Kytes – Alter Wein in neuen Schläuchen?

Wiedersehen macht Freude, heißt es gemeinhin. In den meisten Fällen ist das tatsächlich so - man denke nur an die in der Waschmaschine für immer verloren geglaubte Lieblingssocke oder einen alten Jugendfreund. Bei Kytes ist das Wiedersehen ganz besonders erfreulich, denn die vier Jungs aus München heimsten bereits mit ihrem alten Bandprojekt Blind Freddy reichlich Sympathien und Erfolgserlebnisse ein. Jetzt starten Michi, Kerim, Tim und Thomas unter neuem Namen und mit neuem, erwachsenem Sound voll durch. Die Aufbruchsstimmung spiegelt sich auch im Titel ihrer Debüt-EP wieder: 'On the Run' heißt das gute Stück und erzählt von der Entdeckung neuer Möglichkeiten, der Verwirklichung von Träumen und vom Erwachsenwerden. Wir haben das ebenso redselige wie unterhaltsame Quartett vor seinem Konzert in Augsburg auf einen kleinen Plausch bei Bierchen, Snacks, Burgern und Veggie-Sandwiches getroffen.

Kytes_Band_bunt_KLEIN.jpgIhr habt Euren Namen von Blind Freddy in Kytes geändert – warum?

Michi: Wir haben gecheckt, dass es Zeit wird zu schauen, wo wir mit unserer Musik hinwollen – und ob wir damit weitermachen wollen. Wenn ja, müssen wir einiges von der Organisation und vom Konzept her ändern. Der Prozess begann damit, dass wir ein Album machen wollten, und das irgendwie gar nicht klappte, von der Umsetzung und von
der Produktion her. Da wussten wir, dass wir was anders machen müssen. Wir haben jetzt eine Booking-Firma und ein Label.

Bei Eurem Bandnamen könnte man zuallererst an einen Drachen – kite – denken. Wofür steht Kytes für euch?

Tim: Ja, das steckt da auch irgendwie mit drin. Wir haben es mit Absicht ‚falsch‘ geschrieben, damit es nichts Konkretes heißt, sondern einfach für uns das neue Ding ist. Wir haben keine krasse Story dahinter. Allerdings hatten wir ein paar Bedingungen. Wir wollten einen neuen Bandnamen, der geschrieben schön aussieht. Er sollte kurz sein und nicht so viele dumme Fragen provozieren wie Blind Freddy: ‚Wer von Euch ist denn blind? Und wer heißt Freddy?‘ Das wurden wir tatsächlich sehr oft gefragt …

Ok, das ist tasächlich ziemlich dämlich! Schauen wir kurz zurück: 2009 gab es bei whiskey-soda.de die erste Rezi zu einer Blind-Freddy-Platte …

Michi: Das war unsere ‚Try it‘-EP und Du hast uns so krass gelobt. Das war die erste Rezension, die wir jemals hatten. Du kannst quasi sagen, dass Du uns entdeckt hast!


Das heißt aber auch, dass ich Tantiemen beanspruche, sobald die Dicke Kohle fließt! Lasst uns kurz in der Vergangenheit bleiben: Was war das Verrückteste, was Ihr in den Blind-Freddy-Jahren erlebt habt?

Thomas: Ich denke, Rock im Park und Rock am Ring war das Verrückteste. (zustimmendes Gebrummel allerseits)

Werdet Ihr live weiterhin Blind-Freddy-Songs spielen beziehungsweise die alten Songs neu aufnhemen?

Kerim: Wir haben gesagt, dass Blind Freddy erst einmal ‚tot‘ ist, weil wir ein Zeichen setzen wollten. Das war unsere Schülerband, mit der wir auch was erreicht haben.
Es gibt daher schon noch ein zwei Songs, die wir irgendwann gerne mal wieder spielen würden. Aber erst einmal soll das Neue so richtig losgehen! Wenn wir in München auftreten und ein paar alte Fans da sind, spielen wir schon noch den einen oder anderen alten Song. Es ist nicht so, dass wir uns für irgendwas schämen – das ist alles cool. Wir haben coole Sachen erlebt und Schmarrn gemacht mit der Band, aber es gibt nichts, weswegen wir sagen würden, dass wir nicht mehr nach Blind Freddy gefragt werden wollen.Kytes_Band_Insel_KLEIN.jpg

[i]An dieser Stelle driftet das Gespräch etwas unkontrolliert in eine Fachsimpelei über die Indie-Szene früher und heute ab. Die Jungs fühlen sich alten Haudegen wie Franz Ferdinand, Mando Diao oder Bloc Party immer noch sehr verbunden. An der heutigen Indie-Kultur nervt sie besonders die zwanghafte Synthie-Seuche, die seit einigen Jahren grassiert. Alle sind sich einig: Synthies sind cool, sollten aber in einem gewissen Rahmen eingesetzt werden, der zur Band passt. Auch Kytes selbst haben die Elektro-Klänge in ihre neuen Songs implementiert, sehen sich aber immer noch als Gitarren-Band – und die wollen sie auch bleiben.[/i]

So, zurück zur Agenda. Früher habt Ihr viel mit den verschiedensten Sounds von Blues über Balkan bis Pop experimentiert – seid Ihr klangtechnisch angekommen?

Kerim: Ich finde, wir sind mit dem Sound ein wenig erwachsener geworden.

Michi: Ich finde, dass ist immer schwer zu sagen. Es kann sein, dass wir in drei Jahren Bock haben, noch viel weiter zu gehen. Für die aktuelle EP und das kommende Album haben wir unseren Weg gefunden.

Thomas: Es kann auch sein, dass das nächste Album wieder in eine ganz andere Richtung geht.

Michi: Wir schauen aber schon, dass es irgendwie dasselbe Paar Schuhe ist. Das gesamte Projekt ist runder geworden. Das war auch unser Ziel: Wir wollten keinen Blues-Song mit einem Indie-Song, danach einen Pop-Song und dann noch Balkan. Das war damals cool, weil wir uns nicht so viele Gedanken darüber gemacht haben. Bei Kytes ist das jetzt anders.

Sprechen wir über Eure Debüt-EP ‚On the Run‘. Wie ist die Platte entstanden?

Thomas: Wir haben Songs geschrieben und beschlossen, dass wir erst einmal eine EP rausbringen und dann ein Album. Wir haben insgesamt schon zwölf Songs und waren viel in Berlin und München im Studio.

Michi: Wir sind teilweise echt ein bisschen funky geworden!

Thomas: Das ist zum Beispiel neben dem Elektronischen auch ein neuer Einfluss. An EPs finde ich gut, dass Leute nicht gleich mit einem Album überfordert werden, wenn sie Musik entdecken. Mir geht es so, wenn ich eine Band zum ersten Mal auf Spotify höre. Da finde ich es cool, zuerst eine EP mit drei, vier, fünf Songs zu haben und erst das Album zu hören, wenn ich die gut finde. Von einem Album mit zwölf Songs bin ich oft erst einmal überfordert – außer, ich bin schon Fan und will gleich alles hören.

Michi: Eine EP baut auch ein wenig Spannung auf.

Welcher ist für Euch der persönlichste Song auf ‚On the Run‘?

Tim: Bei mir ist es ‚Two of Us‘. Das ist wirklich ein Song mit einer Story hinter den Lyrics. Es geht um einen Typen mit Schitzophrenie. Wenn man den Song hört, würde man erst denken, dass es um ein Liebespaar geht. Das war auch unser Ziel.

Michi: ‚Future Kids‘!

Tim: ‚Future Kids‘ ist schon so ein bisschen biografisch. Es geht darum, dass wir unsere Leidenschaft für die Musik feiern.

Michi: Für mich ist es ‚On the Run‘, weil das das erste Lied war, das in die neue Richtung gegangen ist.

Thomas: An ‚On the Run‘ haben wir ewig gearbeitet.

Tim: Das ist schon krass. Vor drei Jahren haben wir damit angefangen. Der hieß anders, der ging anders, wir mochten die Strophen, brauchten aber einen anderen Refrain, weil der alte voll lame war. Wir saßen im Proberaum und haben 1.000 Mal dieses Lied abgespielt. Das war wirklich viel Arbeit und hat sich wie Handwerk angefühlt.Konzert_KLEIN_1.jpg

Das Video zu ‚On the Run‘ wurde in Brighton gedreht – ein legendäres Pflaster in Sachen Musik …

Michi: Wir wollten unser Video nicht in München drehen und auch sonst alles nicht so auf München fokussieren. Wir spielen erst einmal auch nicht so oft in München. Also haben wir gesagt: Lass mal woanders hinfahren!

Tim: Wir fanden die Idee ziemlich cool, weil uns öfter gesagt wurde, dass man uns gar nicht anhört, dass wir aus München kommen. Das wollten wir in dem Video weiterführen. Wir haben uns dann mit zwei Kumpels zusammengesetzt, die die Videos und Fotos für uns machen, und gemeinsam die Idee weiterentwickelt. Also sind wir mit dem Bus 15 Stunden lang nach Brighton gefahren. In Brighton ist uns dann der Bus kaputtgegangen …

Michi: Wir hatten krass viel Pech und richtig viel Glück bei dem Dreh! Wir haben fast nur draußen gefilmt, und die zwei Tage hatten wir schönstes Wetter. Danach war alles scheiße und es hat nur geregnet.

Tim: Wir haben mit einer Super-8-Kamera gedreht und hatten nur 30 Minuten Film, was sehr wenig ist – normal hat man so vier, fünf Stunden. Diese halbe Stunde musste also gut sein. Dann musste die Spule noch zum Entwickeln und vom Entwickeln zum Digitalisieren. Da waren so viele Risikofaktoren! Es hätte wirklich sein können, dass das nichts geworden wäre. Wir sind total happy damit!

Konntet Ihr bei Eurem Neustart als Kytes von dem Erfolg mit Blind Freddy profitieren?

Thomas: Mit Blind Freddy ist schon so ein kleines Basis-Team entstanden. Darauf haben wir aufgebaut.

Tim: Unser erstes Konzert in München wäre wohl auch nicht ausverkauft gewesen, hätte es Blind Freddy nicht gegeben.

Michi: Wir hätten auch nicht jetzt schon so viele Likes auf Facebook, wenn wir die alte Band nicht gehabt hätten.

Aktuell stellt Ihr Eure neuen Songs auf Tour vor. Wie ist die Resonanz?

Kerim: Wir haben das erste Deutschland-Konzert in Konstanz gespielt und hatten wenig Erwartungen. Am Vorverkauf haben wir schon gesehen, dass ein bisschen was geht und es cool werden könnte.

Michi: Es war mega-krass, weil letztendlich 120 Leute da waren und so richtig gefeiert haben. Da haben wir gecheckt: Mann, das ist unsere Tour, und die Leute kommen nur wegen uns! Und das in einer Stadt, in der wir noch nie aufgetreten sind!

Tim: Uns ist auch klar, dass es auch Städte geben wird, wo nur 20, 30 Leute im Publikum stehen und wir genauso gut spielen müssen. Aber das kann genauso geil sein. Wir spielen schon besser, wenn wir sehen, dass die Leute abgehen. Das euphorisiert.

Michi: Wir merken gerade mit dem Unterwegssein, dass die Band so ein wenig zum Beruf wird. Das ist teilweise krass, weil Privates echt zurückstecken muss. Ich kann jetzt nicht mehr in den Fußballverein gehen oder meine Freunde so oft sehen.

Tim: Das mit der Arbeit stimmt schon. Neulich waren wir noch einmal in Berlin im Studio, und das fühlte sich auch wie Studio-Arbeit an. Wir waren eine Woche da und hatten das Gefühl, dass wir was schaffen müssen, dass Druck da ist.

Kerim: Wir sind seit knapp drei Jahren im Schreibprozess und im Studio, deswegen ist die Tour jetzt auch richtig wichtig – damit man die Arbeit zeigen kann.

Tim: Das hier ist tatsächlich unsere erste richtige Tour, die wir spielen. Als ich vorhin im Bus saß, war ich darüber total glücklich. Wir werden zwar nicht krass dafür bezahlt und müssen schauen, dass wir am Ende der Tour plus-minus Null rauskommen, aber wir haben gerade total Glück dass wir machen können, was wir lieben.

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