The Piggyback Riders

Midnight At The Tenth Of Always

  • Artist: The Piggyback Riders
  • Album: Midnight At The Tenth Of Always
  • Label: Wild Kingdom
  • Release: 2017-05-12
  • Medium:
  • Bewertung:3+

Weshalb ausgerechnet die Schweden in den letzten zwanzig Jahren zu den Gralshütern ausgestorbener amerikanischer Musikrichtungen mutiert sind, ist nach wie vor nicht ausreichend erklärt. Ob Ramones-mäßiger Punkrock, Kiss-iger US-Glam oder, neuerdings dank The Piggyback Riders, Siebziger Jahre-Country, in Schweden stirbt kein Genre mehr aus.

Immerhin muss man dem Gesangsduo Sulo Karlsson (Diamond Dogs) und Idde Schultz zugutehalten, daß sie sich mt ihrem Album in einer recht obskuren Nische breitgemacht haben. Denn „Midnight At The Tenth Of Always“ kommt ohne jegliche Anbiederungen an zeitgemäße Geschmäcker aus, wer unter Country den Düster-Folk der letzten Johnny Cash-Alben versteht, wird hier kräftig schlucken. Hier erklingt der Sound, denn man mit den Jukeboxes amerikanischer Truck Stops der 1970er assoziiert, also, Glen Campbell, Charley Pride, Dolly Parton oder die junge Olivia Newton John sind hier die Vorbilder. Sprich, traurige Lieder, voller schöner Harmonien, befreit von allen Ecken und Kanten, immer ganz nah an der Kitschgrenze und bisweilen auch schamlos darüber hinaus. Das ist die Musik, zu der der aufrechte Redneck der Cousine oder dem Familienpferd den romantischen Heiratsantrag macht. Sulo und Idde harmonieren stimmlich wunderbar miteinander, und um der ganzen Sache musikalisch einen vernünftigen Unterbau zu geben, haben sie sich mit niemand Geringerem als dem britischen Gitarrenhelden Chris Spedding zusammengetan. Der hat seine Kunst bereits in den Dienst von Bryan Ferry, Paul McCartney, Tom Waits, Willy DeVille und David Gilmour gestellt und ist der – nicht ganz – heimliche Star des Albums. Denn immer, wenn die Songs in schlabbrigen Texas Lightning-Trash abzurutschen drohen, holt Spedding die Kohlen mit schönen Slide- und Steel-Gitarren oder auch mal einem beherzten Blueslick aus dem Feuer und verpasst der Scheibe eine Ehrlichkeit und emotionale Tiefe, die das Ganze erst von der stilistischen Fingerübung zum „echten“ Album befördern.

Zur uneingeschränkten Begeisterung reicht es aber dennoch nicht. Denn insgesamt macht sich über die knapp vierzig Minuten einfach ein wenig zu sehr die Gleichförmigkeit breit. Mit ‚Cuts Both Ways‘ und ‚Keep Your Heart Alive‘ sind nämlich nur zwei annähernd rockige Songs vertreten, die mit ihrem patentierten „Beggars Banquet“/“Let It Bleed“-Ära-Rolling Stones-Stomp auch gleich die Höhepunkte der Scheibe darstellen. Der Rest der Scheibe besteht, wie erwähnt, aus traurigen Balladen, die dem gestreßten Trucker mit Sicherheit so manche Träne ins Knopfloch treiben und für sich genommen alle ganz gelungen sind. Auf die gesamte Spielzeit jedoch dürfte „Midnight At The Tenth Of Always“ dem konventionellen Rockfan etwas zu gleichförmig ausgefallen sein. Ausgemachte Countryfans dürfen sich die Bewertung gerne noch eine Note höher denken.

SaschaG

Verteidiger der uncoolen Musik: AOR, Symphonic Prog, Hardrock, Thrash- und Achtziger-Metal, Stax/Atlantic und Mainstream-Rock. Süchtig nach BBC-Serien und schrägem Humor. Findet, dass "Never Let Me Down" nur das viertschlechteste Bowie-Album ist und "Virtual XI" besser als alles, was Iron Maiden danach gemacht haben. 

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