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For The First Time

Was macht das mit einer Band, deren Mitglieder gerade einmal Anfang 20 sind und die nach der Veröffentlichung von nur zwei Singles als „beste Band der Welt“ (The Quietus) deklariert wird? Nun, Black Country, New Road haben zunächst in Ruhe ihr Debütalbum „For The First Time“ (Ninja Tune) fertiggestellt. In einem Interview für The Guardian geben sie sich zudem gelassen, dass wohl 30 Prozent derer, die es sich anhören, es absolut hassen. Und das ist keine bloße Attitüde. Denn wer sich die Texte des Albums genauer ansieht, versteht, dass die Londoner ganz andere Probleme haben als die Sorge darüber, ob ihre Musik irgendjemandem gefällt.

Denn so handwerklich großartig „For The First Time“ eingespielt ist, so uneitel ist sein ganzes Konzept. Radiotauglichkeit? Eignung für Streamingdienste? Ohrwurmmelodien? Darum geht es hier nun wirklich nicht. Mit gerade einmal sechs Songs kommt das Album auf ganze 41 Minuten Spiellänge. Und der Hörer weiß im besten Falle am Ende nicht, wohin mit seiner inneren Aufruhr. Die Texte – brutal ehrlich, sarkastisch, ekstatisch – finden ihre Vervollkommnung in einer Mischung aus Free Jazz, Post- und Art-Rock. So ernst, so reif, so abgeklärt reihen sich Newcomer ein zwischen ihre Kollegen von Fat White Family, Black Midi, Fontaines D.C. oder The Murder Capital.

Ohne Zweifel: Auf den britischen und irischen Inseln legt man gerade großen Wert auf Aussage und Attitüde. Grimmig heißt es dazu bei Black Country, New Road:

References, references, references
What are you on tonight?
I love this city
Despite the burden of preferences
What a time to be alive

„For The First Time“ bedient sich nicht nur angstlos an einer reichen musikalischen Tradition und hält unzählige Verweise auf die Popkultur bereit. Auch soziologisch ist es unglaublich interessant. Das Septett präsentiert ein ungeschminktes Bild seiner Generation Z, die – sehr bezeichnend und nicht zu beneiden – am Ende einer Skala steht. Schlau sind sie, diese Leute, und kennen kaum Grenzen. Die Songtexte sind ganze Elaborate und enthalten Bekenntnisse, die ihre Eltern sehr wahrscheinlich, ganz sicher aber ihre Großeltern nicht hören wollen. Wenn Sänger Isaac Woods ein bedrohliches Zittern in seine Stimme legt und dazu entrückt mit den Augen rollt, hat das durchaus etwas Psychopathisches:

OK today I hide away
But tomorrow I take the reins
Still living with my mother
As I move from one micro influencer to another

Es brodelt tief drinnen bei Black Country, New Road. Ihre Wildheit, die auf den ersten Blick erfolgreich hinter einer gutbürgerlichen Fassade verborgen wird, bricht sich mehrere Male auf „For The First Time“ rauschhaft Bahn. Ganz exemplarisch dafür steht „Sunglasses“, das in der zensierten Albumversion von unverblümten Zeilen wie „Just fuck me like you mean it this time, Isaac“ befreit wurde.

Müssen wir uns also Sorgen machen? Wohl kaum. Jede Generation macht in ihren frühen Twens eine erste Katharsis durch. Und diese sieben Londoner sind alles andere als kopflos. Vielmehr sind sie bemerkenswert reflektiert und haben die Fähigkeit, verwirrende Gefühle in kreative, nicht destruktive Bahnen zu lenken. So etwas wie Black Country, New Road passiert der Pop-Welt ziemlich selten. Die euphorische Betitelung als „beste Band der Welt“ ist da zwar nachvollziehbar, kann aber eigentlich nur schaden. Hingegen ist wahr, dass die Anziehungskraft von „For The First Time“ von der ersten bis zur letzten Note funktioniert. Nur schwer kann man sich dem entziehen. Black Country, New Road strahlen sowohl auf Platte als auch bei Live-Auftritten eine irre Präsenz aus. Das macht sie zu den perfekten Gefährten (nicht nur) im Lockdown.

 

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