Broilers – Happy new Hear

Die Broilers betitelten ihr jüngstes Machwerk mit (sic!) sozusagen höchst wissenschaftlich. Man muss aber keineswegs Angst haben, dass es darauf allzu sehr akademisch-verkopft zugeht, wie der Titel vermuten ließe. Warum Sie aber Gefühlsmenschen sind und die Platte ein Harmoniemonster geworden ist, hat uns Gitarrist Ron Hübner erzählt. Und auch, was man gegen übles Musiker-Reisefieber tun kann und warum sie mittlerweile lieber auf der Couch als auf dem Boden sitzen.

Die Broilers melden sich zurück. Fast auf den Tag genau drei Jahre nach der polarisierenden ‚Noir‘ und einem ganzen Jahr der schwer gefallenen Liveabstinenz, wie uns Ron erzählt, steht nun mit ‚(sic!)‘ eine grellorangene Platte im Regal. Die erstaunlich direkt ist und damit auch ziemlich unerwartet. So darf man ‚(sic!)‘ durchaus auch als Standortbestimmung sehen.

‚Dass es alles so richtig war, wie wir es bisher angegangen sind. Dass wir für uns keine Fehler gemacht haben und der Weg, den wir gegangen sind, für uns richtig war. Wir haben uns da nicht verbiegen lassen.‘

So haben die Broilers auch wieder mit Produzent Vincent Sorg zusammengearbeitet und in den Principal Studios in Münster aufgenommen. Broilers_2017_2_credit_Robert_Eikelpoth.jpg

‚Wenn man das Studio und den Produzenten bereits kennt, fühlt man sich wohl, man versteht sich. Man kann sich mit Vincent prima streiten, man kann mit ihm gut lachen und wir sind auf einer Wellenlänge. Er gibt uns Empfehlungen, wie er das machen würde, aber es liegt an uns selber, ob wir etwas ändern.‘

Beste Bedingungen also, um entspannt die Arbeit an einem neuem Album zu beginnen, wie der Gitarrist weiter berichtet:

‚Da haben wir uns jetzt nicht den Stress gemacht, sondern frei von der Leber weg alles rausgespielt und rausgeschrieben. Es entsteht immer genau das zu dem Zeitpunkt, wie es gerade gefühlt wird.‘

Nun, da hatte das Jahr 2016 ja genug Steine des Anstoßes zu bieten, die in die Texte von Sänger Sammy Amara eingeflossen sind:

‚Vieles, was er von außen aufnimmt und wie gerade seine Stimmung ist, lässt er in seine Texte einfliessen. Es sind einige politische Sachen darin, 2016 war natürlich ein krasses Jahr. Da ist ihm einiges auf den Sack gegangen, egal ob das jetzt eine Abrechnung mit dem Rechtsruck oder dem aufkommenden Populismus ist. Das hat auch immer sehr viel mit Gefühlslage bei ihm zu tun. Je schlimmer es aussieht, desto bessere Texte kommen dabei rum.‘

Doch nicht nur bei den Texten scheint die momentane Situation ihren Eindruck hinterlassen zu haben, überhaupt ging es diesmal alles erstaunlich harmonisch zu.

‚Wir waren ziemlich schnell einer Meinung bei allem und uns sicher, dass es direkt den richtigen Weg geht. Zum Ende hin hat Sammy nochmal einige Texte hinterfragt, war selber nicht hundertprozentig zufrieden. Das ist aber immer das Problem vom Urheber, dass man bei den Texten noch mehr hätte rauskitzeln können. Das ist auch eines der Alben von uns, wo wir von vornherein die Sachen gespielt haben und sofort zufrieden waren. Klingt vielleicht blöd, aber es lief einfach.‘

Und zwar so sehr, dass auch eine seit Jahren locker schwelende Songidee diesmal das Zeug zum Lieblingslied hatte, so Ron

“Irgendwas in mir‘ ist von 2009/2010 und ist immer weiter mitgereift. Es war aber noch nie so weit, dass es mit auf irgendeine Platte gepasst hätte. Jetzt war es soweit.‘

Der Düsseldorfer Combo eigen ist die berühmt-berüchtigte Wunschliste. Eine Liste, welche die Band seit ihrer Entstehung begleitet und auf der die Ziele festgehalten werden, seien sie noch so realitätsfern oder unerreichbar – bis heute. Doch nach dem Auftritt in der ehemaligen Philipshalle in Düsseldorf war auch das letzte dieser Ziele erreicht. Und nun?

‚Es ist schön, wenn man Ziele abhaken kann. Zum Beispiel als wir in der Philipshalle gespielt haben, was eines der größten Ziele seit Anbeginn der Band war. Man setzt sich natürlich neue Ziele. Diese sind vielleicht nicht mehr so weitreichend, aber es gibt genügend utopische Sachen, die wir uns auf die Liste schreiben und bei denen wir sagen ’nein, das werden wir nie erreichen‘ und mit den Ohren schlackern, wenn wir das in zehn oder zwanzig Jahren doch erreicht haben.‘

Na dann. Haben zumindest die Broilers ihren Plan, wohin die Reise gehen soll. Apropos Reise. Wer seit weit mehr als 20 Jahren so gerne zusammen rumhängt, für den ist ein Jahr völliger Live-Abstinenz fast schon eine nervliche Zerreißprobe und unerträgliche Hibbeligkeit zugleich.

‚Sonst haben wir uns nie ein Jahr komplett frei genommen. Wir haben immer zwischen den Konzerten geprobt und neue Sachen gemacht. Haben an neuen Sachen gearbeitet, sind ins Studio gegangen und hatten immer so ein Hin und Her. Letztes Jahr waren wir nur im Proberaum und im Studio. Da hieß es irgendwann, wir müssen jetzt die Sachen packen und los. Das reicht nicht, dass man geschlossen in die Altstadt geht, sondern wir mussten einfach ein paar Tage weg. Da hat sich London angeboten, mit den Punkrockwurzeln, wir haben uns da auch ein paar Ausstellungen angeschaut im Bezug darauf.‘

Broilers-2017_4_credit_Robert Eikelpoth.jpg „Wer selbst im Urlaub so geschichtsträchtig unterwegs ist, für den ist es dann nur folgerichtig zum Song ‚Keine Hymnen Heute‘ ein Video ins Netz zu stellen, das sehr klar und direkt Stellung bezieht. Dass sie dafür nicht nur Zuspruch ernten, ist leider kein neues Phänomen der Internet-Stimmungsmache. Aber definitiv ein Thema im Proberaum.

‚Wir sagen uns immer, wir wollen die Kommentare nicht lesen, aber man erwischt sich doch immer wieder dabei. Es sind viel mehr positive Resonanzen da als negative, aber man sieht meist nur die Negativen. Wir versuchen das nicht an uns heran zu lassen, weil wir sehr zufrieden damit sind, was wir da geschaffen haben.‘

Fast im Hintergrund haben die Broilers nun mit Skull & Palms Recordings auch noch ihr eigenes Label gegründet. Zwar wurden erst kürzlich die alten Scheiben darauf wiederveröffentlicht, doch der offizielle Startschuss ist jetzt erst mit ‚(sic!)‘ gefallen.

‚Die Arbeit ist tendenziell eher mehr geworden, was aber auch schön ist, weil wir selber entscheiden können und nicht erst noch mit einem Label diskutieren müssen. Der Vertrag mit People Like You ist ausgelaufen, da lag es eigentlich auf der Hand, es komplett selber zu machen. Alles andere wäre wahrscheinlich einfacher gewesen, aber wir geben ja ungern was aus der Hand.‘

Mit eigenem Label im Rücken hat man es natürlich auch besonders leicht, die eigene Fanbox genau so umzusetzen, wie man sich das vorstellt, und nicht krampfhaft eine zu veröffentlichen, weil das jetzt state of the art ist.

‚Ich mag es, wenn die Leute sich Gedanken machen und nicht einfach nur eine hingerotzte Box machen, weil man das muss. Wir gucken, dass wir das reinpacken, was wir selber haben wollen würden, von einer Band von der wir Fan sind. Wir geben uns da schon sehr viel Mühe mit. Wir wollen immer noch das Produkt als wertiges Produkt haben, weil wir selber Sammler sind und uns selber die Sachen hinstellen und schön finden. In der Jugend hat man sich eine CD gekauft, hingesetzt, volle Pulle angemacht und die Texte von vorne bis hinten durchgelesen. Jetzt setzt man sich vielleicht nicht mehr auf den Boden vor die Box, sondern auf die Couch, aber ähnlich sieht das immer noch aus bei uns. Es ist schade, dass diese Kultur so ein bisschen eingeschlafen ist.‘

Fotocredits Bild 1 und 2: Robert Eikelpoth

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