WILDERUN – Raffinierter Metal für das neue Jahrzehnt

Mit ihrem dritten Album „Veil of Imagination“ hat die Schwermetall-Truppe Wilderun aus Boston Ende letzten Jahres vor allem in der amerikanischen Musikpresse ein dickes Ausrufezeichen gesetzt und hervorragende Kritiken eingeheimst. Wir wollten euch die sehr vielseitige Band etwas näher vorstellen und haben Bandleader Evan Anderson Barry (Gesang, Gitarre, Klavier) kontaktiert. Im Interview kommt vor allem die Herkunft und musikalische Entwicklung des Quintetts zur Sprache, Evan gibt aber auch einige persönliche Einblicke.

Whiskey-Soda: Für die meisten unserer Leser dürftet ihr eine “neue” Band sein, obwohl ihr bereits mehrere Alben veröffentlicht habt. Wir würdet ihr einem leidenschaftlichen Rockmusikfan eure Musik beschreiben?

Wilderun: Es ist nicht so einfach, ein einzelnes Etikett an unsere Musik zu heften. Ganz grundsätzlich kann man aber sagen, daß wir eine Band sind, die sich vertieft Metal, Symphonic, Folk und Progressive Rock widmet. Die Dynamik in unseren Arrangements ist etwas, auf das wir sehr viel Wert legen. Also beispielsweise die Dynamik die entsteht, wenn man harte Elemente sehr ruhigen gegenüberstellt oder düsteren Stimmungen hellere Klangfarben.

WS: Ihr habt in den letzten Jahren drei Studioalben produziuert. Euer Debüt-Album “Olden Tales” von 2012 erinnert stellenweise an finnische Folk-Metal-Bands wie Ensiferum oder Finntroll mit einem feinen “proggigen Touch”. Wie fühlt sich dieser Vergleich für euch an und welches Gefühl löst das Schlagwort “Folk Metal” ganz generell bei Euch aus?

Wilderun : Ich würde sagen, daß die Beschreibung recht gut passt. Wir waren zu Zeiten unseres ersten Albums auch definitiv viel stärker im Folk-Metal-Lager. Besonders gut erkennen kann man das daran, daß wir viele traditionelle Folk Melodien verwendet haben. Unser Ziel war, eine Art „amerikanisches Folk-Metal-Album“ zu machen. Trotzdem würde ich sagen, daß der oben erwähnte Fokus auf die Dynamik von Anfang an auch da war. Möglicherweise ist das auch der Grund dafür, daß die Kompositionen den von dir erwähnten „proggigen Touch“ bekommen haben.

WS: Werden denn auf „Olden Tales“ klassische Folk-Musik-Instrumente verwendet? Und falls ja, kannst du ein wenig darüber erzählen?

WR: Das Folk Ensemble auf dem Album bestand aus Akustikgitarre, Mandoline, Hackbrett und Harfenzither. Diese Instrumente stammten aus unterschiedlichen Ländern und gesellschaftlichen Hintergründen, aber unserer Meinung nach haben wir es geschafft, damit einen gewissen Americana-Touch hinzukriegen. Es waren auch schlicht so, daß wir diese Instrumenten einfach zur Verfügung hatten und sie daher einfach benutzt haben.

WS: Ihr Jungs stammt ja aus Boston, das für seine große Irische Community bekannt ist. Liegen eure musikalischen (und vielleicht sogar persönlichen) Wurzeln denn im Irish Folk?

WR: Unser Drummer Jon hat Irische Vorfahren, für ihn ist der Einfluss also sicher da, für den Rest von uns aber nicht. Wir sind alle in unterschiedlichen Staaten (Massachusetts, Illinois, North Carolina und Kalifornien) aufgewachsen und haben uns in Boston an der Uni kennengelernt. Wir sind also eher eine Art US-Schmelztiegel. Trotzdem haben wir alle viel Respekt und Liebe zur irischen Folk-Musik und dafür ist Boston tatsächlich ein netter Ort.

WS: Wollt ihr mit unseren Lesern auf eine kleine Zeitreise gehen? Was habt ihr für Kindheitserinnerungen an Musik im Allgemeinen, an das Erlernen eurer Instrumente und an den Moment, an dem ihr wusstet, daß ihr (professionelle) Musiker werden wolltet?

WR: Ich hab mit 8 oder 9 Jahren ein paar Klavierstunden genommen. Ernster genommen habe ich die Musik dann, als ich mit 11 oder 12 angefangen habe, Schlagzeug zu spielen. Das habe ich etliche Jahre lang gemacht und schon ein wenig davon geträumt, das professionell zu machen. Aber ich würde sagen, daß erst das Schreiben eigener Musik mich so richtig auf den Geschmack gebracht hat. Das habe ich so mit 15 oder 16 gemacht, eigene Stücke mit Klavier und Gitarre geschrieben. Das hat dann eine echte Leidenschaft und Ehrgeiz geweckt.

WS: Mit euren zweiten Album “Sleep at the Edge of the Earth” habt ihr dann einen echten Sprung nach vorne gemacht. Das Album ist etwas stärker bei den Prog- und Symphonic-Elementen, die Folk-Anteile treten ein wenig in den Hintergrund. Was das eine ganz bewusste Entscheidung?

WR: Ich glaub nicht, daß wir das so bewusst gemacht haben. Unser Ziel war eher, eine andere Stimmung oder Atmosphäre zu schaffen. Es gibt immer noch viel Folk-Instrumente auf dem Album mit dem entsprechenden “Feeling”, der Kontext ist einfach ein wenig anders. Wir wollten glaube ich einfach eine größere, eindrucksvollere Klangwelt erschaffen.

WS: Einige Momente auf eurem neuesten Album „Veil of Imagination“ erinnern an Opeth, eine Band, die von vielen sehr verehrt wird. Von Euch Jungs bestimmt auch? Wenn du Mikael Åkerfeldt Backstage auf einem Festival oder in einem Plattenladen in Boston treffen würdest, welche drei Fragen würdest du ihm stellen?

WR: Ich würde ihn über seine tägliche Songwriting-Routine ausquetschen und wie er seine Ideen in fertige Songs übersetzt. Zweitens würde ich ihn nach seinem Aufwärm-Ritual vor einem Auftritt fragen und drittens, welches im Rückblick sein Lieblingsalbum von Opeth ist.

WS: Gibt es etwas auf “Veil of Imagination”, auf das du besonders stolz bist oder was deiner Meinung nach irgendwie “heraussticht”?

WR: Einen einzelnen Aspekt kann ich da nicht rausstellen. Wir sind einfach mit dem Gesamtergebnis wirklich sehr glücklich. Wie du schon richtig bemerkt hast, haben wir das folkige bei weitem nicht mehr so stark im Fokus. Wir lieben diese Art Musik immer noch, aber wir haben uns einfach noch mehr geöffnet, die Dinge natürlich fließen zu lassen. Das ist uns meiner Meinung nach gelungen.

WS: Wenn ich richtig informiert bin, habt ihr Jungs kein Plattenlabel hinter euch. Meiner Meinung nach macht ihr großartige Musik und hättet einen Plattenvertrag verdient! Habt ihr eine Erklärung dafür, ist eure Musik zu stark in einer Nische gefangen?

WR: Was uns jedenfalls schon drei, vier Mal mit Labels passiert ist, ist folgende Situation: Ein Verantwortlicher ist wirklich auf uns abgefahren und hat uns seinen Kollegen vorgestellt, aber die haben abgelehnt. Wir wissen natürlich nicht, nach welchen Kriterien wir da aussortiert worden sind. Sicherlich ist es ein größeres Risiko, Songs kommerziell zu vermarkten, die 7-10 Minuten lang sind. Außerdem passen wir nicht so richtig in eine Schublade. Wir sind weder richtig Symphonic- noch Prog-Metal. Und die Leute mögen eben ihre Schubladen, besonders Metalheads. Von daher glaube ich schon, daß das eine Vermarktung schwerer macht. Die gute Nachricht ist, daß wir in letzter Zeit einige wirklich vielversprechende Verhandlungen mit Labels hatten und wir hoffen natürlich, daß sich da bald was Konkretes ergibt.

(Einschub der Redaktion: Wir haben das Interview mit Evan Ende März März geführt. Am 17. April gaben sowohl die Band als auch Century Media Europa bekannt, daß man einen Plattenvertrag miteinander abgeschlossen hat.)

WS: Ihr hattet eine US-Tour geplant, die ihr wie viele andere Musiker wegen der Corona-Krise absagen musstet. Das betrifft uns natürlich alle auf irgendeiner Ebene mehr oder weniger stark. Das Musikbusiness ist für den allergrößten Anteil der Künstler wirklich ein hartes Geschäft und nur eine Handvoll Rockbands weltweit sind tatsächlich reiche Rockstars. Wie sieht denn eure spezifische Situation als „kleine Band“ aus?

WR: Natürlich ist das ein herber Rückschlag. Wir sind eine Band, wo alles verdiente Geld wieder zurück in die Band fließt. Der Vorteil davon ist natürlich, daß wir jeder einen “ganz normalen” Job haben und für unseren Lebensunterhalt nicht auf die Band angewiesen sind. Aber wenn wir weiter Platten machen wollen, muss natürlich trotzdem Geld reinkommen. Heutzutage ist eine der wenigen Möglichkeiten dazu, auf Tour zu gehen. Wenn das dann wegfällt, ist das milde gesagt nicht gerade ideal. Wie das langfristig weitergeht, ist schwer zu sagen, von daher beißen wir uns weiter durch und hoffen auf das Beste!

WS: Im Herbst seid ihr ja nach dem momentanen Stand der Dinge endlich auch in Europa live zu erleben. Ihr seid unter anderem auf dem ProgPower Europe in Holland und auf dem Euroblast Festival in Köln gebucht, möglicherweise kommen auch noch einzelne Gigs dazu. Wie geht’s euch damit?

Wir freuen uns riesig, es im Oktober endlich zu euch nach Deutschland zu schaffen und können es kaum erwarten! Danke für das Interview, man sieht sich!

This interview is available in the raw, english version here.

Wilderun sind:

Evan Anderson Barry – Gesang, Gitarre, Klavier

Daniel Müller – Bass, Hackbrett, Gesang

Jonathan Teachy – Schlagzeug, Gesang

Wayne Ingram – Gitarren, Keyboard, Orchester Arrangements

Joe Gettler – Lead Gitarre

 

Diskografie:

Olden Tales & Deathly Trails (2012)

Sleep at the Edge of the Earth (2015)

Veil of Imagination (2019)

 

Bandhomepage

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Century Media (Label)

DanielF

Harte Schale, weicher Kern. Chefredakteur und -metalhead in Personalunion und im "Nebenberuf" Sozialarbeiter, geht Daniels Geschmack von chilligem Americana (Cracker) bis zu kauzigem Indie-Rock (Eels), von klassischem Thrash (Metallica, Megadeth) bis modernem Death Metal (Deserted Fear), von opulent-schrägem Prog-Rock (Opeth, Gojira, Pervy Perkin) bis zu heftigstem Brutal Death Metal (Defeated Sanity, Wormed), von Bluesrock (Gary Moore, Anthony Gomes) bis Classic Rock (Alice Cooper, Queen) - um nur einen Teil zu nennen. Zudem hat er seit den frühen Neunziger Jahren ein leidenschafliches Faible für christliche Rockmusik in genau dieser stilistischen Bandbreite. 

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