons im Rockland

Nicht nur in der Welt der Rockmusik gelten eigene Gesetze. So ist dieser Dezember viel zu warm, statt Schnee weht ein laues Lüftchen, die Band mit dem deutschen Namen stammt aus Norwegen und der Bremer Pier 2 wird heute in 'Rockland' umgetauft. Anne Marit, Solveig, Turid und Marianne haben ihr Erscheinen angekündigt. Besser bekannt sind die vier Damen unter dem Namen Katzenjammer. Zu jammern gibt es nach Ende des Konzertes aber rein gar nichts.

Die gute Nachricht für Kurzentschlossene ist heute, dass es noch Karten an der Abendkasse gibt. Aber viele Tickets können es nicht mehr sein, denn der Bremer Pier 2 ist schon eine knappe Stunde vor Konzertbeginn nach vorverlegtem Einlass gut gefüllt. Als pünktlich um 20 Uhr Sivert Høyem die Bühne betritt, ist die zum Konzertsaal umgebaute ehemalige Lagerhalle am Hafen mit über 2.700 Besuchern beinahe ausverkauft. Dicht an dicht stehen die Fans der vier Damen, deren Bandname nichts mit einer Ernüchterung oder einem Kater nach zuviel Alkoholkonsum zu tun hat, sondern im Sinne von „Katzenmusik“ zu verstehen ist. Vom Teenager bis zum Rentner ist im Publikum jedes Alter vertreten: Die mitreißende Mischung aus Folk, Rock, Pop, Country, Chanson und Jazz kennt kein Genre und kein fest definiertes Zielpublikum. Alle sind gekommen, um diese Katzen, die inzwischen ihr 10-jähriges Bandjubiläum feiern, in Bremen jammern zu hören.

Sivert_Hoyem.jpg „Im Gegensatz zu der wilden und energiegeladenen Musik, die noch folgen wird, bietet Sivert Høyem einen ruhigen Auftakt. Der Singer/Songwriter und ehemalige Frontmann der Rockband Madrugada sorgt nur mit einer Akustikgitarre eine halbe Stunde lang für wohlige Gänsehaut. Mit seiner packenden Stimme und eher ruhigen Folk-Songs überzeugt er das Publikum schnell. „Endlich habe ich es mal nach Bremen geschafft!“, erklärt der Norweger und präsentiert unter anderem mit ‚Black & Gold‘ den Titelsong der aktuellen Fernsehserie „Occupied“ sowie den Titel ‚Lioness‘ vom für Anfang 2016 angekündigten neuen Album. Die Grundstimmung seiner Songs ist eher düster und steht im krassen Gegensatz zu der fröhlichen Party, mit der Katzenjammer eine halbe Stunde später auf der Bühne und im ganzen Saal durchstarten. Der Künstler hat mit seinem heutigen Auftritt sicher ein paar neue Fans für sich gewinnen können. Dann aber ist es so weit: Bühne frei für Katzenjammer.

Katzenjammer_3.jpg „Das aktuelle Album und die Tour tragen den Namen ‚Rockland‘, doch heute wird nicht nur gerockt, sondern auch und vor allem gefolkt, gegroovt, gebluest und getanzt. Der Name ‚Rockland‘ bezieht sich auf eine vielfach wiederholte Zeile in Allen Ginsbergs Gedicht „Howl“ von 1956. Das Gedicht ist dem amerikanischen Schriftsteller Carl Solomon gewidmet, der einige Zeit in einer psychiatrischen Klinik zubrachte. Inspiriert durch das Gedicht ist der Song das Synonym für eine Seifenblase, in der sich Band und Publikum gemeinsam befinden. Und diese schillernde Seifenblase umschließt die Bremer Fans heute bereits nach den ersten Takten von ‚Rock-Paper-Scissors‘, mit denen die vier Damen das heutige Konzert eröffnen. Voller Energie powern die Norwegerinnen los und bieten etwas, das über weite Strecken mehr den Flair einer Zirkusshow als eines normalen Konzertes versprüht.

Katzenjammer_1.jpg „Das bunte Treiben auf der Bühne ist ansteckend: Gute Laune und fröhliche Gesichter überall sind vorprogrammiert. Der Saal tanzt, soweit das in der Enge der dicht gedrängten Zuschauer möglich ist. Immer wieder wechseln sich die vier Skandinavierinnen an den Instrumenten ab, reichen Gitarre, Mandoline, Ukulele oder auch die gewaltige Bass-Balalaika an die nächste Kollegin weiter, denn sie alle sind Multi-Instrumentalistinnen. „Birge“ ist der Spitzname der mit einem grinsenden Katzenkopf bemalten Bass-Balalaika, einem der Markenzeichen der Band. Und Birge hat Eier. Nicht nur aufgemalte, sondern auch im Sinne eines soliden Bass-Fundaments, der den Boden im Pier 2 mehrfach zum Beben bringt, als wäre gerade eine Metalband am Wirbeln. Druckvoller Sound, gut zu verstehende Texte – Kompliment an die Technik, die heute eine ähnlich beeindruckende Leistung zeigt wie die Band.

Katzenjammer_4.jpg „Zwei Stunden Konzert vergehen wie im Flug. Zwischendurch gibt es auch ruhige Momente, wie etwa als Marianne Sveen die Geschichte zum Song ‚Lady Grey‘ erzählt, den sie bereits vor 14 Jahren geschrieben hat, als sie sich im Altersheim um eine an Alzheimer erkrankte Dame kümmerte. Neben aller Spielfreude an den unzähligen zum Einsatz kommenden Instrumenten überzeugen Katzenjammer vor allen Dingen auch dann, wenn es mal ruhiger wird, wenn lediglich der vierstimmige A-Cappella-Gesang die Melodie trägt. Dann nämlich zeigt sich das ungeheure Potential der vier Stimmen, die Power, die in diesen Damen steckt. Ob nun bluesig angehauchter Rock, Chansons oder fröhlicher Balkan-Folk: Katzenjammer bieten heute einen gelungenen Querschnitt durch alle drei bisherigen Alben. Natürlich darf auch das energiegeladene Genesis-Cover ‚Land Of Confusion‘ nicht fehlen.

Katzenjammer_2.jpg „Spätestens beim ‚Demon Kitty Rag‘ wird es auf der Bühne immer wilder. Die Damen geben alles, ständig wechseln die Instrumente, und jede bekommt die Gelegenheit für eine kleine Solo-Einlage. Beim großen Hit ‚A Bar In Amsterdam‘ kommt auch endlich wieder die Trompete zum Einsatz, die auf dem letzten Album ein wenig vermisst wurde. Konfettikanonen blasen ihre Ladungen in hohem Bogen in die Menge, so dass es heute dann doch noch Schnee gibt. Und als auch noch übergroße weiße Luftballons in das Publikum geworfen werden, steht der Party im Rockland nichts mehr im Wege. „Wir haben nur das Konfetti und die Luftballons mitgebracht“, rufen die Damen den Bremern zu. „Die Party habt Ihr ganz alleine gestartet.“ Mag sein, aber Katzenjammer haben kräftig nachgeholfen. Und wenn auch die schillernde Seifenblase nach Konzertende wieder zerplatzt und die Fans aus der Halle zurück in den grauen Alltag strömen, bleibt doch die wohlige Erinnerung an eine rundum gelungene Folk-Party, wie sie mitreißender kaum hätte sein können.

Katzenjammer_6.jpg „Wer sich am Merch-Stand mit T-Shirts oder CDs einzudecken gedenkt, bekommt nach der Show noch die Möglichkeit zum kurzen Meet-And-Greet mit den Damen und kann sich Autogramme geben lassen. Dem Andrang nach passt der Umsatz. Zufriedene Gesicher auf beiden Seiten der Tische und damit, wie eingangs gesagt, absolut kein Grund zum Jammern.

Setlist Katzenjammer, 10.12.2015 Bremen, Pier 2:

Rock-Paper-Scissors
To The Sea
Der Kapitän
Flash In The Dark
Driving After You
My Own Tune
Rockland
My Dear
Lady Grey
God’s Great Duststorm
London Calling
When The Laughter Is Gone
Bad Girl
Mother Superior
Land of Confusion (Genesis Cover)
Old De Spain
Curvaceous Needs
Demon Kitty Rag
A Bar In Amsterdam
Hey Hoh (On The Devil’s Back)
___

Wading In Deeper
Blues

Mehr Fotos findet Ihr in unserer Facebook-Galerie zum Konzert
Bericht und Fotos: Michael Buch

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.