NIGHT OF THE PROG FESTIVAL 2018 – Das Sommerfest der Progmusik

Traditionell heißt es Mitte Juli im herrlichen Amphitheater an der Loreley bei St. Goarshausen am Mittelrhein immer wieder: Night Of The Prog. Es ist eines der weltweit größten Festivals, das sich ganz dem Progressiven Rock verschrieben hat. Die wunderbare Atmosphäre ist – neben dem Line-Up – jedes Jahr ein Grund für viele Fans aus ganz Europa und Übersee, zur Loreley zu pilgern.

Das Night Of The Prog Festival öffnete vom 13. bis 15.07.2018 zum nunmehr dreizehnten Mal seine Pforten zu einem neuen Sommerfest der Progmusik.

Man durfte im Vorfeld auch 2018 gespannt sein, wie voll es diesmal beim Einlass sein würde, denn in den vergangenen Jahren hat es hier erfahrungsgemäß hin und wieder Verzögerungen gegeben. Dieses Jahr kann man nur sagen: Hut ab! Der Veranstalter hat dazu gelernt, und selten hat man einen so relaxten und schnellen Einlass bei einem Festival dieser Größenordnung erlebt. Schon auf den Zugangswegen tauschen Helfer die Tickets gegen Bändchen ein, so dass hier keine langen Warteschlangen entstehen. Der Einlass selbst erfolgt sogar schon vor der angekündigten Zeit, und damit sieht man überall zufriedene Gesichter, als die Menge in das Areal strömt.

Die Fans sind wie immer von Nah und Fern angereist, insbesondere ist der Zulauf aus den Niederlanden, Norwegen, Großbritannien, aber auch den USA sowie aus Schweden und Frankreich wieder sehr groß. Für drei Tage versammelt sich eine große Prog-Familie im Areal, um gemeinsam zu feiern und den Sommer bei den Klängen anspruchsvoller und teils hochkomplexer Rockmusik zu genießen. Wer es in das Amphitheater geschafft hat, den erwarten wie immer ein spektakulärer Anblick, eine wunderbare Aussicht und natürlich das Versprechen auf drei Tage Prog vom Feinsten. Die schon erwähnte familiäre Atmosphäre mit dem spektakulären Blick hinab in das zerklüftete Rheintal ist schließlich nicht der einzige Lockruf für die Fans aus aller Welt. Wie jedes Jahr bietet der Veranstalter WIV Entertainment eine gelungene musikalische Mischung aus großen Namen und talentierten Newcomern oder hierzulande eher unbekannten Bands.

Eröffnet wird der Festival-Freitag mit dem Auftritt der deutschen Progger Deafening Opera aus München. Das 2006 gegründete Sextett um Frontmann Adrian Daleore stellt sein neues Album „Let Silence Fall“ vor und legt komplexe und teils experimentelle Klangcollagen vor. Hierbei überzeugt die Band durch Spielfreude und stimmiges Songwriting, und Keyboarder Gérald Marie liefert einige komplexe Synthiepassagen, die immer wieder an Kevin Moore und die frühen Dream Theater Alben erinnert. Teils überraschen die Deutschen auch mit französischem Gesang. Eine tolle Eröffnungsband, die Lust auf mehr macht.

       

      Deafenin Opera                                Retrospective                                          Retrospective

Retrospective aus Polen stellen direkt im Anschluss unter anderem ihr neues Album „Re:Search“ vor und beenden mit ihrem heutigen Auftritt die aktuelle Europatour. Inzwischen sind die Ränge im Amphitheater schon sehr gut gefüllt, und die Stimmung ist bei sommerlichem Wetter mit teils leicht bedecktem Himmel sehr gut. Die dritte Band am Freitag heißt Antimatter. Die bereits 1998 in Liverpool von Mick Moss gegründete Band spielt Dark-  und Alternative Rock. Aus der 20-jährigen Bandgeschichte werden einige Perlen dargeboten. Der Keyboard-Sound ist teils etwas matschig, aber bessert sich im Laufe des einstündigen Gigs zunehmend. Antimatter ernten viel Applaus und gewinnen durch ihren Auftritt sicher auch viele neue Fans dazu. Sehr stylisch ist auch ihr Cover von Pink Floyds ‚Welcome To The Machine‘.

Zwischen den Auftritten (und natürlich auch währenddessen) haben die Fans die Gelegenheit, das Areal näher zu erkunden und sich mit Speisen und Getränken zu versorgen. Im Lauf der letzten Jahre ist das Angebot diesbezüglich erfreulicherweise angewachsen, neben den obligatorischen Pommes-Bratwurst-Combos sind auch asiatische Nudelgerichte, Flammkuchen oder Burger-Variationen erhältlich. Einige Stufen hinunter lockt der Biergarten nicht nur mit dem tollen Ausblick auf den Rhein, sondern auch mit diversen Angeboten für das leibliche Wohl der Gäste. Preislich hält sich das alles noch so im Rahmen, die Qualität ist in Ordnung. Kulinarischen Hochgenuss erwartet hier wohl eh niemand, lecker ist es aber allemal. Besonders hervorheben muss man die hier erhältliche „Loreley Cola“, die im Kontrast zu anderen Colas erfrischend anders schmeckt und eine gute Alternative für alle darstellt, die sich nicht nur von Bier ernähren wollen.

                               

            Antimatter                                                                                                        Threshold

Die britische Progressive-Metal-Institution Threshold erfreut sich auch bei uns großer Beliebtheit und sorgt entsprechend für gute Stimmung unter den Fans. Die Briten blicken auf immerhin 30 Jahre Bandgeschichte zurück. Der Auftritt wird von einer stimmungsvollen Lightshow begleitet, die aufgrund der Bauweise der Bühne und dem Rauch onstage auch im Hellen für Atmosphäre sorgt. Der Sänger Glynn Morgan hat seinen Part ja kürzlich wieder von Damian Wilson übernommen und zeigt natürlich jede Menge Erfahrung und Bühnenpräsenz. Das aktuelle Doppelalbum „Legend Of The Shire“ wird ausgiebig zelebriert, nachdem es beim ersten Song des Gigs noch Soundprobleme beim Gesang gibt, die aber schnell behoben werden. Threshold liefern eine stimmige Show und sorgen am Ende für Standing Ovations im Publikum und lang anhaltenden Applaus.

     

   Threshold                                          Riverside                                        Den Fans gefällt es

Riverside aus Polen blicken auf zwei schwierige letzte Jahre zurück. Nach dem Tod des Bandgründers Piotr Grudzinski im Jahre 2016 meldet sich die Band jetzt mit neuer Kraft zurück und präsentiert diese auch eindrucksvoll auf der Loreley-Bühne. Frontmann Mariusz Duda leitet mit viel Charme durch den Auftritt, und für emotionale Momente sorgt natürlich der Track ‚Towards The Blue Horizon‘, den die Band dem verstorbenen Piotr widmet. Beim folgenden Song ‚Leftover‘ wollen die Chöre des mitsingenden Publikums gar nicht wieder enden, und Synthiesounds, das prägnant eingesetzte Theremin und der Gesang der Fans verschmelzen bei einer tollen Soundmischung zu einem atmosphärischen Highlight des Abends. Das neue Album „Waste7and“ wird in zwei Monaten im September erscheinen. Als kleinen Appetithappen gibt es zum Ende der 90-Minütigen Show das Intro des neuen Albums zu hören.

Headliner des ersten Abends sind Big Big Train. Die Briten sind für eine exklusive Show nach Deutschland gekommen und spielen auf dem Festival ihr einziges Konzert auf dem europäischen Festland für das Jahr 2018. Nein, nicht nur das: Es wird sogar als weltweit einziges Konzert für 2018 angepriesen! Gründungsmitglied Gregory Spawton ist die einzige Konstante in der wechselnden Besetzung der Band, nachdem sein Kollege Andy Poole die Truppe letztes Jahr verlassen hat. Mit Spawton auf der Bühne stehen heute Abend unter anderem Rikard Sjöblom (der morgen mit Gungfly noch einen weiteren Auftritt zu absolvieren hat) und Nick D’Virgilio, durch seine Arbeit für Spock’s Beard natürlich ebenfalls ein sehr gern gesehener Gast an der Loreley.

             

Nick D’Virgilio bei Big Big Train                                            Die Bläsersektion von Big Big Train

Sänger David Longdon, der nebenbei auch Querflöte spielt, füllt die Bühne sofort mit seiner starken Präsenz. Gut zwei Stunden lang stehen insgesamt 13 Musiker auf der Bühne, unter anderem haben Big Big Train gleich eine fünfköpfige Bläsersektion mitgebracht. Gitarren, Geige, Flöte und Blechbläser wie Hörner, eine Trompete, Tuba und Posaune verschmelzen und einem folkigen breiten Sound mit vielen kleinen Überraschungen. Der solide Gig, für den viele Fans nach eigenen Aussagen extra angereist sind, erntet dann auch lang anhaltenden Applaus, und als Zugabe darf Drummer Nick D’Virgilio noch eine kleine Session eintrommeln, bevor er vom Rest der großen Band wieder unterstützt wird. Big Big Train liefern einen wahrlich großen Auftritt, der allerdings zumindest von der emotionalen Wucht her nicht ganz an die vorherige Riverside-Show heranreicht. Dennoch: Überall zufriedene Gesichter, als die Besucher kurz nach Mitternacht zurück zum Parkplatz oder ihren Zelten pilgern. Das Festival hat gerade erst begonnen, und der morgige Tag hält wieder ganz große Namen wie beispielsweise natürlich Camel bereit.

               

   Big Big Train                                                                                          Big Big Train

Am Samstag strömen die Fans wieder zeitig wieder in die Arena, lassen sich im Areal der steinernen Sitzbänke nieder oder bauen weiter hinten auf dem ansteigenden Gelände im Gras ihre Liegestühle auf. Die Sonne scheint auch heute, es ist warm, fast heiß, und das Wetter wird sich -soviel sei schon einmal verraten – auch bis zum Festivalende so halten. Einmal fallen zwei oder drei Regentropfen, die aber kaum für Abkühlung sorgen und wenige Sekunden später schon wieder verdampft sind.

Wie immer geht es auch heute an der Loreley sehr entspannt und relaxt zu. Und während so mancher noch bei den aufgebauten Merch-Ständen nach den schicken Festival-Shirts oder der einen oder anderen CD sucht, geht es um viertel nach zwölf unten auf der Bühne schon wieder los, als Smalltape den zweiten Tag mit ihrer Show eröffnen. Smalltape ist ursprünglich ein Soloprojekt des deutschen Musikers und Sounddesigners Philipp Nespital, der live von der Bassistin und Keyboarderin Alexandra Praet sowie seinen beiden Kollegen Diego Ivan Caetano (Schlagzeug) und Flavio De Giusti (Gitarre) unterstützt wird. Das Quartett begeistert mit anspruchsvollem Artrock, opulent-ausgedehnten Instrumentalpassagen, mehrstimmigem Gesang und immer wieder auftauchenden jazzigen Tönen. Nespital und seine Band stellen das aktuelle Album „The Ocean“ vor. Die teils avantgardistisch-experimentielle Musik kommt beim Publikum sehr gut an, und Nespital erntet mehrfach Szeneapplaus. Eine wunderbare Eröffnung für den zweiten Festivaltag.

   

      Smalltape                                       Rikard Sjöblom                                Wobbler

Als nächstes steht Ex-Beardfish Frontmann Rikard Sjöblom zum zweiten Mal bei diesem Festival auf der Bühne, und er sammelt diesmal mit seiner Formation Gungfly die Fans um sich. Der Multi-Instrumentalist überzeugt wieder einmal durch sehr persönliche Songtexte und elegisch-komplexe Keyboardpassagen.

Die norwegischen Retro-Progger von Wobbler präsentieren symphonischen Prog in einem hervorragenden Auftritt. Die Musik der vor 19 Jahren gegründeten Band um Frontmann und Keyboarder Lars Fredrik Frøislie wurde hörbar durch Genre-Urgesteine wie Gentle Giant und King Crimson inspiriert. Die Norweger liefern routinierten 70er-Jahre-Retro-Prog ab, der auch überwiegend auf Original-Equipment aus den 70ern dargeboten wird, zum Beispiel dem Mellotron oder den typischen analogen Moog Synthies. Die Skandinavier haben natürlich auch Songs ihres letzten Albums „From Silence To Somewhere“ im Gepäck. Frontmann Andreas Wettergreen Strømman Prestmo eröffnet das Konzert in einer geschmückten Maske und zeigt sich als Energiebündel, das immer wieder in die Höhe springt oder auf der Bühne herumtänzelt. Im Publikum befindet sich eine große Zahl norwegischer Fans, und am Ende bekommt der Sänger eine norwegische Flagge zugeworfen, mit der er natürlich auch gleich noch posiert und springt. Ein absolut überzeugender Auftritt und eines der vielen Highlights des heutigen Tages.

Long Distance Calling haben als reine Instrumentalband angefangen und erfolgreich die düster-progressiven Fahrwasser des Post-Rocks mit einigen Metal-Einflüssen ausgelotet. Richtig erfolgreich mit Platzierungen in den Charts wurde es dann aber mit den Alben „The Flood Inside“ und „Trips“, als in großem Stil Gesangsparts dazu kamen. Inzwischen sind die Münsteraner jedoch zu ihren Wurzeln zurückgekehrt und präsentieren sich wieder als Instrumentalband und beschallen die Loreley mit bodenständigen, kernig-erdigen Klängen. Das gelungene Set wird dominiert von knackigen Rockriffs mit deutlichen Prog-Tendenzen,  während die Whammy-Gitarre immer wieder spannende Akzente setzt. Die Band ist nach 2014 zum zweiten Mal auf dem Festival und überzeugt auch diesmal mit einer tollen und sehr lauten Show.

              

                 Long Distance Calling                                                              Mystery

Als nächstes stehen die kanadischen Art-Rocker Mystery auf dem Programm. Die Band um den Multi-Instrumentalist Michel St-Père und den Sänger Jean Pageau stellt das neue Album „Lies And Butterflies“ vor, das erst unmittelbar vor dem Festival fertig geworden ist und heute offiziell erschienen ist. Jean Pageau präsentiert sich beim Gig als symphathischer und sehr agiler Frontmann, der neben dem Gesang auch noch Keyboards und Querflöte spielt. Das neue Songmaterial ist großartig, und das Album findet am Merchandise-Stand reißenden Absatz. Leider scheint der Sound bei diesem Auftritt nicht ganz optimal ausgepegelt zu sein, so erscheint der Gesang hin und wieder etwas zu laut im Vergleich zu den leiseren Gitarren.

Eine ganz besondere Premiere gibt es nun mit The Sea Within und dem allerersten Live-Auftritt des neuen Artrock-Projekts um den Flower Kings Gitarristen Roine Stolt. Zwei Wermutstropfen waren schon im Vorfeld bekannt: Leider können der Pain Of Salvation Frontmann Daniel Gildenlöw und The Flower Kings Bassist Jonas Reingold heute nicht live mit dabei sein. Ersatz liefern der durch Flying Colors bekannt gewordene Sänger und Gitarrist Casey McPherson und der alte Loreley-Bekannte Pete Trewavas am Bass. Es war bei Facebook schon viel über diese Änderungen im Line-Up zu lesen. Ist das dann überhaupt noch The Sea Within, wenn zwei von fünf Originalmitgliedern gar nicht antreten? Wir wissen natürlich nicht, wie der heutige Gig mit Gildenlöw und Reingold abgelaufen wäre, aber die beiden Neuzugänge sorgen gemeinsam mit Keyboarder Tom Brislin, Drummer Marco Minnemann und natürlich dem schwedischen Gitarrengenie Roine Stolt für eine gute Stunde höchsten Genuß mit dem selbstbetitelten Debütalbum, das erst wenige Wochen vor dem Festival erschienen ist. Früh im Set gibt es dazu noch ein atemberaubendes Drum-Solo von Ausnahmeschlagzeuger Marco Minnemann.

     

  The Sea Within                                            The Sea Within                                                  The Sea Within

Bei Einbruch der Dunkelheit entert eine alte Prog-Legende die Bühne. Seit 1971 stehen Camel für melodischen klassischen  Prog mit folkloristischen Einflüssen. Frontmann und Gründungsmitglied Andrew Latimer war kurz vor dem Gig noch schwer erkrankt und muss heute überwiegend auf einem Stuhl Platz nehmen, aber das tut der Show keinen Abbruch. Mit ohrenbetäubender Lautstärke (sicher einiges lauter aufgedreht als die anderen Bands des Tages) eröffnen Camel ihren Auftritt mit ihrem meisterlichen Album „Moonmadness“ von 1976, welches in voller Länge gespielt wird.

Der 69-jährige Andy Latimer freut sich, trotz seiner Erkrankung hier spielen zu können und liefert wunderbar stimmige Gitarrensoli ab. An den Keyboards und am Saxophon sitzt Pete Jones, der eigentlich mit seinem Projekt Tiger Moth Tales für das Festival-Line-Up vorgesehen war. Er liefert unter anderem einige furiose Sax-Einsätze ab. Nach dem Album „Moonmadness“ werden weitere Klassiker wie ‚Long Goodbyes‘, ‚Rajaz‘ und ‚Mother Road‘ gespielt. Als Zugabe gibt es nach rund zwei Stunden ‚Lady Fantasy‘. Damit endet auch der zweite Tag mit einem wunderbaren Höhepunkt, wohlmöglich sogar mit dem besten Konzert aller drei Abende. Man merkt hier einfach zu jeder Sekunde, dass Camel ihren Ruf als eine der wegbereitenden Bands des Prog vollkommen zu recht besitzen. Wir hoffen, dass Andy Latimer noch viele Jahre lang weiter Musik machen kann.

              

Camel                                                              Camel                                               Camel

Der Sonntag ist schon wieder der letzte Tag des diesjährigen Festivals. Aber für Wehmut ist keine Zeit, stehen doch auch heute noch einmal sechs faszinierende Bands und Künstler auf dem Programm. So zum Beispiel Anubis aus der australischen Metropole Sydney, die heute das Pogramm eröffnen. Gerade vor wenigen Wochen haben sie ihr Akustikalbum „Different Stories“ veröffentlicht, jetzt stehen die sechs Musiker mit melodischen Songs und einigen wunderbaren Gitarrensoli auf der Loreley-Bühne. Neo-Prog trifft auf vielschichtig-verschachtelten Artrock, der gut bei den Leuten ankommt, auch wenn es am Sonntag etwas weniger Besucher im Areal sind als an den beiden vorherigen Tagen. Sänger Robert James Moulding erntet viele Sympathiepunkte. Anubis die allererste australische Band, die jemals auf dem Night Of the Prog Festival auftreten.

              

Anubis                                                      Casey McPherson                             Gentle Knife

Casey McPherson steht danach zum zweiten Mal an diesem Wochenende auf der Bühne. Gestern noch mit The Sea Within, hat der Flying Colors Frontmann für seine Solo-Show ein paar Flying Colors Nummern und andere Songs aus seinem kommenden Album vorbereitet. In der zweiten Hälfte seines Auftritts wird der Texaner von Olivia Wilson-Piper, der jungen Dame, die ansonsten die Moderation des Festivals übernimmt. Sie spielt als Begleitung die Violine und sorgt für spannende Akzente in McPhersons Songs, so unter anderem im atmosphärischen Finale ‚Peaceful Harbor‘.

Aus Norwegen stammen Gentle Knife, und das Prog-Ensemble dürfte nach Big Big Train am Freitag die größte Anzahl von Mitwirkenden auf diesem Festival auf die Bühne bringen. 11 Männer und Frauen musizieren gemeinsam, und man kann diesen Auftritt wohl am besten als „Gong meets Kelly Family“ beschrieben. Rein optisch sieht die gewaltig große Truppe wie eine Mischung aus Hippies und Naturburschen und –mädels aus, doch neben den zu erwartenden traurig-melancholischen Folksongs liefern Gentle Knife auch treibende Pop-Prog mit viel Synthie-Einlagen und knalligen Beats ab. Männliche und weibliche Gesangsparts wechseln einander ab, immer wieder unterbrochen von langen Instrumentalpassaen. Das macht durchaus Spaß und ist sehr unterhaltsam, und wer beim Soundcheck auf der Trompete den Imperialen Marsch aus Star Wars anspielt, hat ja ohnehin schon viel Humor bewiesen. Keyboarder und Multi-Instrumentalist Pal Bjorseth läuft wie ein Derwisch auf der Bühne herum, dazwischen gibt es Blumenkränze, fluffige Masken und viel Interaktion der Musiker untereinander. Vielleicht nicht der musikalisch überzeugendste Auftritt des Tages, wohl aber der unterhaltsamste. Derzeit arbeitet die Band übrigens an ihrem dritten Studioalbum.

          

Ange                                                                                              Ange

          

Ange                                                                                           Ange

Die Franzosen haben ja schon immer für positive Überraschungen auf dem Festival gesorgt, zum Beispiel im letzten Jahr Franck Carducci mit seiner Band oder 2016 die Gens De La Lune mit ihrem Keyboarder Francis Décamps. Er hat damals auch Ange gegründet, die in Frankreich bereits seit 1970 in wechselnder Besetzung eine ganz große Nummer in der Prog-Szene sind. Inzwischen ist Francis nicht mehr mit dabei, aber sein Bruder Christian und dessen Sohn Tristan haben jetzt die Ruder in der Hand.

Entsprechen gespannt darf man also auf den heutigen Auftritt sein, der übrigens die erste Live-Performance auf deutschem Boden in knapp 50 (!) Jahren Bandhistory darstellt. Frontmann Christian Décamps überzeugt mit einer gigantischen und voluminösen Stimmme. Ange liefern eine stimmige Show ab, und ganz nebenbei wird Frankreich zur gleichen Zeit auch noch Fußball-Weltmeister.

Die englische Prog Band Arena wurde 1995 von Mick Pointer und dem Pendragon Keyboarder Clive Nolan gegründet und spielt als nächstes auf dem „Progfelsen“. Das aktuelle Album „Double Vision“ steht natürlich auf dem Programm, aber der Schwerpunkt liegt zuvor bei einer vollständigen Performance der klassischen Platte „The Visitor“ von 1998, die von vielen als eines der besten Alben der Band angesehen wird.

            

Arena                                                                    Arena 

     

                  Arena                                                               Arena

Arena spielen auf „The Visitor“ ideenreichen und atmosphärischen Neo-Prog mit eingängigen Melodien und einigen AOR-Einflüssen. Es gibt ruhige, hymnische und auch hektische Stücke mit meist komplexen Strukturen. Die Gitarren stehen oft im Vordergrund, zuweilen auch die für den Neo-Prog typischen Keyboard-Klangflächen. „The Visitor“ ist ein Konzeptalbum, das sich mit Tod und Schmerz auseinandersetzt. Frontmann Paul Manzi singt sich stimmgewaltig durch das Album und wechselt mehrfach das Outfit oder stibitzt beim Bassisten Kylan Amos eine Taschenuhr. ‚Crying For Help VII‘ endet den Auftritt mit lang anhaltenden Fan-Chören im Publikum.

Drei Tage Prog bei schönstem Wetter neigen sich wieder einmal ihrem Ende entgegen. WIV Entertainment hat es auch dieses Jahr wieder geschafft, ein rundum gelungenes Festival auf die Beine zu stellen, das weltweit Besucher anlockt. Wir hörten von einem Amerikaner aus San Francisco, der nur wegen Camel die weite Reise auf sich genommen hat.

Aber ganz vorbei ist es natürlich noch nicht: Als heutiger Headliner stehen ja schließlich noch Mats Johansons Isildurs Bane auf dem Programm, die ihr Album „Colours Not Found In Nature“ im Gepäck haben. Richtig, bei dem Album der schwedischen Progger war ja Marillion Frontmann Steve Hogarth „Mr. H.“ an den Vocals, und auch ist Mr. H. natürlich live mit dabei. Als Special Guest ist zudem der britische Keyboarder Richard Barbieri mit am Start, nicht zuletzt bekannt durch seine Arbeit für Porcupine Tree.

       

Mr. H.                                                Richard Barbieri                                    Isildurs Bane

Nach dem Bombast der vorherigen Auftritte von Ange und Arena wird jetzt das Tempo zurückgefahren, aber dennoch stellt die Show wohl den Höhepunkt des heutigen Tages dar, denn es muss nicht immer laut und bombastisch sein. In diesem Fall überzeugt Steve Hogarth durch eine hoch emotionale Darbietung seiner Songs ‚Arc Light‘ und ‚Red Kite‘, die er gemeinsam mit Richard Barbieri vorträgt. Gemeinsam mit Isildurs Bane gibt es wie angekündigt das komplette „Colours Not Found In Nature“ Album, und auch ein paar Marillion-Songs wie ‚Three Minute Boy‘ und ‚Afraid Of Sunlight‘ dürfen nicht fehlen. Die Isildurs Bane Songs ‚Drive‘ und ‚Off The Radar‘, mit denen das Konzert eröffnet wird, haben eine jazzige Note und liefern faszinierende Klangcollagen mit ausgefallenen Instrumentierungen. Violinen, eine Viola, eine Bassklarinette und eine Trompete runden dass markante Klangbild der Band ab.

            

Steve Hogarth                                                                           Isildurs Bane

Damit geht dann auch das letzte der diesjährigen NOTP-Konzerte vorbei, und das Festival endet im Prinzip so, wie es wirklich ist: Familiär und intim und mit einem Höchstmaß an Atmosphäre. Das Festival zeigt viele verschiedene Spielarten des Prog, und genau das macht diese drei Tage jedes Jahr wieder zu etwas ganz Besonderem. Wir jedenfalls freuen uns jetzt schon auf 2019. Der Kartenvorverkauf hat übrigens schon begonnen.

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Bericht und Fotos: Michael Buch

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