In This Moment-Sängerin Maria Brink – Von Sex und Spiegeln

Dies ist ein Experiment. Keine Rezension, kein Interview, kein Konzertbericht. Vielmehr das Resultat des Bedürfnisses, etwas richtig zu stellen, das ich selber lange Zeit falsch sah. Ein Kommentar. Der Versuch einer Analyse aufgrund eines Gefühls, das mich beim Hören des nicht mehr ganz so aktuellen und trotzdem noch neuen In This Moment-Videos überkam. Dieser Text ist mein kleines 'Heureka', der Ausruf bei einer Entdeckung, die ich gerne mit euch teilen möchte - weil ich weiß, dass einige von euch diese Entdeckung noch nicht gemacht haben.

In This Moment sind eine Band, die man irgendwie kennt. Auch wenn man viel lieber progressive Musik mag, total auf Folk und Pagan abfährt oder sogar zu den truesten Heavy-Metallern gehört: Den Namen Maria Brink wird man garantiert schon einmal gehört haben. Warum ist das so?

In This Moment ist Maria Brink. Das klingt komisch, ist aber so. Musikalisch waren In This Moment – Achtung, subjektiv! – nie etwas Besonderes. 08/15-Metalcore, wie ihn tausende nordamerikanische Bands spielen. Die eineinhalb Gründe, warum In This Moment so bekannt sind, sind erstens Marias Image, das Bild, wie sie sich in der Öffentlichkeit darstellt, und einhalbtens ihre Stimme.
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Klar, die Stimme ist etwas Besonderes. Screamende Frauen sind selten – Frauen mit derartig voller Stimme, die solch einen fließenden Übergang von Screaming zu Klargesang oder gar flüsterndem Rezitativ schaffen noch seltener. Ohne Frage. Aber der eigentliche Grund für den Erfolg dieser Band ist das Image, das ihre Sängerin verkörpert.

Wer ist Maria Brink? Ich weiß es nicht. Ich will es auch nicht wissen. Ich will nicht wissen, ob die private Maria Brink am Liebsten mit ihrem Papa Karten spielt und mit ihrer Mama Kuchen backt, ob sie lieber an Autos herumschraubt, vielleicht doch eher an Wochenenden in die Clubs rennt und Kerle für One-Night-Stands abschleppt oder sich im dunklen Keller von maskierten Menschen auspeitschen lässt. Ich finde es viel interessanter, wie sich die öffentliche, die In This Moment-Maria präsentiert und wie die Gesellschaft darauf antwortet.
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Der Auslöser für diese (auch Selbst-)Reflektion war, dass ich mir rein zufällig, Monate nach Veröffentlichung noch einmal das Video zum Lied ‚Whore‘ ansah. Auf den ersten Blick nicht das, was man für wertvolle Musik halten möchte. Automatisch wertet man die Frau ab, die sich dort aufreizend in einem Nachtklub räkelt, während ein mit Filzstift beschmierter, kegelförmiger Hut ‚Whore‘ verkündet. Unterbewusst wird der Mensch Maria zum Objekt männlicher Gelüste degradiert. Und zwar sowohl von Männern als auch von Frauen. Von heterosexuellen Frauen, die eigentlich gar kein sexuelles Interesse an ihr haben. Die Gesellschaft – oder zumindest ein Großteil der Gesellschaft – verurteilt die Musikerin sofort nach gegebenen Normen, ohne sich das Lied, welches das Musikvideo eigentlich nur ergänzt, wirklich angehört zu haben. Nur wegen ihrer Körpersprache und ihres Aussehens?

Lässt man sich auf den Text von ‚Whore‘ ein, fängt man bald zu zweifeln an. Nicht an Maria, sondern am vorschnell gefällten Urteil. ‚Whore‘ ist ein Spiegel, den sie der von Männern dominierten Welt vorhält. Der die Paradoxie gegebener gesellschaftlicher Normen aufzeigt.

‚I can be your whore / I am the dirt you created / I am the sinner / I am your whore‘ – Ich bin das, was du willst, das ich sein soll. Du willst eine Frau, die sich dir sexuell hingibt, jede deiner Fantasien erfüllt, ohne Wenn und Aber – ich mache es.

‚Let me tell you something, baby / You love me for everything you hate me for‘ – Doch triffst du tatsächlich eine Frau, die diese Rolle spielt, die sich in die gesellschaftliche Rolle als Sexobjekt einfügt, deren Lebensinhalt darin besteht, gut auszusehen und zu kopulieren, dann ist sie eine Schlampe. Du willst nichts mit ihr zu tun haben, du betrachtest sie von oben herab als Menschen zweiter Klasse: ‚You probably thought I wouldn’t get this far / You thought I’d end up in the back of a car / You probably thought that I’d never escape / I’d be a rat in a cage, I’d be enslaved in this place‘
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Das ist irgendwie paradox oder? Nahezu schizophren. Auf der einen Seite sind Männer bisweilen unzufrieden, wenn ihre Partnerinnen beim Geschlechtsverkehr vielleicht nicht alles mitmachen, was Mann will. Auf der anderen Seite werden Frauen, die den Gelüsten entsprechen wollen, degradiert – unabhängig davon, ob sie ihnen entsprechen wollen, weil es einfacher ist, sich in diese Rolle innerhalb einer männlich dominierten Gesellschaft einzufügen oder ob sie entsprechen wollen, weil es ihnen vielleicht Spaß macht, diese Rolle zu übernehmen.

So oberflächlich wirkend wie dieses Lied, so sexistisch kann feministische Gesellschafts-Kritik sein. Stell dir vor, sie ist dagegen und kaum einer kriegt es mit. Doch kriege ich es mit, erscheint mir auf einmal alles, was ich von dieser Band über die Jahre so mitbekommen habe, in einem ganz anderen Licht. Habe ich etwas aus diesem Lied gelernt? Die Moral wird jedenfalls in der letzten Strophe mundgerecht mitgeliefert:

‚That higher judgement that you placed on me is a reflection of the stuff I write / So maybe next time when you cast your stones / from the shadows and the dark unknown / you will crawl out of your hiding place / take a look in the mirror and see the truth on your face‘.


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