Jürgen’s Alben des Jahres 2016 – Erzkonservativ und rückwärtsgewandt

Viele alte Namen haben neue Musik erschaffen in diesem Jahr 2016, das sich wirklich anstrengt eines der beschissensten Jahre aller Zeiten zu sein. Große Namen unter den Künstlern sterben wie die Fliegen mit dem traurigen Höhepunkt des Todes von Leonard Cohen, einem der letzten großen Barden unserer Zeit. Gleichzeitig verpassen die alten Helden es gleich scharenweise, neue Impulse zu setzen und ziehen lieber erzkonservative Kreise anstelle das zu tun, was Metaller früher gemacht haben – auszubrechen.

Egal ob das nun Opeth, Metallica, Megadeth waren oder Asphyx, Hammerfall, Crowbar, Alcest – ein Riesenhaufen Schuster, die alle bei ihren Leisten bleiben und damit zu Minderleistern werden. Ein Trauerspiel. skold.jpg “ Lichtblicke gab es nur wenig in einem Jahr, in dem vermutlich Civil War mit „Tombstone“ den Vogel in puncto Peinlichkeit, Dummheit und Primitivität abgeschossen haben. Tiefer sinken als Audioelemente von Gus Backus zu klauen kann man selbst im Eiermetal nicht mehr.

Lichtblicke? Naja, selten. Unfassbar irrelevanten Durchschnitt gab es dafür jede Menge, angefangen bei den eben genannten Alben, und dann weiter mit Sabaton, The 69 Eyes, Metal Church, Pain , :Wumpscut: (wie jedes Jahr…), Tanzwut, In Extremo, In Flames – ein Album irrelevanter als das Nächste. Versuchen wir, trotzdem irgendwie eine Top 10 zusammen zu bekommen.skuggsja.jpg

Auf Platz 10 befindet sich dann auch gleich schon der erste Wackelkandidat, der es nur ganz knapp in die Top 10 geschafft hat. Diorama sind schon lang die führende Kraft im anspruchsvollen deutschen Elektropop. „Zero Soldier Army“ punktet wie schon alle Diorama – Alben davor mit einer der besten Stimmen die es gibt und melancholischen Melodien kombiniert mit zutiefst zynisch-desillusionierten Texten. Nichts neues, ebenfalls konservativ, aber auf hohem Niveau.

Auf Platz 9 folgt das Ungeheuer unter den Top 10. Like Rats machen vollkommen ranzigen, vercrusteten Death Metal der übelsten, räudigasten Sorte, mixen 80er US-Death Metal mit Sounds von Morgoth und Konsorten aus den 90ern. Ein ultrakurzes, ultrafieses, dreckiges Album. Auch das ist nicht neu, aber dafür ist es einfach so wunderbar bösartig.rome.jpg

Die bessere – im wahrsten Sinne des Wortes – Hälfte von Marilyn Manson erreicht mit „The Undoing“ Platz 8 meines Rückblicks. Tim Skold schmeißt mit Runen und Songtiteln wie „The Triumph Of The Will“ um sich, macht also in puncto Provokation schon mal einiges richtig. Musikalisch macht Skold ebenfalls keinerlei Kompromisse und bietet soviel Krach, wie man mit verzerrten Elektro Rock machen kann. Feinste Melodien, stampfende Beats, blechern-fiese Produktion. Um Lichtjahre besser als das was der Chef im letzten Jahrzehnt so verzapft hat.

Auf Platz 7 machen die Herren von Enslaved und Wardruna ebenfalls einiges richtig. Skuggsja haben mit ihrem selbsbetitelten Debut das beste nordische Wikinger-Folk-Metal-Album seit Storm’s [i]Nordavind[/i] aufgenommen – und das war immerhin 1992. Ein Meisterwerk, sicherlich, auch wenn es stellenweise sperrig, kühl und unzugänglich wirkt.

Mit Rome begegnet uns dann auf Platz 6 der nächste Dauergast meiner Jahresrückblicke. Leider ist „The Hyperion Machine“ nicht ganz so grandios wie einige der Frühwerke von Jerome Reuter, dennoch ist das ein herausragendes Stück Neofolk / Chanson – Kunst. Mit „Celine In Jerusalem“ hat Rome eines der Folkhighlights des Jahres abgeliefert, und auch sonst ist das ein erwachsenes, ungezwungenes Album voller wunderbarer Chansons.crypto.jpg

Damit erreichen wir die Top 5, und da gibt es drei für einen. Bereits im letzten Jahresrückblick waren The Steady As She Goes dabei, und auch im Jahr 2016 war die Band aus Brisbane mit einer EP, einem Re-Release und einem neuen Album ziemlich aktiv. „Cryptozoology“ erreicht mit seiner – ENDLICH! – originellen Sichtweise auf Doom, Elektro, Dark Ambient, Gothic und Metal Platz 5. Blechern und verstaubt wie uralte Fields Of The Nephilim, düster und obskur wie H.P. Lovecraft und einfach so ganz anders als alles andere.
Neben dieser doch eher obskuren und unbekannten Band schaffen es gleich drei weitere Debutalben in die Top 5 – ein Zeichen dafür, wie konservativ der Musikzikus unterwegs ist…

Die erste der neuen Bands liegt auf Platz 4 und heißt Fuath. Eigentlich gibt es dazu wenig zu sagen, außer dass das Black Metal von hynotischer Perfektion ist, die in dieser Form seit den frühen Tagen von Burzum so gut wie niemand mehr erreicht hat. Die fünf Tracks von „I“, insbesondere das fantastische „In The Halls Of The Hunter“ sind ein Meisterstück der schwarzen Raserei – das 2016 in seinem Genre nur noch von meinem Pollsieger übertroffen wird. Dazwischen manövriert sich aber noch ein weiterer Dauerbrenner, der aber längere Jahre still war. Ordo Rosarius Equilibrio erobern sich den Dark/Neofolk-Thron mit „Vision Libertine“ zurück.deathinrome.jpg

Das ist düstere Musik in Perfektion, Texte von nahezu literarischer Qualität, Melodien die direkt ins Schmerzzentrum gehen. Besser waren die latex-ledergekleideten Damen und Herren noch nie, und mit dem Titeltrack haben sie gleich auch noch den besten Song des Jahres am Start.
Auf Platz 2 folgt mit der „Hitparade“ von Death In Rome mehr Neofolk. Das Gesamtkkunstwerk, das sich zum Ziel gesetzt hat, möglichst grausige Popklassiker zu Meofolk-Songs klassischer Bauart umzubauen hat eingeschlagen wie eine Bombe. Neofolk mag stagnieren, Covern von Popsongs mag unoriginell sein – diese beiden abgehalfterten Dinge aber zusammenzuwerfen ergibt etwas grandioses Neues. Minus mal Minus ist eben…Plus.

Zu guter Letzt gibt es dann noch einmal Black Metal – Uada haben mit „Devoid Of Light“ mein Album des Jahres eingeprügelt. Für die Amerikaner gilt dasselbe wie für die Schotten von Fuath – das ist klassischer, räudiger, melodie-und hynosegetriebener Black Metal epischsten Ausmaßes der sich hinter „Det Som En Gang Var“ nicht verstecken muß – im Gegenteil.uada.jpg

Ein paar honourary mentions gibt es auch noch – für Dani Filths Zweitband Devilment, Covenant, Suns Of Thyme, Woven Hand, Tardigrada und die Bloody Hammers.
Zum Antesten möchte ich dann noch ein paar Soundbrocken loswerden – ohne Reihenfolge zusammengestellte herausragende Songs, die im Jahr 2016 das Licht der Welt erblickten und der Erwähnung wert sind:

Covenant – Dies Irae.
Ordo Rosarius Equilibrio – Vision Libertine.
Dark Millennium – The Failure.
Devilment – Hitchcock Blonde.
Woven Hand – Come Brave.
Fuath – In The Halls Of The Hunter.
Diorama – ZSA.
Suns Of Thyme – Intuition Unbound.
Baby Woodrose – Open Doors.
Bloody Hammers – Infinite Gaze To The Sun.
Uada – Black Autumn,White Spring.
Combichrist – Homeward.
Rome – Celine In Jerusalem.
Death In Rome – Wrecking Ball.
Katatonia – Last Song Before The Fade.

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