3RDegree

Ones & Zeros: Vol. 0

Die amerikanischen Progger 3RDegree sind bereits seit Mitte der 1990er aktiv, was ihnen zumindest theoretisch den Status von alten Hasen des US-Prog zukommen lässt. Dass die Band im Gegensatz zu Spock’s Beard oder Glass Hammer allerdings immer noch nur ein Geheimtipp ist, liegt vermutlich weniger an ihren Qualitäten, sondern eher daran, dass die Band erst seit ein paar Jahren zu einer einigermassen regelmäßigen Veröffentlichungsfrequenz gefunden hat.

„Ones & Zeros: Volume 0“ ist dabei offenbar das Companion-Album zum Vorgänger, einem Konzeptalbum namens (surprise!) „Ones & Zeros: Volume 1“. Selbiges ist mir allerdings nicht bekannt, weshalb sich die Nuller-Ausgabe nun als eigenständiges Werk beurteilen lassen muss. Nicht, dass das ein Problem wäre: wenn Euer Lieblings-Yes-Album „Drama“ ist, ihr noch dazu Starcastle und die Spätsiebziger-Phasen von ELO und Styx mögt, hier ist Euer Album des Monats. Das Album hätte 1980 exakt in der gleichen Form erscheinen können. Mit dem Unterschied, dass all das, was damals innovativ und zeitgemäss gewesen wäre, heute eben ein wenig angestaubt klingt. Sogar die Drums klingen original nach Power Station oder Sound City 1979 – auch wenn 2018 vermutlich die Originalsamples von John Panozzo, Stephen Tassler oder Alan Gratzer aufs E-Drum gelegt wurden. Da ja aber Nostalgie im Prog meist eh gerne gesehen ist, sollte das kein Problem darstellen. Und 3RDegree kopieren den Seventies-Mainstream-US-Prog derart authentisch, dass ich zumindest mir schwer tue, ihnen deshalb böse zu sein. Das Album fließt wunderbar, die einzelnen Songs sind weniger abgeschlossene Werke als bewusst Teil einer Suite, die Analogsynthies orgeln neben den stilecht mit langsamem Flanger versehenen, nach Marshall und Gibson Thunderbird klingenden Gitarren, gerne auch mal zweistimmig. Und natürlich gibt’s auch ein wenig tanzbares Beinahe-Disco-Flair (‚Unintended Consequences‘) und jede Menge großer Backgroundchöre, die sogar ABBA Ehre machen würden. „Ones & Zeros: Volume 0“ kommt dabei natürlich nicht an Klassiker wie „Pieces Of Eight“ oder das Starcastle-Debüt heran, aber wer schafft das denn heute schon?

So ist „Ones & Zeros: Volume 0“ also ein unerwartet schickes Stück Retroprog, der alle Erwartungen, die man an diesen Stilbegriff hat, komplett über den Haufen wirft. Mit Sicherheit nichts für die „nur Hammill ist mein Gott“- oder „fröhlicher als Tool ist nicht mehr Prog“-Fraktion, aber ein sympathisches und qualitativ hochwertiges Außenseiter-Album, das mir persönlich so richtig gut beigeht und sogar bei der Grillparty zwischen den Klassikern nicht negativ auffallen dürfte. Zu beziehen – wie fast alles aus der Kategorie „proggig, geil und undergroundig“ – bei Just For Kicks!

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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