Chemnitz: Der Schrei nach Solidarität

Vor kurzem fand in Chemnitz unter dem Motto #wirdsindmehr ein Konzert gegen Rechtsextremismus statt. Die Veranstaltung stand in der Kritik – schließlich war einige Tage zuvor ein Mensch nach einer Messerstecherei mit Flüchtlingen gestorben, rechtsextreme Gruppen organisierten umgehend Proteste. Die gesamte Stadt befand sich in einer Art Ausnahmezustand. Warum es dennoch die richtige Entscheidung war, mit Musik ein klares Zeichen gegen Rechts zu setzen.

Nach dem Tod von Daniel H. aus Chemnitz kochten die Emotionen hoch, die Stimmung in der Stadt – im ganzen Land – ist aufgeheizt. Rechtsextreme Gruppierungen organisierten kurzerhand Demonstrationen, auf denen der Hitlergruß gezeigt, Naziparolen skandiert und ausländische Mitbürger attackiert wurden. Viele Chemnitzer Bürger schlossen sich ungeachtet dieser klar rassistischen Konnotation diesen Protesten an, weil sie sich nicht mehr sicher fühlen, Ängste haben, sich Gehör verschaffen wollen – und vielleicht keine Idee haben, wie das auf anderem Weg gelingen könnte.

Gegenproteste ließen nicht lange auf sich warten, denn eines war klar: Man wollte den Rechtsextremen und Rassisten nicht das Feld überlassen. Man wollte zeigen, dass mitnichten alle Chemnitzer gutheißen, was gerade auf ihren Straßen passiert. Ein starkes, lautes Zeichen der Solidarität sollte gesetzt werden. Eines, das nicht zu überhören ist. Also fand unter dem Motto #wirsindmehr am 3. September ein Soli-Konzert statt – unter Beteiligung des Bündnisses Chemnitz Nazifrei, zahlreicher weiterer Initiativen gegen Rechts und namhafter Bands.

Mit an Bord: Kraftklub, deren Heimatstadt Chemnitz ist und die nicht das erste Mal gegen Rechts auf der Bühne standen. Trettmann, Rapper und ebenfalls Chemnitzer. Feine Sahne Fischfilet, eingefleischte Punks aus Meck-Pomm mit einer klaren Position kontra Rechts, wenn auch inhaltlich nicht unumstritten. K.I.Z., Berliner Rapper, inhaltlich ebenfalls nicht unumstritten. Marteria & Casper, Rapper mit ziemlich breiter Fanbase. Nura, Rapperin mit saudi-arabischen und eritreischen Wurzeln. Und, als Headliner, Die Toten Hosen – Urgesteine im Engagement gegen Rechts und eine Band, die inzwischen die breite Masse erreicht, auch mit alten politischen Gassenhauern wie „Sascha … ein aufrechter Deutscher“, „Madelaine (aus Lüdenscheid)“ oder „Willkommen in Deutschland“.

Ziemlich schnell wurde Kritik an der Veranstaltung laut, Tenor: Es ginge nicht um das Opfer, man tanze auf dessen Grab und feiere angesichts eines tragischen Todesfalls, den man zudem noch instrumentalisiere. Außerdem kämen die Leute nur, um eine gute Zeit zu haben, ein Gratis-Konzert zu sehen und nicht wegen der Sache an sich – der Solidarität gegen Rechtsextremismus, die über der Veranstaltung steht.
Natürlich lässt sich darüber streiten, ob ein Konzert angesichts der traurigen Hintergründe eine angemessene Form des Protestes ist.

Natürlich kann angesichts zehntausender gutgelaunter Menschen der Eindruck entstehen, es ginge nur darum, zu feiern. Vielleicht sind ein paar der 65.000 Besucher tatsächlich nur gekommen, um für lau gute Bands zu erleben. Aber, um es mit Felix Brummers (Kraftklub) Worten zu sagen: „Wir geben uns nicht der Illusion hin, dass man ein Konzert macht und damit alle Probleme gelöst sind. Aber es ist wichtig, dass man sich nicht allein fühlt.“ Genau das ist der Kern der Sache. Musik bringt Menschen zusammen. In diesem Fall Menschen, die sich vermutlich nie auf Einzelkonzerten der beteiligten Acts getroffen hätten. Was diese Menschen eint ist der Wunsch nach einer Gesellschaft, in der Rassismus, Rechtsextremismus und Fremdenfeindlichkeit keinen Raum haben und in der diejenigen, die diese Dinge propagieren, auf ihren Platz verwiesen werden. 65.000 Chemnitzer und Menschen aus ganz Deutschland haben ihre Solidarität demonstriert. Ihre Solidarität mit einer Stadt, die gerade in Aufruhr ist und nicht den Stempel eines Horts braunen Gedankenguts aufgedrückt bekommen will.

 

Text: Christina Freko
Fotocredits: facebook.com/wirsindmehrwsm

 

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