Big Big Train – Der bekannteste Geheimtipp des Prog

Big Big Train sind beileibe keine neue Band mehr. Dennoch hat die Prog-Big-Band aus dem UK nach mehr als fünfundzwanzig Jahren im Underground in den letzten Jahren kommerziell gesehen einen enormen Schritt nach vorne gemacht. In den letzten anderthalb Jahren hat die Band drei (!) Studioalben veröffentlicht, dazu ein Livealbum - und der Fleiß in Kombination mit der hohen qualitativen Meßlatte der Band zahlt sich mittlerweile aus. In ihrer Heimat Großbritannien kletterte das vorletzte Album "Grimspound" beispielsweise bis auf Platz 45 der Albumcharts, die drei Gigs in der Londoner Cadogan Hall im Oktober dieses Jahres waren allesamt ausverkauft. Nur in Deutschland sind Big Big Train nach wie vor eher ein Geheimtipp - was sich aber spätestens mit ihrem Headlinergig auf der Night Of The Prog 2018 ändern dürfte. Whiskey-Soda-Redakteur SaschaG besuchte Bassist (genauer: Multiinstrumentalist), Songwriter und Gründungsmitglied Gregory Spawton in seiner Heimatstadt Bournemouth, um Euch die Vergangenheit und die nähere Zukunft von Big Big Train näher zu bringen. Der studierte Archäologe Gregory erwies sich dabei als sehr freundlicher, bodenständiger und hochinteressanter Gesprächspartner, der sich viel Zeit nahm, über alles Mögliche und seine Band in Speziellen zu reden.

Zu Beginn der Karriere wurde das Debütalbum „Goodbye To The Age Of Steam“ (1994) in der Fachpresse durchaus positiv aufgenommen und machte einige Wellen. Viele dürften aber danach die Band wieder aus den Augen verloren haben…

bigtrain.jpg

„Nun, wir haben 1990 angefangen und wurden relativ schnell von einem Label, Giant Electric Pea, gesignt – wahrscheinlich, noch bevor wir dafür bereit waren, wenn ich zurückschaue – und wir machten ein paar Alben. Die liefen okay, wir hatten einen professionellen Vertrieb – doch 1994 war es wirklich schwer, in Sachen Progressive Rock irgendetwas zu bewegen. Wir stellten also fest, daß wir kaum Gigs bekamen, und obwohl wir uns abmühten, fiel die ganze Sache offen gesagt ziemlich auseinander. Wir, also Andy Poole, mit dem ich die Band gegründet hatte, und ich fanden uns also wieder da, wo wir angefangen hatten: zwei Kerle in einem Heimstudio. Ich denke, weil wir vor allem höchst dickköpfig waren, machten wir einfach weiter. Wir brachten einen neuen Sänger ein, machten ein paar weitere Alben in 2004 und 2007, und ganz langsam begannen die Verkäufe anzuziehen, und wir verkauften tatsächlich sogar mehr als in den G.E.P.-Tagen. Aber wir kamen einfach nicht wirklich weiter. Dann trafen wir auf David Longdon, der ja heute unser Sänger ist. Dabei handelte es sich um eine G.E.P.-Connection: Martin Orford (Anm: IQ) machte ein Soloalbum, und war von einem Typen namens David angerufen worden. Der machte sich gerade zurück ins Musikbusiness, nachdem er Zeit mit Genesis verbracht hatte, aber nicht für das „Calling All Stations“-Album ausgewählt worden war. Er hatte also danach das Musikbusiness verlassen und wollte nun wieder einsteigen, also sagte er Martin, daß er gerne auf seinem Album singen würde. Und Martin sagte, klar, komm vorbei, wir probieren mal ein paar Sachen. Also tauchte David dort auf – und war brilliant! Und Rob (Anm: Aubrey, Produzent und Mixer von u.a. Big Big Train, Spock’s Beard, Jadis und IQ) rief mich noch am selben Abend an an und sagte: „Ihr braucht diesen Typ in Eurer Band – er spielt ein Dutzend Instrumente, ist ein großartiger Sänger, Songwriter und Arrangeur!“ Also nahmen wir mit ihm das Album „The Underfall Yard“ auf – und das war das Album, mit dem es wirklich begann, für uns aufwärtszugehen. Wir verkauften ca. 25000 oder 30000 Alben davon, es ist also immer noch eins unserer bestverkauften Alben. Ja, und wir haben von da ab einfach weitergearbeitet. Dann kam Nick D am Schlagzeug (Anm: D’Virgilio, ex-Spock’s Beard), Dave Gregory (Anm: ex-XTC) an der Gitarre, Rikard (Anm: Sjöblom, ex-Beardfish) dann noch vor kurzem – und eine wichtige Entscheidung in den letzten Jahren war eben auch, wieder live zu spielen, zurückzugehen zu einer richtigen Band und alles so zu machen, wie das eben eine richtige Band tut.“

Nick ist Amerikaner, Rikard Schwede – das macht das „Band sein“ mit Sicherheit nicht einfach.

„It’s a pain in the arse, to be honest. Früher war eine Band einfach eine Horde junger Typen, die aus der selben Gegend kamen. So war es zum Beispiel bei Beardfish! Bei uns ist das ein wenig anders, wir sind alle schon im mittleren Alter. Selbst die, die in England leben – David lebt zweihundert Meilen weg von mir, und wir sehen uns morgen. Ihn sehe ich am Regelmäßigsten, so ziemlich jeden Monat, den Rest der Jungs drei-, viermal im Jahr. Also haben wir einen Weg gefunden, wie wir sehr effizient arbeiten können – wenn wir uns sehen, nehmen wir eine ganze Menge Sachen auf, wir proben sehr konzentriert für Gigs, so daß wir das Maximale aus unserer Zeit miteinander herausholen können. Ist aber trotzdem ziemlich schwierig.“

Dafür hat sich Big Big Train aber über die Jahre hinweg auch zu einer Art All-Star-Band entwickelt.

„Ja, das waren alles glückliche Zufälle. Nick kam wieder über Rob Aubrey zu uns, genau wie Rikard. Rob war da sehr wichtig für uns. Wir hatten einen echt guten Drummer, Steve Hughes, aber Nick ist einfach – alleroberstes Level. Nervtötend talentiert (lacht), ja, aber auch ein liebenswerter Kerl, ein wunderbarer Mensch. Und als er an Bord kam, stieg das ganze spielerische Level an. Und Dave Gregory war tatsächlich ein Freund von David, unserem Sänger. Und wir waren alle riesige XTC-Fans, Dave Gregory zu bekommen war irgendwie… whoah. Und Rikard – wir brauchten für die Liveshows eine richtig guten Keyboarder und einen richtig guten Gitarristen, und Rob sagte uns, daß er da jemanden kennt… auch er ist noch dazu ein super Typ, ein großartiger Sänger und Songschreiber. Das Schöne daran ist, daß wir alle problemlos miteinander klarkommen. Wir sind alt genug, keine Zeit an Drogen oder Egos zu verschwenden – wir wollen einfach nur Musik machen und Spaß haben. Natürlich, gelegentlich machen wir auch eine Flasche Rotwein auf und philosophieren über Gott und die Welt. Es ist einfach eine wunderbare Sache, die hoffentlich noch sehr lange weitergeht!“

Nun, vor ein paar Jahren habt Ihr ja auch einen Newcomer-Award des „Prog“-Magazins bekommen – etwas bizarr nach über zwanzig Jahren, oder?

„Oh ja, aber das war aber tatsächlich so ein wenig ein Wendepunkt für uns! Es war aber auch nicht exakt ein Newcomer-Award, sondern ein Breakthrough-Award, für Bands, die kurz vorm Durchbruch stehen. Und das ist ein weiterer Grund, warum unsere Verkäufe besser wurden: das „Prog“-Magazin hat, zumindest in England, dem Genre eine gewisses Profil verschafft, das es bislang nicht hatte. Wir waren bislang auf drei ihrer Awardzeremonien gewonnen, und „Prog“ schafft es eben, in der BBC Erwähnung zu finden, die ganzen Radiosender an Bord zu bringen und erreicht damit auch viele Leute, die früher Pink Floyd oder Genesis mochten, aber überhaupt nicht wissen, daß das Genre immer noch Neues hervorbringt. Durch diese weite Streuung vergrößert sich der Fankreis dann natürlich auch.“

Im Gegensatz zu vielen anderen Progbands gibt es von Big Big Train keine großen und überteuerten Boxsets, wenn ein neues Album erscheint. Zwar ist anhand der Artworks, der immer abgedruckten Lyrics und Sleevenotes sowie der schön designten Digipacks klar zu sehen, daß hier alles bis ins Detail durchdacht wurde, aber den „Deluxe“-Trend machen Big Big Train bislang nicht mit.

„Wir haben ein Album, „English Electric: Full Power“ in einer etwas aufwändigeren Version in einer stabilen Box veröffentlicht, aber noch kein wirklich elaborates Teil. Ich bin da auch (zögert)… besorgt, die Fans nicht zu verarschen. Ich prangere damit jetzt keine anderen Bands an, aber… ich meine, Geld mit Musik zu verdienen ist wirklich schwer. Also machen viele Bands, was sie können, um ihre Rechnungen zu bezahlen. Geld kassieren für Meet-and-Greets – so etwas machen wir nicht. Oder große, teure Wiederveröffentlichungen – ich bin natürlich ein Fan von King Crimson, und ich habe mir ein paar dieser Reissue-Boxsets zugelegt. Aber die kosten dann knapp 100 Pfund – und es ist eben nur so-und-soviel Geld im Umlauf. Diese Teile saugen also eine Menge Geld aus dem Markt. Natürlich, es besteht ja Nachfrage. Aber was mich besorgt: die Welle der ersten Bands bedient mit diesen Reissues den Sammlermarkt, und das treibt die Sache weg von den neuen Bands, die immer noch sehr gute Musik veröffentlichen, aber keine Beachtung mehr finden. Aber, so ist das Leben! Ich brummle hier gerade ein wenig herum, aber wahrscheinlich würde ich’s nicht viel anders machen, wenn ich an deren Stelle wäre. Ich meine, wir konkurrieren alle mit Spotify. Spotify ist großartig, jeder nutzt es, aber es entwertet Musik auch ein wenig. Und wenn wir jetzt mit CDs für fünfzehn oder zwanzig Pfund ankämen – ich denke, das wäre zuviel Geld. Wir versuchen, die Sachen bezahlbar zu halten, weil das für uns einfach fair und das Richtige ist. Was aber nicht heißen soll, daß wir kategorisch nie ein riesiges Boxset machen werden…“

Vor kurzem wurden ja in der Tat mit „The Difference Machine“ und „Far Skies Deep Time“ zwei ältere Alben wiederveröffentlicht, wohingegen die ganz alten Alben nur als Download erhältlich sind. Sind weitere Reissues geplant?

„Nein. Wir haben die ganz alten Sachen ein wenig zum Schlafen gelegt und keine Pläne, sie wiederzuveröffentlichen. Sie sind immer noch als Download erhältlich über Bandcamp für vier Pfund pro Album. Wir sagen ja nicht, hört Euch unsere Musik bloß nicht an, aber… würden wir plötzlich ultraberühmt werden, sagen wir, unsere Weihnachtssingle wird Nummer Eins am Weihnachtstag – wird nie im Leben pasieren, aber sagen wir mal, es wäre so und tausende Menschen schrieen nach unserem Backkatalog – dann würden wir wohl all diese Alben wiederveröffentlichen. Eventuell sogar „Bard“ – (lacht) nein, ich denke, dort sollten wir die Linie ziehen

(Anm: das 2002 veröffentlichte Album ist bandintern notorisch verhasst und als Einziges der alten BBT-Alben seit der Erstauflage nicht wieder aufgelegt worden)

. Im Moment gibt es einfach nicht genug Kaufinteresse, das lohnt sich nicht.“

Dafür gibt es auf Bandcamp ja den kompletten Backkatalog für zusammen nicht einmal 50€ als Download zu erstehen.

„Wir versuchen, die Band wachsen zu lassen. Wenn die Leute damit anfangen, unsere Musik zu hören, tendieren sie meist dazu, zum Komplettisten zu werden. Wenn Pink Floyd ein Boxset für 500£ veröffentlichen und es niemand kaufen würde – das kratzt sie nicht. Aber um die Menschen an Bord zu bringen, muss das Ganze einfach bezahlbar bleiben. In nächster Zeit müssen wir durch Brexit durch, und in England ist das Geld schon jetzt ziemlich knapp.“

Auch Big Big Train sind eine international besetzte Band – wie wird sich der Brexit wohl auf die Bandaktivitäten auswirken, speziell, wo die Band 2018 erstmals außerhalb des UK live spielen wird?

„Kurzfristig wird das kaum eine Bedeutung haben, aber wenn längerfristig die Grenzen wirklich wieder komplett abgeschottet werden, wäre das wirklich besorgnisserregend. Nick, unser Drummer, ist Amerikaner und würde natürlich auch gerne in den USA spielen. Aber die Kosten für Visa etcetera sind einfach unfassbar, mit 1000£ pro Visa für eine große Band… Wir bringen auch dreizehn Musiker mit auf die Loreley, das war Teil des Deals, daß wir nicht als etwas Abgespecktes kommen, sondern komplett und uns so präsentieren, wie wir sind. Das ist natürlich geschäftlich ein intensives Unternehmen, aber das ist es eben, was wir tun, unsere Identität. Viele der Gänsehautmomente sind eben die, bei denen die Bläser eingesetzt werden. Die gehören mittlerweile einfach dazu. Wir haben zwar nie bewusst gesagt, oh, wir müssen etwas für die Bläser schreiben, das entscheidet sich immer beim Arrangieren, ob wir sie einsetzen. Aber das Feedback von Fans hat uns eben auch gezeigt, daß das ein wichtiger Teil unserer Musik ist. Wir benutzen auch viele Filmeinspieler, und das gibt dem Ganzen dann eine gewisse cinematische Note. Manchmal vielleicht auch zu cineastisch – wir hatten nämlich auch schon Feedback, bei dem die Fans nicht wussten, sollten sie jetzt den Film betrachten oder die Band? Wir werden deshalb auf der Loreley vielleicht weniger Filme einsetzen, um die Leute nicht zu sehr von der Musik abzulenken. Andererseits spielen wir um 22 Uhr, da wird’s schön dunkel sein, und da wäre ein wenig Spektakel natürlich schon schön.“

Ein weiteres Projekt, über das ich zumindest mit Google nicht viel herausgefunden habe, sind die „Station Masters“ – kannst Du uns kurz erklären, um was es dabei geht und ob die Sache noch aktuell ist?

„Ja, ist es schon noch… es ist ein wenig zu einem running gag innerhalb der Band geworden. Vor vier, fünf Jahren dachten wir uns, es wäre cool, ein paar unserer alten Sachen mit dem aktuellen Lineup noch einmal neu aufzunehmen. Wir hatten bereits einen guten Teil der Drums aufgenommen – sogar ein paar Sachen von „Bard“ (lacht). Das Problem ist, daß wir soviele Songwriter in der Band haben, Rikard hat begonnen, Sachen für uns zu schreiben, Nick ebenfalls – da fühlt es sich immer ein wenig rückschrittlich an, Altes wieder aufzuwärmen. Und immer, wenn wir ein Projekt beendet haben und uns überlegen, was als nächstes kommen soll, heißt es meistens „lass uns neue Songs machen!“. Es scheint nie die richtige Zeit zum Zurückblicken zu sein, weshalb es kontinuierlich nach hinten verschoben wird. Und wir müssen wohl irgendwann einmal zugeben, das wir nicht wissen, wann die Sache herauskommen wird – ich meine, die Leute wollen es hören, und es würde uns mit Sicherheit auch ein wenig Geld in die Kassen spülen.“

Das könnte ja Euer großes Boxset werden!

„Ja, genau (lacht)! Der Plan ist auch definitiv, drei Ausgaben davon zu machen. Ich schätze mal, was wir wohl machen werden, ist es in kleinen Happen fertigzustellen. Für die letzten Gigs haben wir zum Beispiel ‚Summer’s Lease‘ entstaubt und die neue Version im April in den Real World Studios aufgenommen und gefilmt. Das wird wohl als B-Seite oder Bonustrack verwendet werden, und vielleicht nehmen wir mehrere Sachen davon als B-Seiten auf und fassen sie dann zusammen. Wir haben auch ein neues Ende für ‚East Coast Racer‘ geschrieben, das so viel besser ist als die Albumversion, und wir haben die Drums und die Bläser für diese neue Version bereits aufgenommen, und im März gehen wir in die Abbey Road Studios, um Streicher und den Rest aufzunehmen. Das könnte also eine Weise sein, daran zu arbeiten, ohne für sechs Monate alles neue Material aufzuschieben.“

Ihr wart in den letzten beiden Jahren ehedem sehr aktiv…

„Ja, eine sehr kreative Zeit für uns. Deshalb wollen wir jetzt bewusst auch mal ein Jahr verstreichen lassen zwischen den Alben. Sag‘ ich zumindest – aber natürlich kommt schon bald unsere Weihnachtssingle heraus!“

Ist ja aber auch ein netter Teaser für die Fans, oder?

„Eigentlich nicht, denn die beiden Songs wurde spezifisch für die Single geschrieben, unabhängig vom Albummaterial. Wir mögen Weihnachten einfach, und es ist auch einfach ein Song, von dem wir hoffen, daß er uns auch ins Radio bringt und einen neuen Hörerkreis erschließt. David hat die A-Seite geschrieben, ich die B-Seite, und David hat sich vorgenommen, den besten Weihnachtssong überhaupt zu schreiben. Er hat sich eine Menge Weihnachtsmusik angehört und ewig daran herumgebastelt, bis er seiner Meinung nach perfekt war. Er war auch sehr besorgt, den Song in knapp vier Minuten über die Ziellinie zu bringen… Mein Song ist eher die trübselige B-Seite (lacht) und recht typisch für Big Big Train.“


BBT haben allerdings schon immer auch kurze, prägnante Songs geschrieben.

„Ich denke, einer der Fehler, den moderne Progressive-Rock-Bands machen, ist zu vergessen, daß die großen Bands der Siebziger auch immer kurze Songs hatten. Selbst King Crimson hatten Einiges an kurzen und eingängigen Songs. Genesis, Yes, wen immer Du nimmst, all diese Bands waren vor allem großartige Songwriter. Sie haben nicht unbedingt diese großen Epen um jeden Preis geschrieben und ausgedehnt, sondern einfach die Songs so geschrieben, wie sie ihnen einfielen. Und ich denke manche Bands – und vor allem viele Fans! – vergessen das oft. Einige der Hardcore-Progger hören dann einen Song wie ‚Make Some Noise‘, der wohl ein wenig näher an Bands wie Queen dran ist als an irgendwas Progressivem – aber immer noch ein guter Song! – und das spaltet dann die Fangemeinde. Aber das ist ja auch nichts Neues. Einer der Songs, der in unseren Liveshows mit am Besten ankam, ist ein Stück namens ‚Swan Hunter‘ – unter sechs Minuten, sehr eingängig, mitsingbar. Eine der schönen Sachen am Progressive Rock ist, daß er Dir die Freiheit gibt, dich überall zu bedienen, Licht und Schatten, wie es passt.“

Über die letzten Jahre war im Prog auch generell eine Tendenz zu viel Schatten zu beobachten, alles wurde immer düsterer und auch zynischer – und jede Menge Songs über Serienmörder! Auch ein Trend, dem BBT sich bislang verschlossen haben.

„David liebt zum Beispiel das neue Steven Wilson-Album, und es ist in der Tat etwas leichter in seiner Stimmung. Dieses Serienmörder-Ding ist ziemlich karg, und uns treibt nichts in diese Richtung. Viele Leute sagen, sie mögen nur dieses Dunkle, aber es gibt soviele Schattierungen und Spielraum – einer meiner liebsten Songs ist ‚Starless‘ (King Crimson), und die ersten vier Minuten sind diese wunderbare, melodische Ballade von John wetton, der übrigens nur ein paar Meilen von hier gewohnt hat. Hättest Du nur die letzten sechs Minuten, wäre das ein durchaus auch okay, ein interessantes, brutales Instrumentalding, aber so hast Du dieses Yin/Yang-Ding mit Licht und Schatten, und das macht Progressive Rock einfach zu einem so wunderbaren Format. Ich finde es schade daß einige Bands das vergessen haben – wir versuchen, das nicht zu vergessen (lacht).“

Ich sehe BBT auch eher in dieser „Storyteller“-Tradition, bei der die Geschichte des Songs diktiert, wie lange er gehen wird, wie beispielsweise auch bei Genesis und Sachen wie ‚The Musical Box‘. Würdest Du da zu stimmen?

„Ja, definitiv. Ein Song wie ‚London Plane‘ erzählt die Geschichte von London über die letzten 400 Jahre, das Thema innerhalb von vier Minuten abzuhandeln, wäre ziemlich schwierig! Und so entwickelt sich beispielsweise diese chaotische Mittelstelle eben aus den Kriegsjahren. Für mich braucht Musik einfach diesen Gänsehautfaktor. Du kannst superclevere, komplexe Musik schreiben, die aber trotzdem nichts bewegt. Für mich muß das Ganze einfach emotional wirken. Wenn du das in vier Minuten schaffst, perfekt, wenn es vierzehn Minuten dauert, auch gut! Wir wollen uns da nicht irgendwelchen Sachen verschließen.“

Ich bilde mir ein, bei Big Big Train auch immer wieder Elemente von Soul Music der Sechziger herauszuhören, gerade in Davids Gesang.

„Ja, definitiv. Wann immer Dave Gregory und Rikard jammen, haben sie dieses Fünfziger-Sechziger-Jahre-Ding, das dann herauskommt. Und David ist ursprünglich tatsächlich eher ein Soul-Sänger. Ich denke, das setzt BBT auch von anderen Progbands ab, dieses Element, das David dann auch perfekt umsetzen kann. Bei den Liveshows, und ich komme nun wieder zu ‚Swan Hunter‘ zurück, gab es solch einen Moment – es gibt da diese eine Zeile, die ziemlich hoch ist, und David sang sie so voller Schönheit, daß das Publikum spontan in Szenenapplaus ausbrach. Ich meine, ich habe das schon bei Gitarrensoli erlebt, aber noch nie bei einer gesungenen Zeile, in der Mitte eines Songs! Sänger wie Jon Anderson, John Wetton oder Peter Gabriel hatten auch diesen Soul in ihrer Stimme. Ich meine, John Wetton – die Reichhaltigkeit seiner Stimme, das unglaubliche Basspiel und seine großartigen Songs! John hatte seine Dämonen, wie man weiß, hatte er eine Weile mit Alkoholismus zu kämpfen. Was das Wunderbare war, er war in der Lage, damit umzugehen und als wunderbarer, in sich gefestigter Mensch herauszukommen. Wir haben seine Witwe in den letzten Jahren recht gut kennengelernt, noch eine wunderbare Person. John war ein großer Held von uns, und wir haben ihm auf „Grimspound“ den Song ‚Meadowland‘ gewidmet, der uns immer an ihn erinnert.“

Gerade Dorset und speziell Bournemouth brachte ja viele Progressive-Rock-Musiker und Bands hervor, neben John zum Beispiel noch Robert Fripp und Greg Lake. Was, denkst Du, ist der Grund, daß Prog in dieser Region so gut gedeiht?

„Ich weiß nicht! Ja, Robert Fripp lebte gerade hier die Straße entlang, Greg Lake lebte auch lange hier… John hat einmal die Theorie aufgestellt, es komme von der Kirchenmusik, und da könnte etwas dran sein. John war Kirchenorganist, und ich habe im Kirchenchor gesungen – auch wenn man das nicht glauben mag, wenn man mich heute singen hört! Einige der ersten Prog-Sachen, in die ich mich verliebte, hörte ich, während ich ein Chorjunge war und erinnerten mich an die Kirchenchor-Arrangements. Die Musik aus den Siebzigern sitzt tief in unserer musikalischen DNA, und ich denke, da war ein großer Einfluss dieser Musik. Geoff Downes (Anm: Asia) macht das auch immer, diese großen, mitreißenden Akkorde. Ein Song wie ‚Jerusalem‘ (Anm: gecovert u.a. von Emerson, Lake & Palmer) gehört in England zu den populärsten Songs. Im Endeffekt ist Prog ja eine Kombination aus Kirchenmusik, Pop, ein wenig Jazz, Klassik, Folk… man darf es nur nicht zu einer Blaupause verkommen lassen, so nach dem Motto „Du mußt einen Part in 7/8 oder 9/8 haben“ – damit verlierst Du diese Freiheit. Prog ist ein großer Spielplatz, und wenn Du nur das wiederholst, was Andere schon vorgelegt haben, wird es einfach nur langweilig. Wenn das Prog-Label dich zwingt, jeden Song auf zwanzig Minuten auszudehnen, ist es eine negative Sache, wo es Dir eigentlich kreative Flügel verleihen sollte. Ich habe letztens eine Studie gesehen, nach der moderner Top-40-Pop immer anspruchsloser und formelhafter wird. Und das ist schade, den großartige Popmusik hat sich immer außerhalb dieser Formeln bewegt. XTC oder Prefab Sprout haben wunderbare, seelenvolle und originelle Popsongs geschrieben, die nie platt oder in ihren Grenzen gefangen waren.“

Ein beliebtes Spiel derzeit ist ja die Diskussion „ist dieser oder jener Progressive-Rock-Künstler wirklich progressiv?“. Als interessante Variation davon habe ich kürzlich eine Diskussion auf facebook verfolgt, die in etwa lautete „Big Big Train sind Progressive-Band, keine Frage, aber sind sie auch Rock?

„(lacht) Ja, das habe ich auch gelesen… Klar, Big Big Train sind eher am ruhigeren Ende des Prog-Spektrums angesiedelt, aber zumindest live können wir uns auch ein wenig mehr lockern und ein wenig mehr Lärm machen. Der Plan ist deshalb auch, nächstes Jahr die Loreley zu spielen, in 2019 dann eine ausgedehnte UK-Tour zu spielen und hoffentlich 2020 eine komplette Europatour, vielleicht auch ein paar Shows in den USA. Es kostet uns eine Menge Geld, und da wir bislang keinen Promoter beschäftigt haben, ist es auch immer eine Menge Arbeit, aber wir wollen das eben auch machen. Wenn Du als Musiker heute davon leben willst, mußt Du eben möglichst viel Arbeit selbst erledigen. Wir haben jetzt zum ersten Mal seit langem einen Vertriebsdeal für unsere Alben unterschrieben, immer noch auf unserem eigenen Label. Es gibt mmer noch diese alten Strukturen im Musikbusiness, aber, wie wir lernten, sind die unflexibel, können die gar nicht so schnell reagieren, wie wir das selbst können. Es ist eine enorme Erfahrung und wir müssen viel lernen.“

Für eine selbstorganisierte Band ohne großen Plattendeal seid ihr aber im UK zumindest ziemlich weit gekommen.

„Ja, das stimmt schon. Allerdings: ich bin gestern aus dm Urlaub gekommen und wollte eigentlich mit dem Songwriting weitermachen, aber stattdessen habe ich den ganzen Tag damit verbracht, Emails zu beantworten! Es befreit Dich natürlich, wenn Du die komplette Kontrolle über alles hast, aber es verschlingt auch jede Menge Zeit. Dafür konnten wir uns beispielsweise spontan entscheiden , die Weihnachtssingle aufzunehmen und zu veröffentlichen, wohingegen ich andere Bands auf unserem Level kenne, die sechs Monate warten müssen, bis das Label ihr fertiges Album herausbringt. Ich will damit nicht sagen, daß wir nie mehr einen Plattenvertrag unterschreiben würden. Steven Wilson hat das kürzlich getan, und er hat es als ganz bewußten Karriereschritt getan. Würde also die Single sich nun richtig gut anlassen und wir bekämen Angebote, würden wir uns die natürlich auch ansehen. Aber derzeit machen wir das eben alles selbst, und das funktioniert ganz gut – ich hoffe, das tut es noch eine ganze Weile!“

Soweit einmal Gregory Spawton von Big Big Train. Das Gespräch streifte übrigens neben den hier zu lesenden Punkten auch noch Themen wie Politik, Geschichte, Punkrock (!), deutsche Weihnachtsmärkte, die Sehenswürdigkeiten von Dorset und die Entwicklung von Bournemouth selbst in den letzten Jahren. Jedem Progfan, der die Band bislang noch nicht auf seinem Einkaufszettel hatte, sei empfohlen, sofort entweder zur Bandcamp-Seite der Band zu gehen (siehe rechte Spalte) oder sich beim Just For Kicks-Webshop gleich die aktuelle Weihnachtssingle „Merry Christmas“ (VÖ: 8.12.2017) einzutüten. Ein Teil des Erlöses dieser Single geht übrigens Obdachlosenheimen in der Heimatstadt der Band zu.

Vielen Dank an Gregory für die Zeit und das unterhaltsame Gespräch sowie an Clemens Väth von Just For Kicks für’s Organisieren des Ganzen.

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

Tags:

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.