Live At The El Mocambo

Wir haben 1977 und die Rolling Stones stehen kurz vorm Abgrund: Vor knapp drei Jahren den Zweit-Gitarristen getauscht, eine Woche vorm Konzert den Chef-Klampfer Keith Richards beinahe an die Drogen-Razzia verloren (das Verfahren steht noch aus, er ist lediglich auf Bewährung draußen und eine langjährige Haftstrafe gefährdet den Fortbestand der Band), außerdem droht die Punk-Szene den (damals schon) Alt-Rockern mit Wachablösung. Unsichere Zeiten also für die Männer um Frontmann Mick Jagger. Aber: The Show Must Go On und die geplanten Aufnahmen im Mini-Club „El Mocambo“ in Kanada für eine dringend benötigte Live-Platte müssen stattfinden. Nur wenige Tage nach dem Heroinfund bezeichnete Billy Wyman den ersten Abend in seiner Biografie als „not good“, den zweiten aber als genial. Wyman war es auch, der seinem Lead-Gitarristen gar Nachschub besorgen musste, damit dieser die Gigs überhaupt spielen konnte. Nachdem die Bänder bislang lediglich als Bootleg in Fankreisen kursierten – einzig vier Tracks schafften es auf das offizielle „Love You Live“, gibt es nun das gesamte zweite Konzert und ein paar Zugaben vom ersten Abend als reguläre Scheibe.

Mit dem Klassiker „Honky Tonk Woman“ startet der Abend. In der Folge wechseln sich eine Vielzahl von Songs ab, die es heute in keine Setlist mehr schaffen. Es gibt etliche Cover-Nummern („Route 66“, „Manish Boy“, „Little Red Rooster“, „Crackin´Up“ und „Around And Around“), viel eigenes 70er Material („Dance Little Sister“, „Worried Life Blues“, „Fool To Cry“ oder „Melody“) und nur wenige der Mega-Hits („Brown Sugar“, „Jumping Jack Flash“ – KEIN „Satisfaction“), die heute zum Standard aller Konzerte gehören. Allen gemein ist eine gewisse Rauheit und das Ungeschliffene der Arrangements. Zwischendurch gibt es ein paar Witze von Jagger, so lädt er das Publikum dazu ein, mit Tastenmann Billy Preston auf dem Klavier zu tanzen und er fragt süffisant, ob auch die Kritiker-Ecke zufrieden ist.

Dass man die Stones mit so kleiner Begleitung (Keyboard, Saxophon) hören kann, ist seit der 89er Steel-Wheels-Konzertreise vorbei, und mit dem heutigen eher glatten Sound, ist das Tondokument nicht vergleichbar. Vielmehr ist alles viel näher am damals stetig populärer werdenden Punk-Rock, ohne dabei den eigentlichen Stones-Charme zu verlieren. Besonders deutlich ist das am sehr rudimentären „Let´s Spend The Night Together“ zu erkennen, wo die eigentlichen Klavier-Klänge durch schrummelige Richards-Akkorde übernommen werden.

Natürlich muss die Frage stellen, ob man einen Tonträger 45 Jahre nach Entstehung noch in seine Sammlung bringen muss, oder ob die Sachen zu Recht so lange unter Verschluss geblieben sind. Die Antwort ist eindeutig: „Live At The El Mocambo“ ist ein mehr als interessantes Zeitdokument, das die musikalische Entwicklung der nunmehr 60-jährigen Karriere aufzeigt und ein Must-Have für jeden Fan.

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Wollo

Altenpfleger mit didaktischer Weiterbildung. Hört Rockmusik aus verschiedenen Genres und bis zu einem gewissen Härtegrad aus allen Jahrzehnten, hin und wieder auch eher ruhigere Singer/Songwriter. Geht oft auf Konzerte, aber leider nur noch selten auf Festivals. 

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