Rockavaria – Premiere eines neuen Rockfestivals in München

Noch nie fiel es mir so schwer, über ein Festival zu berichten, und dass obwohl ich 20 Jahre Festivalerfahrung vorzeigen kann. Aber das Rockavaria in München hatte nicht das typische Festivalfeeling aufkommen lassen, dazu fehlte das eigentlich für ein Drei-Tages-Festival übliche Campen neben dem Festivalgelände. Kein Büchsenschießen (Wer wissen will, was das ist, sucht bitte in den einschlägigen Suchmaschinen im Netz nach dem Begriff), kein Grillen, keine privaten Aftershowparties, eben all das nicht, was üblich ist, wenn man auf einem Rock-Festival campt. Nach dem letzten Act hieß es in München: ab nach Hause, ins Hotel oder wo auch immer man übernachten konnte und vor allem durfte. Denn im Olympiapark war das Zelten und Schlafen strengstens verboten und die Polizei zog abends ihre Kontrollen konsequent durch. Das nannte man dann "urbanes" Festival.


rockavaria.jpg „War dadurch das Festival in München schlecht? Weil das Campen fehlte? Nein, das war es nicht. Sicher gibt es hier und da Optimierungsbedarf, aber im Großen und Ganzen hat das Rockavaria eine gelungene Premiere hingelegt. Gleiches war zu berichten von den Parallelveranstaltungen in Wien „Rock in Vienna“ und in Gelsenkirchen „Rock im Revier„. Aber nun mal der Reihe nach.

Das Rockavaria stellt ein Rockfestival dar, welches es so seit 20 Jahren nicht mehr im Olympiapark gab. Wer sich erinnert: 1995 und 1996 war es das Festival Rock im Park, das im Münchener Olympiapark gastierte, bis es dann nach Nürnberg verlegt wurde. An den drei Tagen kamen circa 150.000 Rockfans und besuchten das Festival. Somit kann von einem Erfolg für den Veranstalter und für die Premiere des Festivals gesprochen werden. Wer unsere News zu der Festivalreihe mitverfolgt hat, weiß, dass der Anfang nicht so gut klang. Denn irgendwie stellen die drei Festivals in Wien, München und Gelsenkirchen eine Art Konkurrenzveranstaltung zu Rock am Ring und Rock im Park dar.

Rock am Ring, das Megafestival, das von den Fans auch „Der Ring“ genannt wurde, gibt es seit 1985 auf dem Nürburgring. Leider haben sich der Veranstalter und die Betreiber der Rennstrecke nach 29 Jahren „zerstritten“, zumindest wurden sie sich nicht mehr einig, was eine Zusammenarbeit unmöglich machte. Dieses Jahr also müssen alle Fans des Festivals „Rock am Ring“ umziehen. Nicht weit entfernt auf dem Flugplatz Mendig/Vulkaneifel wird dann das 30-jährige Bestehen des Festivals zelebriert.

Für das „neue“ Nürburgring-Festival gab es ein neues Veranstalterteam und natürlich einen neuen Namen: „Der Ring – Grüne Hölle Rock„, welches quasi das Festival „Rock am Ring“ auf dem Nürburgring ablösen sollte. Beinahe wäre die Verwirrung perfekt gewesen, denn beide Festivals sollten zeitgleich stattfinden. Und noch besser: Beide Festivals haben Parallel-Veranstaltungen. Dann sollte das neue Grüne Hölle Rockfestival eine Woche vor Rock am Ring stattfinden. Weil sich nunmehr aber auch Betreiber des Nürburgring und Veranstalter zerstritten haben, musste das Festival in die Veltins Arena auf Schalke verlegt und umbenannt werden: ROCK IM REVIER. Das ehemalige Der Ring – Grüne Hölle Rock Festival zog also vom Nürburgring in die Veltins Arena auf Schalke um.

Der Vorverkauf lief schleppend, während Rock am Ring und Rock im Park ausverkauft sind. Was für eine „Klatsche“ für die DEAG und ihre Konkurrenz Reihe. Aber das Lineup und eine professionelle Organisation schafften es am Ende doch, ein gelungenes Drei-Tages-Festival auf die Beine zu stellen. In München hatten die Festivalgänger die Möglichkeit, sich zwischen drei Bühnen zu entscheiden: Olympiastadion, Olympiahalle und Theatron. Auf diesen drei Bühnen spielten an den drei Tagen mehr als 60 Bands. Dazu wurden die Bands thematisch nicht gemischt, sondern in gewisse Kategorien eingeteilt. Im Theatron spielten beispielsweise am Freitag überwiegend 70er-Jahre-Rockbands, während am Samstag und Sonntag mehr die hardcore-lastigen Bands wie Ignite, Anti-Flag und Sick Of It All sich die Ehre gaben. Entsprechend bunt war dann auch das Publikum. Während man auf Festivals wie dem Wacken Open Air und Summer Breeze Open Air selten mehr als nur schwarz gekleidete Gestalten sieht, war von grauhaarigen Alt-Rockern und Biker über bunte Hippie-Kanarienvögel bis zum achtJährigen Enkel alles an Besuchern vertreten.

Das klingt bisher ja alles ganz ok, denn wer die eine Musik nicht mag, geht eben zu einer anderen Location. Das Problem bestand nur leider darin, dass der ein oder andere den ganzen Tag dann nur in einer Location bleiben wollte und diese dann wegen Überfüllung geschlossen wurde. So war es etwa gar nicht möglich, sich nur die Hauptacts im Theatron anzusehen, denn wer dort nicht von Anbeginn seinen Platz sicherte, konnte sehr sicher davon ausgehen, dass er nicht mehr ins Theatron eingelassen wurde: „Wegen Überfüllung geschlossen“, tönte es dann aus Megaphonen. „Na gut“, dachte sich der ein oder andere Gelassene und ging zur nächsten Location, der Olympiahalle. Diese wurde aber am Freitag ebenso eine halbe Stunde vor dem Hauptact Limp Bizikt wegen Überfüllung geschlossen. Keiner kam mehr rein. Das natürlich zum Frust derjenigen, die sich beispielsweise nur eine Tageskarte gekauft hatten um eben Limp Bizkit zu sehen. Entsprechende Hasstriaden hagelte es dann auch auf den Rockavaria Facebook Seiten.

Wer sich jedoch rechtzeitig einen Platz ergatterte, der konnte schon das ein oder andere musikalische Highlight erleben, teilweise sogar einmalig in 2015 in Deutschland.

limp_bizkit_2.jpgLimp Bizkit als Hauptact der Olympiahalle bekamen es leider nicht hin, die Halle so richtig zum Kochen zu bringen. Zwar zog Fred Durst all Register und rappte mit seiner Band Klassiker wie ‚Rollin‘, ‚Hot Dog‘ oder ‚Nokie‘, aber so richtig wollte der Moshpit nicht abgehen.

Set-List München Rockavaria:
Rollin‘ (Air Raid Vehicle) 
1. Hot Dog 
2. My Generation 
3. Livin‘ It Up 
4. Gold Cobra 
5. My Way 
6. Nookie 
7. Re-Arranged 
8. Killing in the Name 
(Rage Against the Machine cover)
9. Boiler 
10. Take a Look Around 
11. Break Stuff 

Am Samstag zählten Judas Priest sicherlich zu einem der vielen Highlights. Im Publikum traf Jung auf Alt, Rocker auf Metaller, Hetero auf Homo. Das ist Kult pur. Ob Rob Halford nun sich anfangs aus Modezwecken oder tatsächlich gesundheitlich auf einen Gehstock stützte oder nicht (2013 wurde er sogar in einem Rollstuhl abgelichtet), singen und schreien kann er immer noch und das mit ungebrochener Power. Da gab es dann auch ‚Painkiller‘ und ‚Living after Midnight‘ satt auf die Ohren (gemessene 117 db).

kiss.jpg „Der Höhepunkt am Samstag war aber Kiss. Unglaublich, was die geschminkten Herren in München im Rahmen ihrer 40-Jahre-Kiss-Tour baten. Und im Vergleich zu allen anderen Bands auf dem Rockavaria waren Kiss eindeutig meine Nummer eins. Nein, nicht weil sie einfach mal alle Klassiker gespielt haben wie ‚Detroit Rock City‘, ‚Deuce‘, ‚Calling Dr. Love‘, ‚Lick It Up‘, ‚God Of Thunder‘, ‚Black Diamond‘ und natürlich ‚I Was Made For Loving You‘, sondern weil sie regelrecht das Olympiastadion explodieren ließen mit viel Show, Pyrotechnik, Kunstblut von Gene Simmons und natürlich dem nicht fehlenden Ritual der Zerschmetterns einer Gitarre. „You Wanted The Best – You Got The Best!“
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faith_no_more.jpg „Der Sonntag war geprägt durch die finalen Auftritte von Faith No More und Metallica. Der Bühnenaufbau von Faith No More war irritierend: Weiße Blumenkübel gefüllt mit einem bunten Blumen Potpourri. Selbst die Band war weiß gekleidet inklusive Mike Patton. Dieser konnte aber mit seinen Vocals überzeugen, als wären es keine 18 Jahre her, als die letzte CD von den Mannen veröffentlicht wurde. Charismatisch, mal druckvoll grunzend, mal melodisch klar aber eines vor allem: unverwechselbar. Wenn jemand wirklich singen kann, egal ob live oder im Studio, dann ist es Mike Patton. Als Opener gab es einen Song aus dem neuem Album „Sol Invictus“, das erst vor ein paar Wochen erschienen ist. Dann gab es eine Mischung aus früheren Songs. Ja, da floss die ein oder andere Träne im Publikum, aber auch die Begeisterung war überall spürbar. Fantastisch und unvergleichlich trällerte Patton Songs wie ‚Epic‘, ‚Easy‘, ‚Motherfucker‘ oder ‚Midlife Crises‘. Pattons überragender Gesang, Billy Goulds melodiöser Bass, Jon Hudsons grandioser Gitarrensound, Mike „Puffy“ Bordins einzigartiger Drumsound und die feinen Keyboardeinlagen von Roddy Bottum. Alle wollten Faith No More ganz, und sie bekamen auch alles!

metallica.jpg „Am Ende gab es nur noch eine Band, die alles überbieten sollte: Metallica. Auch wenn das Bühnenbild und die -show sicherlich attraktiver hätte gestaltet werden konnte, den Fans war das egal. So traten Metallica mit gewohnter Professionalität und Gelassenheit auf die Bühne, hinter sich eine Horde von Fans (warum auch immer) und ein wenig Lichtshow. Fertig. Mit einem satten und gewaltigen Sound wurde das Publikum mit ‚Fuel‘ begrüßt. Und obwohl ich schon etliche Metallica Shows gesehen habe, so ist jede Show anders. Neben Klassikern wie ‚Master Of Puppets‘ oder ‚Seek & Destroy‘ wurden auch Tracks wie ‚Metal Militia‘ oder ‚Lords of Summer‘ performed. Dennoch: Metallica kennen ihr Publikum und wussten genau, dass sie ihre #1 Hits den Fans nicht vorenthalten durften. Und so fehlten weder ‚Nothing else Matters‘ noch ‚Enter Sandman‘ und vor allen nicht ‚One‘, welches mit einer Lasershow gewitternd eingeläutet wurde. metallica2.jpg „Ob nun Sänger James Hetfield mit seinem gewohnt eher freundlichen Wesen und immer einem Grinsen im Gesicht, Kirk Hammet mit seinen typischen Metallica Riffs, Basser Robert Trujillos oder Lars Ulrichs an den Drums, immer zu einer Grimasse bereit, sie alle sind älter geworden, aber ihr Sound, die Power und die Gefühle, die sie in ihre Songs und ans Publikum weiter geben, das ist alles frisch und kraftvoll. Danke Metallica, jedes Mal wieder für diesen kurzen Augenblick der Sinne und des wahren Sounds des Heavy Metal!
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Am Ende blieb das Chaos des öffentlichen Nahverkehrs. Wie will man auch auf einen Schlag ca. 50.000 Gäste transportieren von nur einer U-Bahnstation? Das hieß es Geduld mitbringen oder zu einer anderen Station laufen, die Tram nehmen oder oder oder oder. Hier hat der Veranstalter aber auch ein Einsehen und kündigte gegenüber whiskey-soda.de an, dass er aufgrund des Erfolges der Premiere es auch im kommenden Jahr ein „Rockavaria„-Festival im Olympiapark geben wird und man sich dann aber überlegen wolle, ob es in 2016 auch Campingmöglichkeiten geben wird. Die örtliche Deag-Veranstalterin Andrea Blahetek sagte bereits kurz vor dem Festival, es sei ihr Ziel, künftig auch Campingplätze anbieten zu können. Sie hoffe, mit der Stadt München und den Betreibern des Olympiaparks eine Lösung finden zu können. Auch bei Festivalbesuchern war immer wieder zu hören, dass sie gern einen Platz zum Zelten hätten. Wie anfangs erwähnt macht ja gerade das Campen oder Zelten den eigentlichen Festivalcharakter aus. Bislang halten sich jedoch alle in dieser Frage sehr bedeckt. Der Olympiapark käme absolut nicht in Frage, andere Stimmen behaupten, es sei doch alles gut gelaufen und warum brauche man denn dann überhaupt eine Campingmöglichkeit.

Bleibt also am Schluss die Frage: Wann ist ein Festival ein Festival? Die Frage ist wohl kaum wissenschaftlich zu beantworten, man kann ja mal Festivalgänger fragen: Ein Festival ist ein Festival, wenn es länger als einen Tag geht, normal wären 3 Tage und wenn man campt. Oder: Ein Festival ist ein Festival wenn alle Leute nach dem ersten Tag hacke breit sind. Beim Rockavaria hatte man eher das Gefühl, auf einer „Veranstaltung“ zu sein. Man kommt, hört sich die Bands seiner Wahl an und geht wieder. Keine durchzechten Nächte, keine neuen Bekanntschaften durch Zeltnachbarschaften, kein gemütliches Grillen, keine Aftershowparties mit Mini-Boxen und Mp3-Playern. Dennoch: das Rockavaria hatte seinen ganz eigenen Charme, die Auswahl der Bands war grandios, die Stimmung zum größten Teil gelassen und gut, wenn nun noch der Veranstalter die Kritik dieser ersten Veranstaltung ernst nimmt und die Kinderkrankheiten ausräumt, freue ich mich schon jetzt auf das Rockavaria in 2016 und bin gespannt, welche Bands uns alle dort erwarten.

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