DRITTE WAHL – Arschpogo im Backstage

Livekonzerte sind in COVID-19-Zeiten sehr rar gesät. Zu groß ist die Gefahr einer Ansteckung. Viele Bands nutzen mittlerweile die Möglichkeit, Gigs zu streamen. Die Rostocker Punkband Dritte Wahl hat am 20. Juni ebenfalls ein zweistündiges Stream-Konzert gegeben. Dass hier die Interaktion mit den Fans fehlt, steht außer Frage.

Dritte Wahl hält es nicht mehr auf den Stühlen oder vor der Kamera. Die Band muss raus auf die Bühne, vor Leuten spielen und nutzt die Gelegenheit, unter strengen Hygiene-Auflagen ihr elftes Studioalbum heute im Münchener Backstage vorzustellen. Whiskey Soda hatte die Möglichkeit, das Rostocker Quartett im Rahmen seiner „3D“-Promotour im Münchener Backstage live zu sehen. Das Review zum neuen Album findet Ihr hier.

Um der aktuellen Situation Rechnung zu tragen, veranstaltet das Backstage den Gig im Freien. Genauer gesagt: im Biergarten. Der ist dank einer Zeltplane als Dach vor Wind und Wetter geschützt und bietet an seinen Biertisch-Garnituren Platz für 400 Fans. Denn heute ist „Arschpogo“ statt Circle Pit und blauer Flecken angesagt. Trotzdem entsteht nicht das Gefühl, sich auf ein Volksfest verirrt zu haben – Dirndl und Krachlederne sucht man hier Gott sei Dank vergebens.

Um Punkt 20 Uhr betritt Dritte Wahl die Bühne. Zum Intro zu „Was Zur Hölle“ prostet sich die Band noch einmal gegenseitig zu, bevor der neue Song zum ersten Mal live vor dem Münchener Publikum gespielt wird. Da das neue Album erst einen Tag nach dem Konzert veröffentlicht wird, fehlt bei den anwesenden Fans noch etwas die Textsicherheit. Dies ändert sich jedoch schlagartig mit dem zweiten Stück. Zu „Der Himmel Über Uns“ fällt es der Meute schwer, sich sitzend auf den Bierbänken zu halten. Zeile für Zeile wird die Band von Ihren Fans unterstützt.

Dritte Wahl zeigt sich in guter Spiellaune. Während „Krel“ Schröder im Hintergrund druckvoll und zuverlässig wie ein Uhrwerk seinen Job am Schlagzeug erfüllt, sind Gunnar Schroeder (Gesang, Gitarre) und Stefan Ladwig (Bass, Gesang) mit ihrer Interaktion das Bindeglied zum anwesenden Publikum. Holger H. bedient eher introvertiert Gitarre und Keyboard.

Der Sound im zu drei Seiten offenen Zelt ist recht gut. Lediglich in den hinteren Reihen kommt die Musik von der Bühne etwas zu leise an. Das Publikum verhält sich unglaublich diszipliniert auch wenn dies offensichtlich schwerfällt. Pogo im Sitzen ist nicht einfach. Lediglich einmal muss ein Ordner eine Frau ermahnen, die es einfach nicht mehr auf dem Poppes gehalten hat. Ein paar nette Worte, schon sind die Beine wieder unterm Tisch statt auf der Bank. Wie selbstverständlich trägt jeder auf dem Weg zur Toilette oder Bar eine Maske. Scheinbar weiß die ganze Crowd, was hier heute auf dem Spiel steht.

Die Setlist ist durchaus abwechslungsreich gestaltet. Sie bietet neben einigen neuen Tracks vom „3D“-Album den einen oder anderen Klassiker. „Wenn Ihr Wüsstet“ erschien bereits vor drei Jahren auf dem Album „10“, ist jedoch aktueller denn je. Er handelt von kruden Verschwörungstheorien und man hat das Gefühl, dass dieses Lied vor wenigen Wochen geschrieben wurde.

Wie auch in den Songtexten setzt sich die Band in den Ansagen zwischen den Liedern kritisch mit dem Weltgeschehen auseinander. Sowohl das kranke Gesundheitssystem, als auch die Regierung bekommt ihr Fett weg. Die Punks aus Rostock ernten dafür heftigen Applaus.

Doch die Zeit ist zu kurz, um Trübsal zu blasen und in Depressionen zu verfallen. 26 Titel haben es an diesem heutigen Abend auf den Zettel geschafft. So dürfen natürlich einige Mitgröler wie „Zeit bleibt Stehen“ oder „Wenn Wir Zusammen Sind“ nicht fehlen. Hier zeigt sich, wie textsicher das Publikum ist. Als die Band die Bühne verlassen hat, erschallt der nicht enden wollende Refrain aus fast 400 Kehlen.

Zu „Der Grosse Tag“ holt sich Dritte Wahl Verstärkung auf die Bühne. Backliner Max zeigt an der Trompete sein ganzes „Können“ und wird dafür von der immer noch diszipliniert sitzenden Menge abgefeiert. Stefan sorgt noch einmal für einen Höhepunkt an diesem Abend, als er mit seinem Bass das betischte Infield entert und Vollgas gibt.

Mit „Griechischer Wein“ vom Band endet dann die Show gefühlt viel zu früh. Selbstverständlich kommt Dritte Wahl zu jedem Refrain auf die Bühne, singt lauthals mit und lässt sich verdient feiern. Trotz der Einschränkungen hätte der Auftritt deutlich länger sein können.

Fazit: Für viele Fans war dies das erste Konzert seit vielen Monaten. Es war durch die aktuellen Hygiene-Auflagen eine vollkommen andere Veranstaltung als man es gewohnt ist. Die Stimmung bleibt dabei natürlich etwas auf der Strecke. Dennoch hat die Band mit ihrem Auftritt vieles richtig gemacht. Sorgt dieser doch unter anderem dafür, dass Clubs wie das „Backstage“ sowie einige (Mit)arbeiter ein paar Einnahmen haben.

Text: Andre Schnittker
Photo Credit: Mariana S. Mayer

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