Drenge – ‚Eigentlich verstehen wir uns ziemlich gut‘

Mit dem Brüdersein ist das so eine Sache. Zusammen leben, abhängen, okay - aber zusammen Musik machen inklusive Touralltag, Aufnehmen, auf Texte Einigen? Spätestens, seitdem die Gallagher-Brüder ihren Stress in der Öffentlichkeit bis aufs Letzte ausschlachten mussten, ist klar, dass das zuweilen keine leichte Sache ist. Bei dem Brüderpaar von Drenge scheint es ganz anders zuzugehen. Pünktlich zum Release ihres zweiten Albums 'Undertow' trafen wir Eoin und Rory Loveless, um ihnen auf den Zahn zu fühlen. Ob bei den beiden nicht auch ab und zu die Fetzen fliegen und wie der Weg zur neuen Platte verlief, verrieten sie uns bei einem netten Gespräch in Berlin.

Nach erfolgreichem Debüt und einer ellenlangen Tour kommt ihr also nun mit neuer Scheibe wieder. Wie war es in der Zwischenzeit? Standet ihr sehr unter Druck?

Eoin: Fast zwei Jahre waren wir ununterbrochen auf Tour und zogen nach Sheffield für ein kleines Stück Unabhängigkeit. Direkt danach ging es allerdings wieder ins Studio. Neue Ideen für das Album wollten aber für gute vier Monate nicht aus uns herauskommen. Wir versuchten an einer Platte zu arbeiten, die irgendwie schon halb fertig war und mussten trotzdem noch neues Material hinzufügen. Also schrieben wir noch mehr und versuchten schon bestehende Songs besser klingen zu lassen. Wir packten also alle diese verzweifelt klingenden Teile Musik zusammen und irgendwann war es dann doch zum Glück ein ganz gutes Album.Drenge_1.jpg

Rory: Es war einfach so anders, weil wir wussten, dass wir dieses Mal ein Album machen. Beim letzten Mal waren wir noch in der Annahme, dass das Material auf irgendeiner EP landen würde. Das Album passt im Gesamtbild einfach besser zusammen.

Und dann habt ihr gleich einen absoluten Vollstart hingelegt: David Letterman lud euch in seine Show ein. Ist das nicht ein seltsames Gefühl, direkt mit der ersten Single euer US-TV-Debüt hinzulegen?

Rory: Ja, es war wirklich ein ziemlich krasser Start. Jetzt ist es aber wieder ganz anders und wir arbeiten uns langsam zurück nach vorn.

Eoin: Es war eine schöne Art zu sagen, dass wir wieder da sind. Anstatt damit irgendwann inmitten der Tour anzukommen.

Für das neue Album habt ihr euch Unterstützung am Bass geholt. Wann kam es zu eurer Entscheidung, einen Bassisten aufzunehmen?

Rory: Wir haben einfach angefangen Songs zu schreiben, die dringend eine Bassgitarre brauchten, anstatt wieder nur eine Gitarre zu haben. Von dem Punkt an wuchs und wuchs das Projekt dann und wir fragten unseren Freund Rob, ob er spielen wolle. Und er sagte ja. Wir haben eh nie damit gerechnet, dass wir als Zwei-Mann-Band enden würden. Wir wollten einfach in einer Band sein und wir waren nur zwei Leute (lacht). Es war einfach aus praktischen Gründen. Und jetzt, wo wir endlich was ändern können, packen wir Teile dazu und machen Songs, die nicht mehr an Notwendigkeit gebunden sind. Sondern nur an das, was wir wollen!

Was ist mit euren alten Songs? Bekommen die jetzt auch ein Upgrade?

Eoin: Es gibt einige Songs auf denen Rob auch mal eine zweite Gitarre spielt, die sehr interessant klingen. Insgesamt klingt das gesamte Material viel stämmiger.

Welche Songs im Besonderen?

Eoin: Also ‚Nothing‘ klingt besonders cool mit Bass und auch ‚Let’s Pretend‘ ist ganz gut. Es ist einfach schön und günstig einen Bassspieler zu haben, anstatt irgendwelche künstlichen Effekt-Pedale zu benutzen, oder nur den Tontechniker ein bisschen Bass hinzufügen zu lassen. Es ist der ehrlichere Weg, die Songs zu transportieren.

Es scheint, als hätte euch das auch mehr Freiheiten zum Experimentieren gegeben. Gerade wenn man euer neues Album hört, merkt man, dass ihr auf einigen Songs sehr viel mehr probiert. Da fällt mir gleich das sehr poppige ‚The Woods‘ ein. Oder das düstere und tiefgründigere ‚Running Wild‘ …

Rory: Ja, total! Das ist genau das, in was wir uns entwickeln wollten. Zwischen den Aufnahmen der beiden Alben haben wir so viel mehr Musik gehört, die uns sehr beeinflusst hat. Also probierten wir ein paar mehr Dinge aus.

Aber eure erste Single ‚We Can Do What We Want‘ greift wieder viel vom ersten Album auf. Das Video begleitet einige angriffslustige junge Erwachsene und zeigt eine Menge Aggression, die euch für euer Debüt ständig attestiert wurde. Ist das Provokation oder einfach nur pure Ironie?

Eoin: Ich würd sagen, es ist nicht unbedingt unser bester Song auf dem Album. Ich denke, es ist einfach besser, als erstes einen Song zu veröffentlichen, bei dem die Leute denken, dass du dich nicht verändert hast. Es ist leichter, als wenn man gleich einen rausbringt, der ein wenig experimenteller ist. Das wirkt entfremdend auf Leute, gleich mit einem Song zu beginnen wie ‚Have You Forgotten My Name‘, unser letzter Track auf der neuen Scheibe.

Ich muss sagen, dass mich die zweite Hälfte eures Albums auch sehr überrascht hat! Um nur mal auf ‚Have You Forgotten My Name‘ zurück zu kommen: Eure Texte sind ungewohnt emotional. An einer Stelle singst du: ‚What have I become, I left my friend, I am so different now‘. Ein Gefühl, das euch nicht mehr loslassen will?

Eoin: Das ist so symptomatisch für das ganze Touren und unseren sehr engen Terminplan. Es ist einfach das, was viele Bands fühlen, wenn sie eine Ewigkeit unterwegs gewesen sind. Das heißt nicht, dass wir das nicht wollen! Aber es wird immer einen Einfluss darauf haben, wie du Dinge wahrnimmst. Wir verpassen Hochzeiten, Familientreffen, und du merkst einfach, dass Beziehungen mit anderen Menschen kaputtgehen. Wenn du nach Hause gehst und mal runterkommst, werden viel weniger Leute fragen: ‚Hey, hast du Bock was zu unternehmen?‘ Einfach nur, weil sie annehmen, dass du eh beschäftigt bist. Ich will jetzt aber auch niemandem dafür die Schuld in die Schuhe schieben. Es ist also nicht nur über das Touren, es ist ein bisschen mehr als das, aber es entspringt diesem Gefühl. Der Zerfall deiner gewohnten Umgebung.Eion_Drenge.jpg

Irgendwie ja auch eine Sache, die passiert, wenn man älter wird. Ihr wart ja auch noch sehr jung, als ihr anfingt zu spielen und habt noch bei euren Eltern zu Hause gelebt …

Eoin: Oh ja, einige Songs auf der ersten Platte schrieb ich mit 17! Das ist schon sechs Jahre her. Und ich hoffe sehr, dass das zweite Album wiederspiegelt, dass wir erwachsener geworden sind. Ich glaube, dass das viel offensichtlicher geworden ist mit den neuen Songs. Wir haben nichts zwischendrin veröffentlicht, als Übergang. Wir haben uns einfach sehr verändert.

Definitiv! Nicht nur in Texten oder der Instrumentation. Eoin, du hast dich auch gesanglich sehr entwickelt …

Rory: Ich denke, das kommt davon, wenn man zwei Jahre ununterbrochen spielt und so viel mehr Druck ausgesetzt ist. Wir hatten echt viel Zeit im Studio, was gut war, um wirklich mal richtig experimentieren zu können. Aber wie Eion schon gesagt hat, man wird halt älter, besser und selbstbewusster in dem, was man tut!

Eoin: Der Gesang auf dem ersten Album ist sehr aggressiv und rau. Wenn du jeden Tag so singst, dann ist das ziemlich ungünstig. Du machst dir einfach deine Stimme kaputt, du kannst nicht singen, nicht sprechen und dann wäre es das schnell wieder mit der Musikkarriere. Und dann bist du wieder auf der Bühne und auf einmal singst du ‚richtig‘ und trainierst deine Stimme. Ich dachte mir immer: ‚Hm, also so klingt das nicht auf dem Album‘ (lachen). Da schrei ich einfach nur. Auf Umwegen kommt dann die Stimme doch zum Vorschein (schmunzelt). Aber ich muss echt sagen, es ist so komisch, wenn du deine Stimme für das Album aufnimmst! Du musst diesen trocken Samples zuhören. Immer und immer wieder … Das ist das erniedrigendste Gefühl überhaupt! Es ist einfach schrecklich.(lacht)

Mit deinen Aufnahmeerfahrungen im Hinterkopf, fühlt ihr euch wohler auf Tour als im Studio?

Rory: Aufnehmen ist einfach wunderbar, aber es verlangt dir alles ab. Und Touren ist wunderbar, aber es verlangt dir alles ab. Also eher so: Wenn du zu viel von einer Sache hattest, dann willst du schnell wieder in die andere Richtung rennen.Rory_Drenge.jpg

Eoin: Wir hatten ein paar Shows nach der Hälfte unserer Aufnahmesessions geplant. Wir sollten in Japan spielen und sie wurden abgesagt. Dieser kleine Hoffnungsschimmer verschwand einfach. Das war das erste Mal nach vier Jahren, dass die Band keine neuen Shows im Kalender stehen hatte! Sonst hatten wir immer was.

Dann müsst ihr ja danach dürsten, endlich wieder live zu spielen!

Eion: Oh ja! (lacht)

Als Brüder seid ihr euer ganzes Leben lang schon zu zweit aufgewachsen und habt dann noch beschlossen, eine Band zu gründen. Klingt anfangs nach einer Menge Spaß, aber kommt ihr auch zu dem Punkt, wo ihr merkt, dass euch der andere total auf die Nerven geht?

Rory: Wir haben zwar bei unseren Eltern zusammengelebt, aber jetzt hat jeder sein eigenes Haus in Sheffield. Ich glaub das gibt einem eine gute Auszeit vom anderen. Wir haben dort unseren eigenen Freiraum. Klar streiten wir auf Tour, aber eigentlich verstehen wir uns ziemlich gut.

Eoin: Ich glaube wir wissen einfach, wann wir den anderen in Ruhe lassen oder ihn ignorieren sollten …

Rory: Aber es ist auch so leicht, den anderen zu nerven! (beide lachen laut) Wenn wir touren, gibt es noch eine Menge anderer mit uns im Van, die uns sagen, wann es genug ist.

Was war euer schlimmster Streich?

(beide kommen aus dem Lachen nicht mehr raus, antworten nicht, schauen sich nur an)

Eoin: Oh ich weiß nicht, da gibt es so viel… Oh Mann, ich muss gerade echt überlegen, was die beste Antwort darauf ist.

Rory: Es gibt nichts, das hervorsticht. Es sind so kleine Dinge, die man einfach nicht verstehen kann. Und sie machen erst recht keinen Sinn für andere. (Eoin kichert) Wir zwei sind fruchtbar gehässig, wenn es um den jeweils anderen geht.

Mensch Jungs, jetzt müsst ihr schon ein bisschen erzählen …

Eoin: Weißt du, das meiste passiert eigentlich, wenn der andere einen Witz macht und denkt, dass er super witzig wäre. Der andere findet das aber eigentlich gar nicht witzig und damit unterhältst du ihn dann wieder… Ach, ich weiß nicht. Wir gehen damit anders um. Aber am meisten nerven wir uns wahrscheinlich an Orten wie Flughäfen, da haben wir immer eine Menge Zeit und es kann ein sehr interessanter Ort für Streiche sein.

Wie ging es bei euch zu Hause zu? Klassische Rollenverteilung, einer hat das Sagen, der andere steht schüchtern in der Ecke?

Rory: Ich war definitiv der klassische kleine Bruder beim Aufwachsen. Ich weiß noch, dass mir Eion einmal erzählte, dass Baggy-Jeans cool seien. Ein wenig später feierte dann mein Vater seinen Geburtstag und ich erinnere mich, dass ich meine Mutter fragte, ob sie mir die weitesten Hosen im Schaufenster kaufen könnte. Und ich kam zurück mit den Hosen und er lachte mich doch tatsächlich dafür aus! (Guckt vorwurfsvoll zu Eoin) Das war so gemein! Aber ich glaube ich habe es langsam verkraftet… (tut, als ob er weinen würde)

Eoin: Auch wenn wir nicht so auf Charakteranalysen stehen, Rory war definitiv der Wilde und ich der Vernünftige!

Und wie sieht’s aus mit der Musik? Gibt es da große Kämpfe oder seid ihr euch schnell einig?

Rory: Als wir die Band starteten, gab es eine Menge Kämpfe! Und dann ging es ab ins Studio. Da mussten wir uns etwas beruhigen. Weil du einfach eine klarere Vorstellung davon bekommst, wie die Songs wirklich klingen sollen, ist das einfacher. Davor hast du fünf verschiedene Pfade und du probierst ewig aus, was dir nun am besten gefallen könnte.

Eoin: Eine Person kann eine komplett andere Interpretation von einem Song haben als die andere. Trotzdem denken beide, dass es ein unglaublicher Song ist und dann musst du dem anderen irgendwie erklären, was dahintersteckt.

Rory: Genau!

Eoin: Und dann interessiert sich der andere nicht mehr für deine Interpretation. Weil seine Version einfach besser ist als deine eigene. Das ist ein ziemlicher Balanceakt. Es ist echt kompliziert, diese Verantwortung mit dem anderen zu diskutieren, und dann stell dir das noch zu mehreren vor! Fünf Leute können da schnell den schlimmsten Stress überhaupt haben. Zum Glück wollen wir beide einfach nur das Beste aus uns rausholen, und keiner möchte, dass der andere unglücklich mit der Entscheidung ist. So funktioniert unsere Beziehung in dem Fall.

Kommen wir mal zu eurem Blog, den ihr auf eurer Homepage betreibt. Ihr ladet viele witzige Fotos hoch und scheut euch nicht, Fragen von Fans ironisch und ehrlich zu beantworten. Macht ihr das in Zusammenarbeit oder ist einer von euch für den Part zuständig?

Rory: Wir teilen das! Wir laden hoch, was wir wollen und der andere auch witzig finden könnte. Manchmal denkt man sich aber echt ‚Was um Himmels Willen ist das?‘ (lacht) Wo hast du das gefunden und warum musst du das hochladen? Es macht eine Menge Spaß und es ist ein guter Weg, um mit unseren Fans in Kontakt zu bleiben. Leider machen wir es einfach viel zu wenig in letzter Zeit.

Stimmt, der Blog hat schon bessere Zeiten gesehen …

Eoin und Rory: Oh ja!

Eoin: Mir fällt dazu ein, dass ich einmal in einer unglaublich ungünstigen Situation etwas postete. Unser Label hatte gerade die Tourdaten auf der Seite veröffentlicht und eine Minute später hab ich ein richtig cooles Foto von Freddy Mercury und Darth Vader gefunden und dachte mir ‚Ja, das wäre großartig!‘. Also lud ich es auf die Seite hoch und dann merkte ich erst, dass das vielleicht ein wenig die Tourankündigung überschatten würde. (lacht)

Rory: Vielleicht ist es auch einfach ein bisschen wichtiger.

Eoin: Es ist ein sehr ungewöhnliches Bild…

Da werden doch trotzdem noch genug zur Tour gekommen sein.

Eion: Meinst du zu der von Freddy und Darth Vader? (alle lachen)

Also den gleichen Humor teilt ihr definitiv!

Rory: Ja, das glaub ich allerdings auch! Es ist so komisch, weil viele Leute wirklich denken, dass das, worüber wir lachen können nicht witzig ist. Da merkt man halt, dass wir Geschwister sind. Es ist echt verrückt, unser Bassspieler, Rob, der ist ein Einzelkind. Wir müssen total bescheuert auf ihn wirken… Es gibt einfach Dinge, die kannst du niemand anderem erklären.

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