CEMICAN – Die Rituale auf der Bühne gehören dazu

Cemican spielen Metal kombiniert mit mexikanischer Folklore. Azteken-Metal mit Schamanen-Ritualen, martialischem Auftreten und Instrumenten aus der Zeit vor dem Eintreffen der spanischen Eroberer prägen das Bild der bunten Truppe aus Mexiko. Im Frühsommer erregten die Herren mit einem optisch opulenten Video zum neuen Album virale Aufmerksamkeit, bei den Sommerfestivals waren die Jungs auf europäischen Bühnen unterwegs und sorgten für Neugier. Wir haben mit der Gruppe ein Interview geführt, in dem unter anderem die kulturellen, sprachlichen und spirituellen Wurzeln der Konzept-Band zur Sprache kommen.

Whiskey Soda: Cemican hat mit dem großartigen Musikvideo „Guerreros de Cemican“ und ihrem speziellen, eigenständigen Sound auf sich aufmerksam gemacht. Die Optik erinnert an den Film „Apocalypto“ von Mel Gibson. Allerdings werden im Film die Maya dargestellt, während Cemican in der Tradition der Azteken steht. Gibt es denn Gemeinsamkeiten zwischen diesen beiden antiken Völkern, die beide in Mittelamerika siedelten?

Cemican: Cemican versteht sich als Tribute-Band der prähispanischen Periode des antiken Mexiko in der Zeit von 1500 vor bis 1500 nach Christi Geburt. Zwischen den Maya und den Azteken gibt es Gemeinsamkeiten, aber auch große Unterschiede. Beide Kulturen waren die größten mittelamerikanischen Kulturen ihrer Zeit, jedoch hatten sie ihre Höhepunkte zu unterschiedlichen Zeiten. Lediglich über ein kurzes Zeitfenster hatten sie Kontakt zueinander und in dieser Zeit eine gute Beziehung. Eine weitere Gemeinsamkeit ist die polytheistische Religion mit Menschenopfern.

WS: Wie begann das denn alles mit der Band?

C: Alles begann 2008 mit dem Wunsch, der ganzen Welt die großartige Kultur und Mythen der alten Kultur Mexikos zu zeigen. Tecuhtli und Tlipoca, zwei alte Freunde, nahmen in Eigenregie das erste Album „Ometiliztli“ auf. Erst nach der Veröffentlichung des Albums begannen sie, nach weiteren Bandmitgliedern zu suchen, um alle Positionen für die erste Live-Show zu besetzen. Wir lernten auch in der weiteren Zeit noch viele Leute kennen, die sich mit der alten Kultur, dem Wissen über traditionelle Medizin wie dem Temascal Dampfbad oder Tanz auskannten. Diese Personen unterstützen seither die Band.

WS: In eurer Heimat habt ihr schon eine beachtliche Fangemeinde. Wie seht ihr denn eure Chancen in Europa oder allgemein, in nicht-spanischsprechenden Ländern?

C: Uns ist bewusst, dass die Sprache ein Hindernis zwischen Ländern darstellen kann. Wir treten dem damit entgegen, dass wir aktiv auf die Besucher unserer Konzerte zugehen. Wir unterhalten uns mit ihnen nach den Auftritten und beantworten ihre Fragen über unsere Texte und alles andere. Auch über Social Media sind wir in engem Kontakt zu unseren Fans und antworten, wenn dort Fragen gestellt werden.

WS: Die ursprüngliche Sprache der Azteken ist Nahuatl. Sprecht ihr diese Sprache denn bzw. wird sie heute überhaupt noch gesprochen und welche Rolle spielt sie im Konzept der Band?

C: Einige Worte und Redewendungen von Nahuatl sind noch heute in Gebrauch. Xaman-Ek hat Nahtuatl in der Universität studiert. Er ist unser Fachmann, der für Übersetzungen und Interpretationen verantwortlich ist. Es gibt übrigens neben Nahuatl noch andere antike Dialekte, die im heutigen Mexiko noch gesprochen werden.

WS: Habt ihr denn Schwierigkeiten, die ganzen Herausforderungen zu meistern, die mit einer „Konzept-Band“ wie ihr es seid, einhergehen? Die Kostüme, die Instrumente und die aufwändigen Musikvideos. Ist das überhaupt etwas das euch herausfordert, ist es auch mit Spaß verbunden oder schlicht etwas, was eben dazugehört?

C: Schwer fällt es uns jedenfalls nicht. Mexiko ist voll von Geschichten, die es zu erzählen gilt. Unsere Kostüme, für die sehr viele Federn benötigt werden, stellen Priester und andere altertümliche Wesen dar. Die Vergangenheit unseres Landes ist uns vertraut und es gibt genügend Material, das man studieren kann und das die Grundlage für unser Konzept ist. Wir lesen viel, besuchen Museen und lieben es, immer tiefer einzutauchen und neue Dinge über die Vergangenheit unseres Landes zu entdecken.

WS: Könnt ihr etwas mehr über die aztekischen Folklore-Instrumente erzählen, die ihr benutzt? Man hört auf dem aktuellen Album eine Flöte, besondere Trommeln und etwas heraus, das ähnlich wie ein Didgeridoo klingt. Haben die Instrumente besondere Namen und sind sie heute in Mexikon noch verbreitet?

C: Wir man auf dem neuen Album hören kann, benutzen wir sehr viele traditionelle Instrumente. Flöten, Muscheln, Rasseln und Trommeln und auch die Maya-Trompete, die einem Didgeridoo ähnelt. Es gibt nur wenige Werkstätten, die die speziellen Flöten noch herstellen. Ein Problem dabei ist oft, die passende Stimmung des Instruments zu bekommen. Aus diesem Grund wurden etliche Instrumente speziell für die Band hergestellt.

WS: Die Geschichte, Legenden und Kultur der Azteken machen den Kern eures Bandkonzepts als Cemican aus. In euren Videos und Fotos wirkt das alles sehr martialisch. Ist das denn etwas, was den historischen Tatsachen entspricht oder geht es eher um den „Metal-Look“ fürs Publikum?

C: Wir halten uns nicht für 100 Prozent historisch korrekt. Manchmal muss man auch pragmatische Erwägungen mit einbeziehen und Regeln brechen. Wir tragen beispielsweise auch moderen Kleidung wie Stiefel oder Hosen – das ist keine historisch authentische Kleidung alter Krieger. Wir sind eben auch einfach eine Metal Band, die verschiedene thematische Elemente nutzt. Das macht Cemican zu einer Folk-Metal-Band.

WS: Welche Vorstellungen hatten die Azteken vom Jenseits, worum ging es da im Kern? Gab es so etwas wie Himmel und Hölle, Sünde und Vergebung und so weiter?

C: Die Toten gingen nach dem Glauben der Azteken an einen Ort namens Mictlan, das ist weniger eine Hölle oder ein Himmel sondern eher ein Ort der Ruhe und Erholung. Einmal im Jahr war es möglich, einen Tag in die Welt der Lebenden zurückzukehren, um Freunde und Familie zu treffen. Der Totengott Mictlantecuhtli entschied, an welchen Teil des Mictlan man kam.

WS: Wie sehr identifiziert ihr euch mit diesen spirituellen Aspekten der Kultur der Azteken? Eines eurer Mitglieder ist ein Schamane, der auf der Bühne Rituale ausführt. Das erinnert etwas an die deutsch-dänische Band Heilung, die sich dem Neuheidentum zuordnen, bei deren Auftritten die Musik im Vergleich zu den durchgeführten Ritualen beinahe in den Hintergrund treten. Wie ist das bei euch? Ist das ein Aspekt, dem ihr euch stark verbunden fühlt oder geht es eher darum, einem metal-affinen Publikum eine möglichst attraktive Bühnen-Performance zu bieten?

C: Wir finden, es gehört dazu, diese Rituale als eine Performance mit auf die Bühne zu bringen. Es geht um die Emotionen, die uns im Blut liegen, aber auch darum, die einzelnen Lieder zu charakterisieren und dem Zuschauer dadurch die Themen des jeweiligen Songs zu transportieren.

WS: In Bezug auf die Metal-Elemente hört man bei Cemican hauptsächlich groovigen Thrash Metal heraus. Spiegelt das eure Wurzeln hauptsächlich wieder, welche Bands haben euch Jungs als Metal-Musiker geprägt?

C: Wir lieben Thrash und drehen durch, wenn wir ihn hören. Aber es gehören auch Elemente aus Black- und Deathmetal dazu, genau wie eben die prähispanische Folklore. Jedes Bandmitglied bringt seine Vorlieben mit ein und das findet in jedem Song seinen Niederschlag.

WS: Im vergangenen Sommer habt ihr ja erstmals auf einigen größeren europäischen Metal-Festivals gespielt? Wie waren die Reaktionen und habt ihr Pläne für eine „richtige“ Tour? Die mongolische Folklore-Metal-Band The Hu hat gerade sehr erfolgreich ihre erste Europa- und US-Tour hinter sich gebracht, die nächste ist bereits geplant. Wir könnten uns gut vorstellen, daß Cemican durchaus ähnlichen Anklang finden.

C: Die Reaktionen waren fantastisch, wirklich großartig! Das Publikum war oft überrascht und hat das ganz unterschiedlich gezeigt. Wir sind wirklich sehr froh darüber, daß den Leuten unsere Musik und deren Darstellung auf der Bühne zu gefallen scheint. Wir sind für 2020 wieder in Wacken eingeladen und planen weitere Termine im Sommer. Es wäre natürlich fantastisch, auch in anderen Breitengraden aufzutreten!

WS: Habt ihr zum Abschluss des Interviews noch eine aztekische Weisheit oder Redewendung für unsere Leser?

C: Solange die Welt existiert, wird der Ruhm und die Herrlichkeit unserer alten Hauptstadt Tenochtitlan nicht verblassen. Wir sind alle Krieger!

CEMICAN sind:
Tlipoca – Schlagzeug
Tecuhtli – Gitarre/Gesang
Ocelotl – Bass/Background-Gesang
Yei Tochtli – Prähispanische Instrumente
Mazatecpatl – Prähispanische Instrumente
Xaman-Ek – Rituale/Tanz/Prähispanische Instrumente

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DanielF

Harte Schale, weicher Kern. Chefredakteur und -metalhead in Personalunion und im "Nebenberuf" Sozialarbeiter, geht Daniels Geschmack von chilligem Americana (Cracker) bis zu kauzigem Indie-Rock (Eels), von klassischem Thrash (Metallica, Megadeth) bis modernem Death Metal (Deserted Fear), von opulent-schrägem Prog-Rock (Opeth, Gojira, Pervy Perkin) bis zu heftigstem Brutal Death Metal (Defeated Sanity, Wormed), von Bluesrock (Gary Moore, Anthony Gomes) bis Classic Rock (Alice Cooper, Queen) - um nur einen Teil zu nennen. Zudem hat er seit den frühen Neunziger Jahren ein leidenschafliches Faible für christliche Rockmusik in genau dieser stilistischen Bandbreite. 

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