700 Seiten hellseatischer Blues – Michaels Jahr 2021

Das Jahr ist fast vorüber, und natürlich flattert da der obligatorische musikalische Jahresrückblick auf den Tisch. Wie soll man auf ein Jahr zurückschauen, das wieder überwiegend gekennzeichnet war vom Ausfall der Livekonzerte, von Verschiebungen und der Angst vor der Zukunft der gesamten Branche? Als jemand, der Konzerte liebt und ebendiese Konzerte noch viel lieber fotografisch festhält, hatte man auch 2021 eigentlich wieder nur die Möglichkeit, sich ein neues Hobby zu suchen oder einfach nur ganz große Hoffnungen in die Zukunft zu setzen. Alles wird wieder gut, nächstes Jahr gibt es ganz bestimmt wieder Festivals und Clubauftritte, und überhaupt wird alles wieder so wie damals. Hm, wenn das doch nur so einfach wäre!

Aber es hilft ja alles nichts, und ganz konzertlos war auch 2021 zum Glück nicht. Ja, dank eines tollen Hygienekonzepts und der wunderbaren Organisation der Macher, durfte ich diesen Spätsommer sogar ein Metalfestival in der eigenen Heimatstadt besuchen. So etwas verdient es, hier noch einmal kurz erwähnt zu werden. Das Hellseatic war eine Premiere in der norddeutschen Musikszene. Das Festival entstand aus einem Kollektiv aus Bremer Musikern und Veranstaltern und fand im September trotz der widrigen Umstände auf dem Gelände der ehemaligen Bremer Wollkämmerei statt. Zwei Tage Thrash, Death, Doom, Black und Post-Metal sorgten nicht nur bei uns Fotografen für Freudentränen. Man muss diese Veranstaltung auf jeden Fall im Auge behalten und den Machern alles Gute und viel Erfolg für die Zukunft wünschen. Das Konzept ist aufgegangen, dafür ein dickes Dankeschön für das – leider auch beinahe einziges –  Konzerthighlight des Jahres.

Was macht der Musikfotograf, wenn er keine Bands fotografieren kann? Richtig, er liest. Und hier möchte ich allen Bluesfreunden einen Wälzer ans Herz legen, den ich persönlich für das unterhaltsamste Sachbuch des Jahres halte: „Secret Language of the Blues“ von Robert Cremer ist ein 700 Seiten starkes Nachschlagewerk, das sich explizit mit den Songtexten im klassischen und modernen Blues(rock) beschäftigt. Ja, es gibt eine regelrechte „Geheimsprache“ in den Texten, und als Nicht-Bluesler versteht man wohl kaum, wo der Unterschied zwischen „riding the rails“ und „Riding the rods“ liegt oder warum ein Musiker Angst vor einem „304“ oder einem „11-29“ hat. Neben einem umfangreichen Nachschlageteil beschreibt Cremer in seinem Werk auch die Geschichte des amerikanischen Blues mit vielen Anekdoten und Hintergrundinformationen. Das Buch ist bisher nur in englischer Sprache erschienen, eine deutsche Version ist aber in Arbeit und soll im Frühjahr 2022 auf den Markt kommen.

 

Nebenbei gab es natürlich auch viel zum Hören im vergangenen Jahr. Es ist schwierig, eine Reihenfolge festzulegen, aber hier sind fünf Alben, die mir besonders gut gefallen haben:

The Picturebooks – The Major Minor Collective:

Die beiden Musiker Fynn Claus Grabke (Gesang und Gitarre) und Philipp Mirtschink (Schlagzeug) haben sich für ihre 2021er Scheibe jede Menge Gäste eingeladen. Mit dabei unter anderem: Neil Fallon von Clutch, Chris Robertson von Black Stone Cherry, Dennis Lyxzén (Refused), John Harvey (Monster Truck), und „Lzzy“ Hale (Halestrom). Herausgekommen ist ein ganz starkes Album für alle Rock- und Bluesrock-Fans, das auch in 2022 immer wieder gerne im Player landen wird.

Church Of Mental Enlightment – The Truth:

Eine kleine Perle, auf die ich nur durch ein zugesandtes Rezensionsmuster aufmerksam geworden bin. Wer auf Classic Rock, insbesondere auf Led Zeppelin steht, muss hier unbedingt reinhören!

Big Big Train – Common Ground:

Leider endete das Jahr für die britischen Progger sehr traurig mit dem tragischen Unfalltod ihres Frontmannes David Longdon. In Erinnerung bleibt aber auch ein wunderbares Retro-Prog-Album, das trotz einiger Stiländerungen immer noch typisch nach Big Big Train klingt und leider zum Vermächtnis des sympathischen Sängers geworden ist. RIP, David!

Daily Thompson – God Of Spinoza:

Nicht nur bei uns das „Album des Monats“ im Dezember 2021. Das Trio aus Dortmund hat seinstärkstes Album veröffentlicht, das sich vom Psychedelic Rock eher dem 90er Grunge zugewendet hat. Der Stilwechsel ist der Band sehr gut bekommen, und man darf jetzt schon gespannt sein, womit Daily Thompson 2022 überraschen werden. Eine Tour ist auf jeden Fall geplant – da heißt es „Daumen drücken!“.

Dropkick Murphys  – Turn Up That Dial

Vielleicht nicht ganz so stark wie frühere Alben der Bostoner Folkpunkrocker, aber der hohe Mitgröhlfaktor macht vieles wieder gut. ‚Middle Finger‘ oder ‚Queen Of Suffolk County‘ werden in die Bandgeschichte eingehen, und wir hoffen einfach mal, die sympathische Truppe bald mal wieder live erleben zu können. Dieser Song ist für dich, 2021.

Dann waren da natürlich noch die Neuveröffentlichungen von Bandgrößen wie den Ärzten, Dream Theater oder Iron Maiden. Gute Alben, keine Frage, handwerklich toll gemacht, aber doch ist der allerletzte Funken Begeisterung hier zumindest bei mir nicht übergesprungen.

Leider sieht es im Augenblick eher traurig aus, was die Chancen auf ein Leben nach der Pandemie für 2022 angeht. Aber man darf ja noch hoffen, nicht wahr?

Titelfoto: Michael Buch / Hellseatic Festival 2021

Michael

Michael kam über die Konzertfotografie zu Whiskey-Soda und verbindet das Bildermachen gerne mit Konzertberichten und CD-Rezensionen. Als Chefredakteur für den Bereich Bluesrock mag er aber auch viele aus dem Blues entsprungene Genres wie diverse Metal-Spielarten. Daneben landen gerne Progressive- und Classic Rock und Americana auf seinem Drehteller, bevorzugt auf klassischem Vinyl. Wenn dann noch Zeit bleibt, findet ihr Michael bevorzugt im (Heim)Kino oder natürlich irgendwo da draußen zum Fotografieren. 

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