Cradle Of Filth – Aufstehen, weitermachen, überziehen

Am Tag nach den Schreckensmeldungen aus Paris, wo sich der Terror gegen ein Konzert der Eagles Of Death Metal richtete, nahmen sich Cradle Of Filth in Berlin der Aufgabe an, vor knapp 1.000 Konzertgästen eine künstlerische Konsequenz aus den Anschlägen zu ziehen. Und die lautete: Weitermachen. Jetzt erst recht, an diesem Abend aber vielleicht eine Spur zu standhaft.

Stell dir vor, dein Papa liest dir eine Gutenachtgeschichte vor … und hört und hört nicht auf. Er liest einfach immer weiter. Und weil er das tut und obwohl er es gut meint, kannst du nicht einschlafen. Nicht die Art deines Dads? Und alt genug bist du sowieso schon? Nun, für Cradle Of Filth ist man nie zu alt. Fast nie: Nachts um halb zwölf sieht das weiß Gott ein wenig anders aus.

Doch der Reihe nach. Wir schreiben den 14. November. 24 Stunden nach der Pariser Nacht des Schreckens gastieren die unerschrockenen Cradle Of Filth im für Bands ihres Schlages fast schon ein wenig zu brav hergerichteten C-Club. Auf dessen kompakter Bühne rückt das Sextett nahe zusammen – was die Botschaft des Abends klar hervorhebt: Livemusik hat aufzustehen und weiterzugehen! Alles Andere – da dürften sich alle Konzertbesucher des Datums einig sein – wäre das falsche Signal.
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Statt also nach Protokoll zu trauern, hat man sich – richtigerweise! – vorgenommen, dem Terror mit umso leidenschaftlicher dargebotener Bühnenkunst eine Absage zu erteilen. Konkret bedeutet das: Songpower statt Schweigeminute und gutturale Solidaritätsbekundungen aus dem ungefilterten Mouthpiece of Hell, verkörpert durch Bandleader Dani Filth, der einen Bockskopf am Stiel schwenkend auf die Bühne stürmt. Business at its uttermost usual. ‚Deflowering The Maidenhead, Displeasuring The Goddess‘ heißt das erste Stück, das die Extrem-Metaller heute Abend den Opfern des Anschlags der letzten Nacht weihen. Es geht um nicht weniger als den vernichtenden Gegenschlag von Mutter Erde und ein neues, menschenloses Erdzeitalter als neue Chance. Eine fast schon reizvolle Perspektive angesichts dessen, was in diesen Tagen, Monaten, Jahren auf dem Globus vor sich geht.
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Cradle Of Filth – Kontaktlinsen, Skelette, Widderköpfe und Corpse-Paint inbegriffen – funktionieren live ausgezeichnet – für ungefähr 45 Minuten. Robert Shaw und ‚Ashok‘ Smerda scheinen eine wahre Choreographie erarbeitet zu haben und würden in jeder Geisterbahn gute Dienste leisten; Dani Filth in ihrer Mitte ist hauptsächlich klein, schreit wie am Spieß (oder faucht wie eine Echse) und hüpft wie ein Duracell-Häschen. Und für die Fotografen trägt er sogar für ein paar Minuten Hörnchen. Rumpelstilzchen from Hell.

Ist der Budenzauber einmal runtergebrannt und hat man die Engländer optisch abgegrast, verschwimmen die übertakteten Metal-Litaneien zu einem Tonus und das Auge hat mehr zu fressen als das Ohr.

‚One more song! One more song!‘

, skandieren die Filthlings, als ihre Band die kleine Bühne geräumt hat und das Hexenskelett allein am Kruzifix zurücklässt. One? Ha! Wenn die nur wüssten …
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Nach alter CoF-Manier war die Band durchs Set gebrettert. Routiniertes Runterspulen ist die Devise; stören tut das kaum jemanden, geschweige denn, dass die liebevoll erlesenen Devotionalien davon ablenken würden. Außerdem sind ja auch genügend Rockstar-Gesten eingestreut. Während der Torso des Sets – trotz dem altgedienten ‚Humana Inspired To Nightmare‘-Intro – die jüngeren Diskographiabschnitte beackert und zur Hälfte mit Stücken vom aktuellen Album ‚Hammer Of The Witches‘ angefüllt ist, packen Cradle Of Filth im nun folgenden Abschnitt zwei, der in seiner Länge kaum mehr ernsthaft als Zugabe durchgeht, die Oldies aus. Allen voran ‚Nymphetamine‘, der wohl mundgerechteste Song der Band, versetzt das Publikum in helle Begeisterung. Da ist es dann auch nicht weiter schlimm, dass Keyboarderin Lindsay Schoolcraft an der zweiten Stimme schwer zu tragen hat.
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Dennoch: Die „Zugabe“ erweist sich als Kraftakt. Sieht man schon an den immer menschlicher erscheinenden Gesichtern der Musizierenden. Die Schminke der untoten Henker schwitzt sich ab, wie sich das beim Verrichten ehrlicher Arbeit so gehört. Dani Filth verfeuert derweil die zehnte Ansage in Folge das letzte Wort eines Songtitels in einem spitzen Schrei. Das kommt dann irgendwann ähnlich schaudrig wie die Erkenntnis über den Verbleib von Rotkäppchens Großmutter. Als schließlich wirklich Schluss ist, senken sich die müden Metal-Arme. Es ist überstanden – auch wenn längst nicht alle im Saale das so ausgedrückt hätten. Cradle Of Filth hingegen haben noch fast die ganze Welt zu betouren. Aber wie das geht und was sie sonst noch alles machen müssen, wissen sie ja. Womöglich ein bisschen zu gut.

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