Aerosmith sagen der Schweiz ‚Aero-Vederci, Baby‘

Wenn Rock-Superstars sich von den Konzertbühnen der Welt verabschieden, dann gehen die Reaktionen der Fans von Euphorie bis Kritik. Es gibt natürlich jede Menge von denen, die sich die letzte Gelegenheit nicht nehmen lassen wollen, ihre Idole ein letztes Mal live zu bewunden. Dann spielen selbst Fantasiepreise für Tickets keine Rolle. Skeptiker verweisen darauf, dass manch eine Band die Abschiedstourneen zu einem eigenen Geschäftsmodell gemacht haben und machen. Eine künstliche Reduktion des Angebotes lässt eben auch die Nachfrage ansteigen.

Im Falle von Aerosmith, die im deutschsprachigen Raum in den letzten zehn Jahren selten live zu sehen waren und nun nach 47 Jahren Abschied nehmen, hat das Marktprinzip jedenfalls bestens funktioniert. Das Zürcher Hallenstadion mit seinen rund 15.000 Plätzen war beim letzten Gastspiel von Tyler, Perry und Co. in der Schweiz restlos ausverkauft.

Seinen Auftakt nahm der Abend in der Heimstätte des Schweizer Eishockey-Erstligisten ZSC Lions mit einer simplen Videoprojektion von Bandsfotos, Tourplakaten und Titelgeschichten, begleitet von Carl Orffs ‚Oh, Fortuna‘ aus der „Carmina Burana“. Bedenkt man die Grössenordnung und finanzielle Potenz der Band, wirkt das weder emotional ansprechend noch besonders einfallsreich. Und Nein, bei einer der grössten Rockbands der Welt zählt nicht nur die Musik. Bei Ticketpreisen jenseits der 100 Euro darf der Besucher auch erwarten, über die Musik hinaus gut unterhalten zu werden.

Pressebild_Aerosmith.jpg „Dann ist die Band da und vor allem Paradiesvogel und Frontmann Steven Tyler sofort präsent. Den Schal am Mikroständer befestigt und mit buntem Hippiemantel begrüsst der Sänger das Schweizer Publikum auf dem weit in die Halle hineinreichenden Catwalk mit ‚Let The Music Do The Talking‘ und ‚Toys In The Attic‘. Der quietschbunte Mantel und die darunter liegende Weste finden in der nächsten halben Stunde übrigens glückliche neue Besitzer in den vorderen Reihen, als sich der ins Schwitzende kommende Tyler der Oberbekleidung publikumswirksam entledigt. Anschliessend folgen mit ‚Love In An Elevator‘, ‚Living On The Edge‘, ‚Rag Doll‘ und ‚Falling In Love (Is Hard On The Knees)‘ Schlag auf Schlag vier Top-Hits der Bostoner Rocker. Tyler ist am Ball und zieht mit nach wie vor beeindruckender Stimme seine One-Man-Show ab, während Perry immer mal wieder den Catwalk nach vorne nimmt. In seinem Glitzerjackett und den etwas zu routinierten und kraftlosen Rockerposen wirkt der berühmt-berüchtigte Musiker mitunter etwas aus der Zeit gefallen. Der Rest der Band erledigt ihren Job relativ emotionslos. Besonders Rhythmusgitarrist Brad Whitford, mit seinem grauen Haar auch optisch der Älteste, steht wie eine Salzsäule und wirkt richtiggehend angestrengt.

Im Mittelteil huldigt das Quintett von der US-Ostküste mit gelungenen Cover-Versionen von Fleetwood Mac (‚Stop Messin Around‘ und ‚Oh Well‘), ‚Remember Walking (In The Sand)‘ der Sixties-Girl-Group The Shangri Las und schliesslich gar ‚Come Together‘ von den Beatles ihren Wurzeln in der populären Musik der 60er Jahre. Tyler spielt leidenschaftlich groovend seine Mundharmonika und Perry seine Lap-Guitar und es kommt für eine Weile das echte Gefühl beim Publikum an, dass die Band dieser Musik tatsächlich tief verbunden ist. ‚Sweet Emotion‘ setzt den Groove-Rock fort und ‚Eat The Rich‘ leitet bereits zum Höhepunkt hin. Der erfolgt in Form von nochmals zwei Super-Hits von Aerosmith. Denn natürlich darf bei einem Abschlusskonzert der Superstars nicht DIE Ballade vom preisgekrönten Topseller „Get A Grip“ von 1993 fehlen. ‚Cryin“ ist ein wundervoller Song, der einfach alles hat, was ein Hit braucht: Einen Text zum mitsingen, einen Refrain, den man nicht mehr aus dem Ohr bekommt und Herzschmerz. All das getragen von Tylers kraftvoll-umfangreichen Stimme und seiner Mundharmonika. Das im gesamten eher höflich klatschende Schweizer Publikum geht natürlich bei einem solchen Song etwas mehr mit. Mit ‚Dude (Looks Like A Lady)‘ folgt ein weiterer, begeistert aufgenommener Groove-Knaller, auch wenn echte Bläser auf der Bühne dem Abschluss des Konzerts noch mehr Feeling verpasst hätten.

Nach zehn Minuten Pause, in der am Ende des Catwalk ein vielversprechender weisser Flügel aufgebaut wurde, lassen sich die fünf Endsechziger nochmals zu einer Zugabe bitten. Die besteht natürlich aus der Hit-Ballade ‚Dream On‘, von Tyler am Piano begleitet und mit einem Gitarrensolo von Perry auf dem Flügel stehend. Beim James-Brown-Cover ‚Mother Popcorn‘ kommt nochmals etwas Bewegung in die rockende Altherren-Runde und Tyler umwirbelt Drummer Joey Kramer. Den würdigen Abschluss des Abends bildet ‚Walk This Way‘, der Song von 1975, der erst durch das Cover der Hip-Hopper Run DMC in den Neunziger Jahren richtig durch die Decke ging und der eindrucksvoll zeigt, dass Herr Tyler auch den Sprechgesang trefflich beherrscht. Im Konfettiregen endet der Konzertabend damit, dass Tyler seine Band präsentiert und seinerseits von seinem Buddy Joe Perry vorgestellt wird. Es gibt keine Rufe nach weiteren Zugaben, der Abend ist gelungen so wie er war. Er zeigte eine routinierte Rock-Ikone, die alles gesagt hat und nun auch in den wohlverdienten Ruhestand treten darf.

Setliste (CH-Zürich, Hallenstadion, 05.07.2017)

Let the Music Do the Talking
Toys in the Attic
Love in an Elevator
Livin‘ on the Edge
Rag Doll
Falling in Love (Is Hard on the Knees)
Stop Messin‘ Around (Fleetwood Mac Cover)
Oh Well (Fleetwood Mac Cover)
Remember (Walking in the Sand) (The Shangri Las Cover)
Chip Away the Stone
I Don’t Want to Miss a Thing
Come Together (The Beatles Cover)
Sweet Emotion
Eat the Rich
Cryin‘
Dude (Looks Like a Lady)

Zugabe:

Dream On
Mother Popcorn (James Brown Cover)
Walk This Way

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