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Running Wild - Die Remasters (1)

Was genau eigentlich "Pirate Metal" darstellen soll, weiß keiner so genau. Schließlich klingen Alestorm komplett anders als Swashbuckle, und nach Running Wild, die das "Genre" erfunden haben, klingen die alle nicht. Womöglich ist das alles auch deshalb so unklar, weil die alten Running Wild-Scheiben für Jahre nicht mehr erhältlich waren. Dank Universals "Noise lebt!"-Kampagne wird dem nun Abhilfe geschaffen.




Der Nachfolger "Port Royal" hatte den Vorteil, nach den Erfolgen von "Under Jolly Roger" und dem leider nicht wiederveröffentlichten Livealbum "Ready For Boarding" ein vernünftiges Aufnahmebudget zu haben. Ebenfalls im Gepäck: die neue, auf dem Livealbum bereits vorgestellte Rhythmusgruppe Jens Becker (bass) und Stefan Schwarzmann (drums), die im Gegensatz zu ihren Vorgängern deutlich filigraner und variabler agierte, ohne an Druck zu verlieren. Dazu kommt das deutlich melodischere und (auch wenn das damals niemand so nannte) progressivere Songwriting, das nicht nur ein Epos wie den Albumcloser 'Calico Jack' mit Breaks, Rhythmus- und Taktwechseln verfeinerte, sondern auch typische Running Wild-Mitgröhler wie 'Raging Fire', 'Into The Arena' und 'Warchild'. Mit 'Uaschitschun' und 'Conquistadores' zeigten sich Running Wild auch von einer bis dato ungewohnt melodischen, ja, fast kommerziellen Seite. Dabei kam Rolfs stark verbesserter Gesang besonders zur Geltung - nach Stimmproblemen auf der vorangegangenen Tour hatte er sich Hilfe bei einem Gesangslehrer gesucht und einen im Vergleich zum Vorgänger enorm beeindruckenden Fortschritt gemacht.

Doch was "Port Royal" damals wie heute das I-Tüpfelchen aufsetzt, ist das dominante, hochmelodische und originelle Basspiel von Jens Becker, der nicht nur im Instrumental 'Final Gates' und im Solo-Intro von 'Conquistadores' bewies, das er locker auf Steve Harris-Niveau spielte. Auf "Port Royal" hatten Running Wild schlicht ihr perfektes Line-Up gefunden - es sollte freilich beim nächsten Album schon wieder Geschichte sein. Als Bonustracks gibt es hier eine 1992er Version von 'Uaschitschun' und wieder zwei als Neueinspielungen ausgegebene Tracks, die aber unüberhörbar identisch mit den Albumtakes sind. Das Album gehört natürlich trotzdem in jede ernstzunehmende Metal-Sammlung.


Selbst der Abgang von Drummer Stefan Schwarzmann konnte Running Wild Ende der Achtziger nicht stoppen. Sein Nachfolger, der Brite Iain Finlay, agierte zwar deutlich straighter und weniger verspielt, doch das fünfte Running Wild-Album "Death Or Glory" steht seinem Vorgänger dennoch in nichts nach, wie schon der Vollgas-Opener 'Riding The Storm' klarmacht. Noch mehr als auf "Port Royal" setzte die Band auf eingängige Hooklines, was dem Album prompt Platz 45 in den deutschen LP-Verkaufscharts einbrachte und mit 'Bad To The Bone' sogar erstmals MTV-Airplay. Zwar wurden hier erstmals kritische Stimmen laut, die bemängelten, daß das Album stilistisch ziemlich exakt der Linie des Vorgängers entsprach. Das war objektiv nicht von der Hand zu weisen, doch dank erstklassiger Metal-Ware wie 'Evilution', 'Marooned', 'Battle Of Waterloo' oder 'Running Blood' störte sich mit Recht kaum ein Running Wild-Fan daran. Auch "Death Or Glory" kommt als Doppel-CD. Leider schon wieder mit zwei unsinnigen, als Neueinspielungen ausgewiesenen Doubletten, aber auch mit der kompletten 1990er EP "Wild Animal", die neben einer erneuten Neuaufnahme von 'Chains And Leather' noch drei absolute Kracher enthält: 'Wild Animal', 'Tear Down The Walls' und vor allem der Ohrwurm 'Störtebeker' gehören allesamt zu Running Wilds Glanzstücken.

Die Running Wild-Re-Issue-Kampagne ist ganz klar eine willkommenen und auch weitestgehend gelungene Aktion geworden. Alle Alben kommen als Digipacks in mattem Finish und enthalten Linernotes, bei denen Rolf Kasparek einen guten Einblick in die Umstände der jeweiligen Albumproduktionen gibt. Das erneute Fehlen jeglicher Texte ist ziemlich ärgerlich, doch dafür gibt's bei jedem Album ein Fotos aus Rolfs Archiv, Bandportraits, Backstagepässe, Tickets, Plakate, Magazincover und so weiter. Und natürlich wurde auch die Schatzkarte vom "Under Jolly Roger"-Innencover reproduziert.

Auch musikalisch gibt es mit Ausnahme der unnötigen "2003 Re-Recordings", die eben deutlich hörbar keine sind, nichts zu mäkeln. Das Remastering ist ordentlich - audiophile Qualität ist speziell bei den ersten drei Scheiben aber natürlich aufgrund des Ausgangsmaterials nicht zu erwarten. Zwar gibt es kein komplett unveröffentlichtes Material zu hören, doch werden hier tatsächlich fast ALLE zeitgenösischen Bonustracks von Singles, Samplern etc. versammelt - mit einer einzigen Ausnahme: wo, bitteschön, ist die "First Years Of Piracy"-Version von 'Walpurgis Night' abgeblieben? Das macht im Zusammenhang mit den "2003 Re-Recordings" den Eindruck, als habe der für die Serie verantwortliche Product Manager Jon Richards (der auch für die katastrophalen Helloween-Remasters 2006 verantwortlich war) einmal mehr eher schlampig recherchiert. Dennoch, gerade für jüngere Hörer ist es natürlich schön, die Klassiker endlich wieder ganz regulär kaufen zu können. Die nächsten vier Alben erscheinen übrigens schon Ende diesen Monats - watch this space!

Abschließend noch unsere Notenvergabe:

Gates To Purgatory: 2+
Branded And Exiled: 2-
Under Jolly Roger: 2+
Port Royal: 1
Death Or Glory: 1-




Fortsetzung Running Wild - Die Remasters (1) Seiten 1 2

 

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SaschaG
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