Nameless Day Ritual

Birth

  • Artist: Nameless Day Ritual
  • Album: Birth
  • Label: SAOL
  • Release: 2016-02-19
  • Medium:
  • Bewertung:1-

Alternative Metal ist so Neunziger, daß man einen bestimmten Sound erwartet, wenn man den Begriff heutzutage liest. Irgendwie Nu Metal, irgendwie Grunge, vielleicht ein bißchen Elektro und das Ganze irgendwo zwischen nostalgisch-herzerwärmend und peinlich zum Fremdschämen. Und dann landet ein Debütalbum einer bulgarischen Band im Redaktionsbriefkasten, daß es tatsächlich schafft, den Genre-Begriff von diesen Klischees zu befreien. Hinter Nameless Day Ritual verbergen sich einige der erfahrensten Rockmusiker Bulgariens, das auf der virtuellen Landkarte hipper Musik-Neuentdeckungen ziemlich abgeschlagen liegen dürfte. Zumindest bisher. Streng genommen ist „Birth“ eine EP mit „nur“ sechs Songs und einer Spielzeit von rund 35 Minuten. Doch das ist kein Makel, denn das Debüt ist eine runde, stimmige Sache und die sechs Songs bieten viel.

Los geht’s mit orientalisch anmutenden Gitarren zu ‚Far Out‘, das sich zwei Minuten beeindruckend auf einen ersten Höhepunkt hin zum härtesten Song des Albums steigert. Der ist erreicht, wenn sich Sängerin Asya Katrandzhieva mit elektronisch verfremdeten Screams die Stimmbänder wund röhrt. In diesen Momenten klingen Nameless Day Ritual wie eine atmosphärische Voll-auf-die-Zwölf-Metalcore-Band. Beim Titeltrack lässt dagegen nur die Rhythmusgitarre erahnen, dass es sich hier um Rockmusik handelt. Die Leadgitarre klimpert sphärisch-melodiös ein unscheinbares und gemächliches Ambient-Thema vor sich hin und Katrandzhieva säuselt dazu die Strophen. Wenigstens bis zum derbe-beeindruckenden Screamo-Refrain. Ein spannender Auftakt.

Bei „I“ setzen die Südosteuropäer auf die gleiche Rezeptur aus (dieses Mal rhythmisch anspruchsvollen) Riffs, wechselnd sanftem Singen und schmerzerfüllten Screams und einen melodischen Gegenpart mit Hilfe der Leadgitarre. ‚Chiming Through‘, bei dem Nameless Day Ritual gänzlich auf Screams ihrer Frontfrau verzichten, erinnern von Sound und Atmosphäre an die neueren Stücke von Anathema. Hier umschmeichelt die warme, dynamische Stimme von Katrandzhieva die Melodie oftmals in der Manier einer talentierten Pop-Sängerin. Aber natürlich hat der aufmerksame Zuhörer von Beginn an bemerkt: Sanft alleine ist nicht das Ding der Bulgaren, und sollten die wunderschönen Melodien noch so sehr danach verlangen.

Die immer dynamische Hochzeit von seidig-sanften Melodien und komplexen, harten Rhythmen, von Screams und schaurig-schönem Klargesang machen aus jedem Titel auf „Birth“ ein aufregendes Stück Musik. Was die vier musikalisch potenten Herren um Frontröhre Asya Katrandzhieva mit „Birth“ abliefern, hat das Potential, zu einem der „next big things“ zu werden. Nicht im Metal-Mainstream vielleicht, aber in der Nische für experimentierfreudig-anspruchsvolle Musikkonsumenten irgendwo zwischen Metalcore, Progressive-Metal, Ambient und Industrial.

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