Cracker

Berkeley To Bakersfield

  • Artist: Cracker
  • Album: Berkeley To Bakersfield
  • Label: Floating World / H'art
  • Release: 2015-01-23
  • Medium:
  • Bewertung:1-

Mit Kalifornien wird landläufig neben dem großen L.A. Film- und Musikbusiness eher Surf-Punk oder Bay-Area-Thrash-Metal verbunden als Alternative Country. Den verortet der Laie doch immer noch eher in den „klassischen Cowboy-Staaten“ Texas, Colorado und Nevada – der Kenner in Nashville, Tennessee, dem Zentrum der US-Country-Szene. Dieses Halbwissen hat der Durchschnitts-Europäer der Romantisierung des „Wilden Westens“ zu verdanken. Umso überraschender für den einen oder anderen, daß auch Kalifornien die ursprüngliche, amerikanische Musik maßgeblich mitgeprägt hat. Namentlich mit dem sogenannten „Bakersfield-Sound“, entstand durch Zugezogenen aus Oklahoma in den 30er Jahren des letzten Jahrhunderts. Jener war entgegen dem klassischen Nashville-Sound mehr durch den Rock’n’Roll geprägt und dementsprechend härter. Genau jenem Sound aus der Zentralkalifornischen Region um die namensgebende Stadt Bakersfield nördlich von Los Angeles haben die fantastischen Cracker um Frontmann David Lowery und Gitarren-Freund Johnny Hickman die zweite Hälfte ihres neuen Doppel-Albums „Berkeley To Bakersfield“ gewidmet. Bakersfield liegt nur eine vierstündige Autofahrt von Berkeley entfernt. Die Universitätsstadt Berkeley, unter anderem die Heimat der Creedence Clearwater Revival, hat den Cracker-Stil ebenfalls entschieden geprägt. Und so spielt die Band auf „Berkeley“ erstmals seit 20 Jahren in der Originalbesetzung und hat sich stilistisch am alternativen Lebensgefühl des Punk und Garagenrock der East Bay Area um Berkeley orientiert.

Highlights vom roots-rockigen ersten Teil sind das groovig-treibende ‚Beautiful‘, die nachdenkliche Ballade ‚El Comandante‘ mit Hickmans unnachahmlicher Gitarre, Lowerys eigentümlicher Stimme und schaurig-schönem Background-Gesang. ‚El Cerrito‘ trauert mit einem funkigen Groove stimmungsvoll dem Untergang der einst vielschichtigen Musikkultur in der gleichnamigen Kleinstadt unweit von Berkeley nach. ‚Life In the Big City‘ geht thematisch in eine ähnliche Richtung, musikalisch ist das Thema bluesiger. Unverkennbar Cracker rocken die Herren mit Piano und Tamburin:

„That’s life in the big city girl, what did you expect? That’s life in the big city girl, there’s no boyscouts here. That’s life in the big city girl, it ain’t pretty.“

Mit dem wundervollen, bereits vorab zur Promotion des Albums präsentierten, typischen Cracker-Love-Song ‚Waited My Whole Live‘ sitzt das beste Lied des ersten Teils bezeichnenderweise am Ende, denn es ist deutlich country-lastiger und damit eine gelungene Überleitung zum „Bakersfield“-Teil des Doppelalbums. Das beginnt hochklassig mit der Pedal-Steel und Country-Piano zur Liebeserklärung an den Heimatstaat ‚California Country Boy‘:

„Ain’t no palm-trees, ain’t no Movie Stars in the part of California I come from.“

‚Almond Grove‘ beweint mit Pedal-Steel und Banjo die im Krieg verstorbenen und den Trost, den die Rückkehr zu den heimischen Baumwollfeldern und Mandelhainen spendet. Das ruhige ‚King Of Bakersfield‘ hat einmal mehr die Heimat zum Thema – wie gut man in Bakersfield leben kann und welche Zufriedenheit in der Verbindung zu den eigenen Wurzeln liegen kann. Das wunderbare ‚Get On Down The Road‘ ist einmal die Plattform für Johnny Hickman, der bei diesem Titel einmal mehr zeigen kann, was er mit seiner Lieblingsgitarre „Lucky Number Seven“ so alles anzustellen weiß. Der Mann spielt keine Steel-Guitar, also lässt einfach seine schwarze Gibson Les Paul so klingen wie eine. Bei diesem unwiderstehlichen Country-Song gibt es außerdem spektakuläre Country-Piano-, Pedal-Steel- und Violinen-Solos. Da möchte man einfach direkt Stiefel und Stetson packen und unverzüglich auf das nächste Line-Dance-Festival reisen und die Sohlen glühen lassen. Neben den wundervoll-melancholischen Country-Balladen ‚I’m Sorry Baby‘ und ‚When You Come Down‘ wird „Bakersfield“ stimmig von neu eingespielten Versionen der bereits veröffentlichten Songs ‚The San Bernardino Boy‘ von Hickmans Solo-Debüt „Palmhenge“ (2005) (mit Banjo und Country-Piano) und ‚Where Have Those Days Gone‘ von „Greenland“ (2006) abgerundet.

Man kann die Produktion dieses Doppelalbums in gewisser Hinsicht als ein mutiges Unterfangen bezeichnen, denn obwohl die Band seit jeher Rock und Country verbunden hat, erscheint eine Aufteilung in zwei stilistisch so unterschiedliche Alben doch als Herausforderung für manchen Hörer. Tatsächlich klingen die beiden CD’s recht unterschiedlich, was ja auch durchaus so gewollt war. „Bakersfield“ erinnert vom Stil stark an „Countrysides“ von 2003 und „Greenland“ von 2006, vom Sound hat man die Produktion und Instrumentierung noch mehr wie „echten Country“ angelegt. In der Band- und Musikgeschichte des Herkunftsstaates Kalifornien ist „Berkeley To Bakersfield“ so abgesehen von den Songs an und für sich ein absolut stimmiges Statement geworden. Mit jeder Menge Perlen von Songs und vor allem dem grandios eingefangenen Lebensgefühl von Country-Rockern aus Kalifornien. Cracker sind und bleiben eine der besten Country-Rock-Bands da draußen – wenn nicht die Beste.

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